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Tod von Tabitha E.: Die Wut des rechten Mobs auf den Bürgermeister von Asperg (Kommentar)

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Rechte Medien und Szene-Köpfe hetzen gegen den Bürgermeister von Asperg. Die Kommentarspalten schäumen über vor Aggression. © Pixabay/Pavlofox

„Größte Verachtung und größte Schande für und über diesen Bürgermeister und diese Gemeinde, […] die jetzt versuchen das Gedenken an Tabitha derartig auszumerzen.“ Diese Worte sprach der Kopf einer rechtsextremistischen Gruppierung für ein rechtsextremes Magazin kürzlich in eine Kamera. Sein Name: Martin Sellner, Wortführer der Identitären Bewegung (IB).

Kreuz auf dem Kirchplatz: IB instrumentalisiert Tod von Tabitha E.

Diese Worte haben eine Vorgeschichte. Seit Tagen rücken rechtsextremistische Aktivisten der IB den Bürgermeister von Asperg, Christian Eiberger, in den Fokus ihrer Anhänger und Sympathisanten. Mittlerweile haben zahlreiche Szene-Medien das aufgegriffen.

Der Vorwurf lautet: Eiberger habe ein Denkmal für die getötete 17-jährige Schülerin Tabitha E. während des Asperger Stadtfestes entfernt. IB-Aktivisten hatten es zuvor auf dem Kirchplatz aufgestellt. Stein des Anstoßes sind außerdem Bilder, die das Kreuz an seinem letzten bekannten Standort zeigen – in dessen unmittelbarer Nähe auf Fotos ein Toilettenhäuschen zu sehen ist.

Hauptsache Hetze: Der Hass in den Kommentarspalten

Die Versionen dieser Geschichte, wie sie auf Telegram und in Medien der rechten Szene erzählt wird, variieren. Eines kommt selten vor: Die Begründung des Bürgermeisters, der das Holzkreuz mit Tabithas Namen auch aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen, mit denen es nicht abgestimmt war, an einen anderen Ort stellte. Eines kommt ausnahmslos immer vor: Der Hass in den Kommentarspalten.

„Kurz und knapp: Leibesstrafe in Eigenregie durch die Einwohner“, schreibt ein „Walter“ unter das Sellner-Video des rechtsextremen Magazins. „Wohnort des […] BM (=Bürgermeister, Anm. d. Red.) dürfte bekannt sein.“

Ein Beispiel von vielen. Dieser Hass ist keine Folge dieser rechten Hetze, die sich als Berichterstattung tarnt. Es ist ihr einziger Zweck.

Mobilisierung statt Mitgefühl: Parallelen zu Mia aus Kandel

Wie schon im Mordfall der damals 15-jährigen Mia aus Kandel versuchen Rechtsextremisten, das mutmaßliche Gewaltverbrechen von Asperg für ihre rassistische Ideologie zu instrumentalisieren. Tatverdächtig ist ein 35-jähriger Syrer, das passt ins Narrativ. Tabitha E. ist für diese Menschen nicht mehr als ein Mittel zum Zweck, die ganze Kreuz-Aktion nur ein geschmackloser PR-Stunt. Es geht um Mobilisierung statt Mitgefühl.

Christian Eiberger: Bürgermeister wird als Feind markiert

Die rechte Szene hat sich dabei auf einen Feind eingeschossen. Christian Eiberger. Das verheißt nichts Gutes. Die Vergangenheit hat gezeigt: Die gewalttätige Stimmung, die einem aus den Kommentarspalten entgegenbrüllt, kann sich auch abseits des Digitalen Bahn brechen. Szene-Köpfe und -Medien heizen diese Stimmung weiter an.

Wer sich in deren Umfeld tummelt, ist nicht nur wenig verwunderlich, es ist auch durch zahlreiche Beispiele belegt. Nicht zuletzt im Fall Sellner, zu dessen Anhängern der Rechtsterrorist zählte, der 2019 bei einem Attentat auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen tötete. Sellners Distanzierungen ändern nichts an dieser Tatsache.

Die Gewalt, deren Potenzial sich in den Kommentaren andeutet, haben diejenigen, die jetzt Hass und Hetze über all ihre Kanäle jagen, nicht unter Kontrolle. Aber sie tragen eine Mitverantwortung, falls dem Bürgermeister von Asperg etwas passieren sollte. Sie liefern einen vermeintlichen Grund, sie markieren das Ziel. Wie bei Kretschmer, bei Lauterbach, bei Lübcke. Distanzierungen ändern nichts an dieser Tatsache.