Spekulatius statt Spotlight

Allein zu zweit an Heiligabend – und „besonders Brav“ - Frl. Wommy Wonder und ihr Schöpfer Michael Panzer erzählen

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Fräulein Wommy Wonder alias Michael Panzer weihnachtlich. © Ralph Steinemann Pressefoto

Weihnachten bei Frl. Wommy Wonder – da denkt man an Glamour, an bunte Lichter, an opulente Dekoration. Umso interessanter ist der private Einblick, den uns Stuttgarts größtes Fräulein und ihr Alter Ego Michael Panzer in ihren Festalltag gewähren. „Ich mag es nicht, wenn’s überladen ist, da kann meine Seele nicht mehr atmen“, sagt die Entertainerin. Ein kleines Stückchen Dekoration, „das für mich persönlich eine Bedeutung hat“, steht auf dem Tisch. Und ansonsten nimmt „Frl. Wommy Wonder“ die „Stille Nacht“ – übrigens ihr Lieblingsweihnachtslied – sehr, sehr wörtlich.

„Weihnachten ist für mich in erster Linie eine Zeit der Besinnung und Stille. Das finde ich sehr wichtig in einer lauten und hektischen Zeit“, so bringt es Frl. Wommy Wonder, die Grande Dame der Stuttgarter Comedy-Szene, auf den Punkt. Sie hat keinen Weihnachtsbaum, der mit ihr um die Wette funkelt. Es gibt auch keinen Adventskranz: „Dafür bin ich zu schusselig. Bei mir gilt: Brennt die Kerze, brennt die Wohnung.“ Allein am Nikolaustag, da zieht sie voll mit und stellt ihr eigens dafür präpariertes Schuhwerk vor die Tür. „Keine Stilettos, da passt kaum was rein, das mag die Schwäbin gar nicht. Ich würde mir eher Absätze an die Gummistiefel tackern, um ordentlich Süßes abzugreifen.“

Nervös beim Krippenspiel

Obwohl Michael Panzer, das Alter Ego des Fräuleins, einst an der Universität in Tübingen katholische Theologie auf Lehramt studierte, spielt doch der religiöse Aspekt bei der Weihnachtsfeier daheim in Nellingen kaum mehr eine Rolle. „Seit einigen Jahren drifte ich immer mehr in die Richtung, das Fest auf das zu reduzieren, was seinen Kerninhalt ausmacht: Glaube, Liebe, Hoffnung, Besinnung, Reflexion, Dankbarkeit.“ Das gilt für ihn auch außerhalb des Kirchgangs als Maxime, und für „U-Boot-Christen“, die nur zu Weihnachten in der Kirche „auftauchen“, hat er daher kaum was übrig. „Die tradierte Geschichte um Weihnachten drum herum ist für mich dabei eher ein frommes Gleichnis und weniger ein unumstößlicher Glaubensgrundsatz.“

Immerhin, erste „Show-Erfahrungen“ sammelte er in jungen Jahren im Familiengottesdienst beim Krippenspiel: „Ich war da mal ein Hirte in einer Schafswolljacke, die ziemlich gekratzt hat“, erinnert er sich. Damals sollte er im Altarraum laut verkünden: „Sehet, uns ist heute der Heiland geboren“. Und nein, dieses Erlebnis war noch nicht das Fundament für seine heutige Bühnen-Leidenschaft: „Ich bin vor Lampenfieber schier gestorben.“

Des Fräuleins Bescherung

Wenn heutzutage das Fräulein zu Weihnachten auftritt, dann ist es hingegen keine strapaziöse Zitterpartie, sondern ein inneres Bedürfnis. „Der Termin im Theaterhaus am 1. Weihnachtsfeiertag ist mir heilig und liebgewordene Tradition. „Wir hoffen dieses Jahr mehr denn je, dass er noch stattfinden kann. Solche Abende sind momentan wichtiger als eh schon.“

Zur „Schönen Bescherung“ mit Frl. Wommy Wonder sind befreundete Künstler eingeladen, die gemeinsam eine abwechslungsreiche Show samt mehreren Interaktionen mit der Gastgeberin zum Besten geben. „Darum freue ich mich immer drauf und schreib’ schon während des Jahres kleine Zettelchen, was ich diesmal gerne machen möchte.“ Während die Gäste ausgiebig Raum bekommen, sich zu präsentieren, führt Wommy mit eigenen Einlagen, kleinen gemeinsamen Szenen und Duetten durchs Programm. „Ich bin der rote Faden, der alles zusammenhält – oder mittlerweile eher die rote Kordel.“

Das „schlimmste“ Geschenk

Das ist im Übrigen jedoch die einzige weihnachtliche Bescherung, die es beim Frl. Wommy Wonder gibt. An Heiligabend wird dieser Punkt ausgeklammert. „Dieser kollektive ritualisierte und zeitlich limitierte Geschenkezwang ist nicht so meins – und geht eigentlich am Kern der Geschichte vorbei. An Weihnachten beschränke ich mich auf symbolische Geschenke.“

Das heißt keineswegs, dass das Fräulein knausrig wäre. „Ich schenke gerne anderen was. Dann aber am liebsten spontan, unterm Jahr, wenn mir grad danach ist und niemand damit rechnet; wenn ich was sehe, mit dem ich jemandem eine Freude machen kann.“

Umgekehrt wird es schwieriger: „Ich bin sehr schlecht darin, Geschenke anzunehmen oder in Anwesenheit auszupacken. Man weiß selten bis nie, wie man adäquat reagieren soll, ohne das Gegenüber zu brüskieren.“

„Dann auch noch mitsingen!“

Womöglich hat das aber auch etwas mit einem „Trauma“ zu tun, denn bis heute wirkt der Eindruck jenes für sie besonders „schlimmen“ Weihnachtsgeschenks nach: „Ein kleines Akkordeon – weil ich wohl irgendwann mal so was gesagt habe, was meine Eltern zu der Annahme verleitet hatte, ich würde gerne Akkordeon lernen und wäre zu genant, das zu formulieren.“

Normalerweise wird ja in Reportagen nicht in Versalien und mit mehrfachen Satzzeichen geschrieben, hier jedoch scheint es vonnöten: „DAS WAR EIN MISSVERSTÄNDNIS!!!“, bricht es aus dem Fräulein heraus. „Es hat mir dann sechs Jahre lang Akkordeonunterricht beschert – und ich habe so ziemlich jede Stunde davon gehasst.“ Sogar auf spätere Weihnachtsfeste hatte das noch Auswirkungen, denn dann sollte auch noch mit dem Instrument musiziert werden. „Am Akkordeon musste ich dann auch noch mitsingen … bäh! Ein Hoch auf die Blockflöte!“

Vorliebe für „Spitzbuben“

Der Heiligabend lief zu jener Zeit streng ritualisiert ab. „Erst wurde gebadet, dann besuchte man die Großeltern, danach gab es auf dem Marktplatz von der Stadtkapelle eine Stunde lang Blasmusik“, erinnert sich Panzer an seine Kindheit. „Anschließend kam um 17 Uhr der Jugendgottesdienst, gefolgt vom Gräberbesuch; danach zu Hause essen, anschließend gemeinsame Hausmusik und Bescherung.“ Auch beim Fest-Dinner gab es wenig Abweichungen vom Standard: „Zu essen gab es stets Würstchen mit Kartoffelsalat oder gebackenen Schweinehals im Brotteig mit Kartoffelsalat – zumindest an Heiligabend. Und an einem der Feiertage ging man dann mit der Familie essen ... das haben damals alle so gemacht.“

Womöglich ist das auch ein Grund dafür, weshalb Frl. Wommy Wonder und Michael Panzer ihre Heiligabende heutzutage eher „allein zu zweit“ verbringen. „Ich bin meistens alleine bei mir daheim. Bis 14 Uhr verläuft der Tag wie immer: vorwiegend Büroarbeiten. Danach wird das Telefon abgestellt und ich versuche, mich auszuklinken und nix zu tun.“ Mit etwas Glück sind dann auch noch ein paar seiner Lieblingsplätzchen „von Mama“ übrig: „Diese dreistöckigen mit Puderzucker und Marmelade dazwischen.“ Sich die „Spitzbuben“ selber zu backen hält Wommy für eine schlechte Idee: „Ich habe kein Talent zum Backen. Würde ich dir Selbstgebackenes schenken, tätest du gut dran, die Nummer vom Notdienst griffbereit zu haben.“ Zum Ende des Heiligabends wird es dann mitunter noch gesellig: „Manchmal gehe ich abends gegen später noch weg – aber das wird sich dieses Jahr wohl erübrigen.“

Hoffnung auf ein Wunder

Das Weihnachtsfest 2020 markiert das Ende eines Jahres, das kaum ein Künstler vermissen wird. Frl. Wommy Wonder ist auf der Bühne zu Hause. Sie arbeitet, wenn andere feiern – generell auch an Weihnachten, Silvester, Dreikönig – und hat große Freude daran.

Ins neue Jahr blickt sie verhalten optimistisch: „Ob es in der ersten Hälfte 2021 viel besser wird als momentan, sei dahingestellt. Ich geb’ mich mittlerweile lieber keinen falschen Illusionen mehr hin“, sagt sie, fügt jedoch noch hinzu: „Ich hoffe als positiv denkender Mensch aber immer noch auf ein kleines Wunder. Es wird ja bald Weihnachten – und ich war doch dieses Jahr ganz besonders brav!“

Mathias Schwappach