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Ein Jahr nach der Krawallnacht in Stuttgart fehlt eine Erklärung

Krawallnacht in Stuttgart
Menschen stehen vor einem geplünderten Geschäft in der Marienstraße. Foto: Julian Rettig/dpa/Archivbild © Julian Rettig

Stuttgart (dpa/lsw) - Vor fast genau einem Jahr ziehen Dutzende vor allem Jugendliche und junge Männer durch die Stuttgarter City, sie plündern Geschäfte, werfen mit Flaschen, greifen Polizisten an. Als Krawallnacht machen diese Stunden des Exzesses Schlagzeilen, sie sorgen für heftige Debatten und für zahllose Fragen. Fragen, die die Amtsrichter in Stuttgart auch nach Dutzenden Prozessen gegen jene Randalierer nicht beantworten können.

Sie hätten keine plausible Erklärung für den damaligen Gewaltausbruch, sagten die Verantwortlichen in der Justizbehörde, bei der die meisten Täter aus jener Sommernacht bislang auf der Anklagebank saßen. «Die Strafverhandlungen haben wenig zur Erhellung beigetragen», sagte Gerichtspräsident Hans-Peter Rumler. «Das Überraschende war eigentlich, dass die Täter in ihrer überwiegenden Mehrheit und bis zu jener Nacht unauffällig gewesen sind.»

Am späten 20. Juni 2020 hatten Dutzende - vor allem Jugendliche und junge Männer - nach einer Drogenkontrolle in der Stuttgarter Innenstadt randaliert. Polizisten waren bedroht, beworfen, getreten und verletzt, Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert worden.

Es habe keine Brüche in den Lebensläufen der Täter gegeben, kaum Vorstrafen, die meisten angeklagten Jugendlichen und Heranwachsenden seien in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden, viele hätten einen Ausbildungsplatz, sagte Amtsrichter Joachim Spieth. «Und man kann wirklich nicht sagen, dass sie alle auf der Schattenseite des Lebens standen.» Sicherlich hätten Gruppendynamik und Alkohol eine Rolle gespielt. «Aber in den Verhandlungen konnten sich die meisten Angeklagten die Gewalt auch gegen Polizisten selbst nicht mehr erklären.»

Baden-Württembergs neuer Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) hatte zuletzt die Arbeit der Polizei gelobt, die in den vergangenen Wochen erneut in mehreren baden-württembergischen Städten attackiert wurde. «Die Polizei wird nach meiner Beobachtung immer mehr zu einem gesellschaftlichen Prellbock», sagte er in einem Gespräch mit den «Stuttgarter Nachrichten». Er stellte unter anderem die Zusammenarbeit der Beamten mit Streetworkern der Jugendarbeit als «vorbildlich» heraus. Beide versuchten, zusammen auf die Jugendlichen einzugehen.

«Es geht darum, dass die Jugendlichen sich und ihre Interessen ernst genommen fühlen», sagte der Landesminister. «Gleichzeitig muss aber auch jeder klar wissen, wo die Grenzen der Toleranz liegen. Nämlich, wenn Gewalt und Sachbeschädigungen ins Spiel kommen. Flaschen auf Beamte werfen, das geht gar nicht.»

Das Gespräch sieht auch eine Protestforscherin als Zeichen nach den jüngsten Auseinandersetzungen. «Statt polizeilich aufzurüsten, sollte die Kommunikation an der Basis etwa mit Streetworkern verbessert werden», sagte Julika Mücke, Doktorandin an der Universität Münster, der Deutschen Presse-Agentur. Die Ereignisse in den vergangenen Wochen sollten zunächst als Ausdruck der Unzufriedenheit gesehen werden, auch wenn die jungen Menschen nicht die gängigen Wege wie Demonstrationen oder Petitionen nutzen, um sich Gehör zu verschaffen.

In den Städten gehe es oft um die Frage, wer den öffentlichen Raum auf welche Weise nutzen dürfe. Dieses Thema sei mit den Corona-Einschränkungen noch brisanter geworden. Ziel müsse es sein, den Konflikten nicht ausschließlich ordnungspolitisch zu begegnen, sondern nach dem eigentlichen Problem zu suchen und den jungen Leuten Beteiligungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Bis Ende Mai sind am Stuttgarter Amtsgericht 64 Urteile zur Krawallnacht gesprochen worden, die meisten vor dem Jugendschöffengericht, viele wegen schweren Landfriedensbruchs oder gefährlicher Körperverletzung. Nach Angaben des Innenministeriums wurden insgesamt 141 Tatverdächtige im Zusammenhang mit den Ausschreitungen ermittelt und 82 Haftbefehle erlassen.

Rumler und Spieth äußerten Zweifel, ob die Urteile potenzielle Nachahmer von ähnlichen Gewaltausbrüchen fernhalten könnten. «Man hätte meinen können, dass sich eine solche Vielzahl an Haftbefehlen rumspricht und abschreckt», sagte Spieth. Es habe sich nichts Wesentliches verändert, wie die Auseinandersetzungen junger Menschen in Stuttgart, Heidelberg, Tübingen und Freiburg gezeigt hätten. «Es bleiben Fragezeichen, und wer mit offenen Augen durch die Straßen zieht, der nimmt wahr, dass sich die Lage offensichtlich nicht entspannt hat.» Man dürfe die Bedeutung des Bestrafens nicht überschätzen, sagte Rumler. «Auch wenn es wichtig ist, ein Zeichen zu setzen.»

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