VfB Stuttgart

Taktik-Analyse nach den Partien gegen Hoffenheim und Frankfurt: Hat der VfB ein „In-Game-Coaching“-Problem?

Kopie von Pellegrino Matarazzo
VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo muss sich Gedanken machen, wie er seine Mannschaft besser auf taktische Veränderungen der Gegner einstellen kann. © Danny Galm

Vier Spiele in Folge kam der VfB Stuttgart nicht mehr über ein Unentschieden hinaus. In allen vier Partien war für den Aufsteiger mehr drin - vor allem gegen Frankfurt und Hoffenheim. Nach starken ersten 45 Minuten und einem dominanten Auftritt verspielten die Schwaben in beiden Spielen drei mögliche Punkte.

Ein Grund für den Bruch im Spiel der Stuttgarter waren unter anderem die taktischen Umstellungen des gegnerischen Teams, auf die Gonzalo Castro und Co. keine Lösungen fanden. Hat der VfB etwa ein "In-Game-Coaching"-Problem? Eine Analyse.

Taktische Umstellungen des Gegners bringen den VfB aus dem Konzept

Acht Spiele, elf Punkte, Tabellenplatz acht - der VfB steht als Aufsteiger ganz gut da. Die Schwaben sind zudem seit sieben Spielen ungeschlagen. Doch trotz der guten Gesamtsituation bleibt nach den letzten Partien ein fader Beigeschmack. 

Gegen ersatzgeschwächte Hoffenheimer dominierte der Aufsteiger die Partie in Halbzeit eins klar, die Führung hätte zur Halbzeit auch höher ausfallen können. Doch in Halbzeit zwei kippte das Spiel plötzlich, VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo sah den Grund in einer taktischen Umstellung des Gegners.

Hintergrund: Die Hoffenheimer hatten nach einer schwachen ersten Hälfte im Mittelfeld auf eine Raute umgestellt und somit mehr Raumdruck auf die Schwaben ausüben können. Aus diesem Pressing konnten sich die VfB-Profis nur noch schwer befreien. Die Folge: Viele einfache und schnelle Ballverluste der Stuttgarter, vor allem in den eigenen Umschaltaktionen. Auch wenn die Hoffenheimer in dieser Phase gut gespielt haben: Das darf einer Bundesliga-Truppe so nicht passieren.

Die Kopie des Hoffenheim-Spiels gab es bereits eine Woche zuvor. Im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt spielte der VfB eine starke erste Halbzeit, führte verdient mit 2:0 gegen schwache Gäste. Doch auch gegen die Eintracht verlor der VfB nach einer taktischen Umstellung der Gäste in der zweiten Halbzeit das Konzept – und gab die Partie schlussendlich fast noch aus der Hand.

Hat der VfB ein „In-Game-Coaching“-Problem?

Dass der VfB zweimal in Folge eine Partie nach zuvor souveräner Vorstellung aufgrund taktischer Umstellungen des Gegners fast noch verloren hat, stellt die Frage: Wieso können die Schwaben auf solche Taktik-Kniffe nicht oder erst sehr spät reagieren? Hat das Team ein „In-Game-Coaching“-Problem, erreicht Trainer Matarazzo seine Mannschaft mit taktischen Ansagen während des Spiels überhaupt?

Um sich dem Problem zu nähern, müssen zum einen die äußeren Faktoren eines jeden Spiels betrachtet werden. Zurecht kann man angesichts der aktuellen Corona-Situation sagen: Es war wohl noch nie so leicht für einen Trainer, seine Mannschaft während eines laufenden Spiels zu coachen.

Liegt es an den äußeren Umständen – oder gar an Trainer Pellegrino Matarazzo?

Wo man sonst vor 60.000 Zuschauern sein eigenes Wort kaum verstehen kann, sorgen leere Ränge für einen fast ungehinderten Kommunikationsfluss zwischen Trainer und Spielern. Selbst der aufmerksame Fernseh-Zuschauer konnte gegen Hoffenheim die lautstarken Anweisungen des Stuttgarter Schlussmanns Gregor Kobel wahrnehmen.

Zum anderen muss ein Trainer an der Seitenlinie stehen, der seinen Spielern taktische Inhalte vermitteln kann. VfB-Coach Pellegrino Matarazzo befindet sich zwar bei seiner ersten Cheftrainer-Station in der höchsten deutschen Spielklasse, sein taktisches Verständnis für das Spiel stand jedoch nie zur Debatte. Zudem kann Matarazzo in seinem großen Trainerstab auf die Dienste eines Analysten bauen, der bei jedem Spiel auf der Tribüne in Echtzeit taktische Umstellungen der Gegner übermitteln kann. In diesen beiden Faktoren ist das Problem eher nicht zu finden.

Das Problem des VfB: die junge, unerfahrene Mannschaft

Der dritte und entscheidende Faktor, warum der VfB mit den taktischen Umstellungen seiner Gegner so schwer zurechtkommt, ist die Mannschaft selbst. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, reicht ein kurzer Blick in ein Taktik-Grundbuch. Spricht man im Profibereich über das Fußballspiel im Allgemeinen, ist immer von einem „Players-Game“ die Rede.

Das bedeutet: Die Spieler agieren auf einem so hohen Niveau und sind so gut geschult, dass sie selbst auf Spielsituationen oder taktische Anforderungen reagieren können. Vor allem in der Bundesliga kann und muss erwartet werden, dass eigenständig Lösungen gefunden werden. Im Amateurbereich wird hingegen vom „Coaches-Game“ gesprochen, da der Einfluss des Trainers auf das Spiel und das Verhalten seiner Spieler viel größer ist.

Matarazzo muss seine Spieler vor allem taktisch weiterentwickeln

Hier liegt also das Grundproblem der Stuttgarter: Die Mannschaft ist auf vielen Positionen noch zu unerfahren, um im Spiel auf die taktischen Anforderungen der Bundesliga reagieren zu können - erfahrene Kräfte wie Gonzalo Castro und Daniel Didavi ausgenommen. Mit einem Durchschnittsalter von 24,3 Jahren schickt VfB-Coach Matarazzo zudem die jüngste Startelf der Bundesliga auf den Platz, was den genannten Standpunkt untermauert. 

Diese Unerfahrenheit spiegelt sich eben auch in der Qualität wider, sich auf taktisch neue Situationen einzulassen und anzupassen. Wenn der Gegner in der zweiten Halbzeit plötzlich hoch presst, anstatt wie in Halbzeit eins das Spiel abwartend zu kontrollieren, ergibt sich ein ganz anderer Zielkorridor, der bespielt werden muss - und in dem sich die Spieler bewegen. Erkennt das ein Spieler während des Spiels nicht, kommt meist jede taktische Ansage von außen zu spät. Und der Gegner hat die Partie bereits auf seine Seite kippen können - wie gegen Hoffenheim.

Nun liegt es an Pellegrino Matarazzo, seine teilweise Bundesliga-unerfahrene Spieler im Training taktisch gut zu schulen - ansonsten wird sich der VfB-Fan auf weitere Spiele wie gegen Hoffenheim oder Frankfurt einstellen müssen.