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Welle von Virus-Infektionen bei kleinen Kindern in Kliniken

Säugling beim Kinderarzt
Ein Säugling wird von einem Kinderarzt mit einem Stethoskop abgehört. Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild © Friso Gentsch

Stuttgart (dpa/lsw) - In der Gruppe der oft ungeimpften Kleinkinder sind Infektionskrankheiten in den vergangenen Wochen massiv gestiegen. Diese Kinder waren nach Auskunft des Gesundheitsministeriums vom Donnerstag in den vergangenen zwei Jahren in ihrer Umgebung pandemiebedingt stärker geschützt. Sie konnten daher nicht die normale und wichtige Entwicklung ihrer Immunabwehr durchlaufen. «Jetzt treffen die Keime auf ungeübte Immunsysteme», sagte Oliver Heinzel vom Universitätsklinikum Tübingen. Die Infektionswelle wird nach Auskunft der Ärzte vor allem durch das RS-Virus (RSV) getrieben.

Aus diesem Grunde hatte Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) zu einem digitalen Fachgipfel geladen. Bei dem Treffen wurden am Donnerstag die akuten Probleme der Mediziner diskutiert und mögliche Wege aus der Krise erörtert.

Das «Bollwerk» der Kinder- und Jugendarztpraxen versorge über 90 Prozent dieser erkrankten Kinder ambulant, sagte Pädiater Thomas Kauth aus Ludwigsburg, der den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg auf dem Gipfel vertrat. «Ungewöhnlich viele Kleinkinder müssen wegen starker Atemnot in Kinderkliniken eingewiesen werden. In den Praxen kommt es zu einem Anstieg auf 160 bis 180 Prozent der schon vor Corona sehr hohen Fallzahlen der infektkranken Kinder.»

Die Kinderkliniken stünden vor einem echten Versorgungsengpass, sagte Christian von Schnakenburg, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Esslingen und Landesvorsitzender des Verbandes Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands.

Das RS-Virus - kurz für das Respiratorische Synzytial-Virus - ist eine Atemwegserkrankung, an der auch Erwachsene schwer erkranken können. Sie sei aber besonders für Frühgeborene, Säuglinge und Kleinkinder gefährlich. «Diese können ausgesprochen schwere Lungenentzündungen bekommen. Problematisch ist besonders, dass jetzt zwei Jahrgänge von Kindern aufeinandertreffen, die die Infektion noch nicht durchlaufen haben», erklärte Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne).

Die Hospitalisierungszahlen für RSV haben laut dem Ärztlichen Leiter der Kindernotaufnahme vom Klinikum Stuttgart, Friedrich Reichert, in eineinhalb Monaten schon die Zahlen überschritten, die man sonst über fünf Monate erreicht. Wenn zu dieser Infekt-Welle noch eine Influenza-Welle hinzukäme, würde die Pädiatrie garantiert überlastet werden. «Auch jetzt schon gibt es Phasen, in denen die Notfallversorgung von Kindern stellenweise nicht mehr adäquat gewährleistet werden kann», sagte Reichert. Die gleiche Lage zeichne sich bei den niedergelassenen Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten ab.

Auch im angrenzenden Bayern schlagen Kinderärzte Alarm. Im Klinikum Memmingen sind nach eigenen Angaben schon mehrere Stationen überbelegt und die Kinder-Notaufnahme überlastet. Kinder sollen dort nur noch im Notfall ins Krankenhaus. «Wenn Ihr Kind Infektionsanzeichen wie Fieber, Husten, Schnupfen oder Durchfall zeigt, so ist das in den meisten Fällen kein Notfall», sagte der Chefarzt der Klinik.

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