Wirtschaftsförderung der Stadt Waiblingen

„Dass wir auf mehreren Füßen stehen, ist unser Vorteil!“

Marc Funk
Dr. Marc Funk Foto: WTM GmbH Waiblingen © WTM

Können Sie bereits einschätzen, wie hart die Corona-Krise die Waiblinger Wirtschaft getroffen hat?

Marc Funk: Es ist keine Frage, dass Corona die gesamte Wirtschaft trifft. Es ist aber schwer, heute bereits Aussagen darüber zu treffen, wie sich die Pandemie letztendlich auswirken wird. Unsere Betriebe sind vielfach Teil einer globalisierten Wirtschaft und daher von den weltweiten Auswirkungen dieser Krise betroffen. Man sollte aber nicht vergessen, dass sich das Wachstum der Weltwirtschaft bereits in den Monaten vor der Pandemie spürbar verlangsamt hat. Eine nachlassende konjunkturelle Dynamik und ein rückläufiges Welthandelsvolumen haben bereits im zurückliegenden Jahr zur wirtschaftlichen Eintrübung geführt. Hinzu kommen die Digitalisierung und Transformationsprozesse, mit denen unsere Unternehmen konfrontiert sind und die die Budgets belasten.

Nun kommt auch noch Corona hinzu. Die Auswirkungen der seit Beginn des Jahres 2020 weltweit getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus haben zu einem deutlichen Nachfragerückgang nach Produkten und Dienstleistungen aus Baden-Württemberg geführt. Das hat das Statistische Landesamt erst kürzlich aufgezeigt. Folglich sind auch unsere Waiblinger Unternehmen hiervon betroffen und leiden unter der Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen. Das Ausmaß der Krise ist groß, von Branche zu Branche aber durchaus unterschiedlich. Wir hören z.B. von Mitgliedsfirmen unseres in Waiblingen angesiedelten Kompetenzzentrums Packaging Excellence Region Stuttgart e.V. (PEC) dass die Auftragslage überwiegend noch zufriedenstellend ist. Viele dieser Firmen sind im Bereich Pharma oder Food und damit in Branchen tätig, die von der Krise weniger stark betroffen sind. Gleiches gilt für unsere Firmen im Bereich der kosmetischen Industrie. In bestimmten Bereichen, wie etwa in der Automobilwirtschaft, der Reisebranche, dem Handel oder der Gastronomie sind die Einbrüche aber dramatisch und gefährden die Existenz von Unternehmen.

Welche Aspekte tragen im Wesentlichen dazu bei, dass Händler, Unternehmer und Betriebe eine solche Durststrecke überstehen?

Auch hier gilt: Eine allumfassende Antwort für alle Wirtschaftszweige zu geben ist nicht möglich, da diese in ihren betrieblichen Strukturen und wirtschaftlichen Gegebenheiten viel zu unterschiedlich sind. Was allerdings gesagt werden kann: Gutes Unternehmertum ist sicherlich ein Kriterium, das generell hilft, Krisen meistern zu können. Hierzu zählen solides kaufmännisches Handeln und Wirtschaften, Kreativität, das Erkennen von Marktpotentialen und unternehmerischen Chancen. Natürlich sind auch Innovationen wichtig. Das hört sich immer so selbstverständlich an aber ich möchte gerne erläutern, um was es mir dabei geht. Innovationsmanagement ist im Unternehmen als Handwerk oder festes Instrument zu etablieren, damit Innovation auch praktisch realisierbar wird. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Unternehmensführung beispielsweise im Bereich der Personalentwicklung, ist mit Aufwand verbunden, kann sich aber positiv auf den Unternehmenserfolg auswirken. Es kommt auf den Unternehmer an. Der Staat kann immer nur den Rahmen setzen und unterstützen.

Ich bin übrigens der Meinung, dass der Staat vieles in der Krise gut und richtig gemacht hat. Handeln müssen die Betriebe aber selbst. Letztlich ist gerade in der Krise Zukunftskompetenz gefragt und in den zurückliegenden Wochen war spürbar, dass mit Agilität, Kreativität, innovativen Produkten und Dienstleistungen die Krise leichter zu meistern ist.

Kann man sagen, dass Waiblingen verhältnismäßig gut für diese absolut unerwartete Krise gerüstet war?

Wir können froh sein, dass wir eine fast zehnjährige wirtschaftliche Erfolgsphase hinter uns haben. Ein Großteil unserer Unternehmen hat gut gewirtschaftet, verfügt über Polster und das notwendige Eigenkapital. Letzteres ist vielleicht auch ein Ergebnis oder eine Erkenntnis aus der Finanzkrise 2008, auch wenn ich Corona nicht mit der Situation nach der Lehman-Pleite vergleichen möchte. Dennoch hilft eine gesunde wirtschaftliche Basis und entsprechendes Eigenkapital Krisen leichter meistern zu können.

Hinzu kommt unsere diversifizierte Wirtschaftsstruktur. Wir sind in Waiblingen nicht von einer oder zwei Branchen abhängig. In guten Zeiten wird das auch gerne als Schwäche oder fehlendes Profil ausgelegt. Langfristig ist es immer von Vorteil, auf mehreren Füßen zu stehen. Von diesem breiten Fundament werden wir hoffentlich auch jetzt profitieren. Weiterhin haben wir eine gute Mischung von Großbetrieben und zahlreichen mittelständischen Betrieben, was uns ebenfalls zugutekommt.

Was leistet die Wirtschaftsförderung in dieser Ausnahmesituation?

Viel Information und Beratung. Wir haben mit dem Shutdown begonnen, alle für die Betriebe wichtigen Informationen zu sammeln, aufzubereiten und zu verteilen. So haben wir regelmäßig über Kurzarbeitergeld, Liquiditätshilfen, Steuerstundungen, Fördermittel, Coronaverordnungen etc. informiert. Von Mitte März bis Ende April nahezu täglich, per Mail an ca. 400 Mittelständler und zusätzlich an unsere Einzelhandelsbetriebe. Die Reaktion auf diese Informationen war sehr positiv, sowohl von den größeren, als auch von den kleineren Betrieben, was uns gefreut hat. Die Firmen wurden teilweise mit Informationen überschüttet. Wir haben versucht, die Vielzahl von Angeboten zu bündeln und übersichtlich darzustellen, was der richtige Weg war. Hinzu haben wir schnell für Handel und Gastronomie eine Übersicht der Lieferservices erarbeitet, viel Werbung auf Facebook und Instagram gemacht und die Plattform waiblingen-kauft-am-ort.de initiiert. Was die Plattform angeht, so ist es mir wichtig darzulegen, dass wir damit keine Konkurrenz zu Amazon und Co machen wollen, was schlichtweg unmöglich ist. Es ging und geht darum, die Sichtbarkeit des Handels zu erhöhen, gerade während des Shutdowns. Die Plattform ersetzt auch nicht den einzelbetrieblichen Onlineshop. Diesen auf den Weg zu bringen und Multi-Channel-Konzepte zu fahren, ist Aufgabe der Betriebe, was vielfach wahrgenommen wird, beileibe aber noch nicht von allen Unternehmen.

Was möchten Sie den Waiblingern, die von den vielen Spezialisten am Ort profitieren, ans Herz legen?

Ans Herz legen möchte ich allen, sich zu vergegenwärtigen, dass man in einer tollen Stadt und in einer attraktiven Region lebt. Ich erlaube mir das zu sagen, da ich zwar in Waiblingen zur Schule gegangen und hier aufgewachsen bin, seit 13 Jahren wieder im Remstal lebe aber eben auch bereits in Freiburg, Kehl und Solingen gelebt habe. Die Stadt hat nicht nur ein wunderbares Flair, sondern auch tolle Gastronomen, Läden, Dienstleister und Unternehmen. Ich glaube, dass es fast kein Produkt gibt, was in Waiblingen nicht zu finden ist. Ich bin weit davon entfernt, den Menschen vorschreiben zu wollen, wo und wie eingekauft wird. Ich bin auch realistisch genug um zu wissen, dass sich das Einkaufsverhalten radikal geändert, das Internet nicht verschwindet und sich das Gesicht unserer Städte weiter verändern wird. Ich möchte aber dafür werben, vor dem Klick auf dem Bestellbutton zu überlegen, ob es das gewünschte Produkt nicht doch am Ort zu kaufen gibt. Denn eins bleibt auch im digitalen Zeitalter. Der Wunsch nach Gesprächen, dem haptischen und visuellen Erlebnis und nach einer großen Zufriedenheit. Und eins sage ich mit fester Überzeugung. Diesen Wunsch kann der stationäre Handel weit besser erfüllen als jeder Onlineshop. Daher lautet mein Appell: Ab in die City!