Wort zum Advent

Auf ein Wort mit Doris Reichenauer vom Kabarett-Duo "Dui do an de sell"

Petra Binder und Doris Reichenauer alias „Dui do on de Sell“ – hochdeutsch: „Die eine und die andere“ – zählen zur ersten Riege des süddeutschen Kabaretts. Charmant, ehrlich und authentisch, garniert mit Sarkasmus und Selbstironie, durchqueren die Vollblut-Kabarettistinnen den alltäglichen Wahnsinn. Das diesjährige „Wort zum Advent“ haben beide im Wechsel für uns verfasst – charmant und ehrlich, wie wir sie kennen und mögen.

Weihnachten ist halt schon eine besondere Zeit. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, denkt man doch häufig über die alten Zeiten nach.

Bei uns zu Hause war Stress bis zum Heiligabend. Meine Eltern waren selbstständig und hatten einen Elektro-Handwerksbetrieb mit einem Elektrofachgeschäft. Vater war der Handwerker und Mutter die Betriebswirtschafterin und Betreiberin des Ladengeschäftes. Natürlich gab’s bei uns auch Christbaum-Lichterketten-Ersatzglühbirnen.

Heutzutage werden oftmals die Weihnachtsbäume schon in der Adventszeit aufgestellt. Finde ich auch super, denn das nimmt einiges an Stress, der in meiner Kindheit jährlich in der Weihnachtszeit bis Heiligabend zum Chaos führte. Dafür fallen heute bei den zu früh aufgestellten Weihnachtsbäumen oftmals bis Weihnachten bereits die ersten Nadeln ab. Ich muss heute allerdings immer wieder über die während meiner Kindheit jährlich nahezu identisch ablaufenden Heiligabende bei uns zu Hause lachen.

Von 8 Uhr bis etwa 13 Uhr war im Ladengeschäft meiner Mutter Land unter. Denn „Mann“ war sich sicher, bei Erna (so hieß meine Mutter) findet er noch schnell das perfekte und nützliche Haushaltsgerät als Geschenk für die Ehefrau. Das war in der damaligen Zeit oftmals das neue Dampfbügeleisen, der erste Toaster oder eine Kuschel-Heizdecke aus echter Schafswolle oder der erste Wäschetrockner oder ein Kassettenrekorder mit Doppeltape und vieles mehr. Da man sich bei uns auf dem Dorf gegenseitig gut kannte und man außerdem kaum in die Stadt kam, um einzukaufen, war meine Mutter quasi die Expertin für alle Ehemänner in Sachen: „Was hat sie noch nicht und was gehört in den modernen Haushalt“.

Manchmal durften mein älterer Bruder und ich an die damals hypermoderne Registrierkasse sitzen und etwas mithelfen beim Eintippen, oder wir mussten uns beim Geschenkeverpacken nützlich machen. Unsere jüngere Schwester saß oft am Schreibtisch und malte – manchmal unwissentlich auch auf geschäftliche Unterlagen. Die Herren waren glücklich, und meine Mutter war fix und alle an Heiligabend.

Nun, ab ca 13 Uhr wurde bei uns im Wohnzimmer, ein Stockwerk höher über dem Ladengeschäft, der Baum aufgestellt, und zwar in mir bis heute unerklärlichem Tempo. Mutter fing an zu kochen, zu saugen, zu wischen, zwischendurch Treppe noch runterrennen und den einen oder anderen „Nachzügler“ in Sachen Geschenke beraten. Ab 14 Uhr hing dann das Schild „geschlossen“ an der Tür.

Von wegen Feierabend!

Dieses „Erst an Heiligabend den Baum aufstellen“ war damals bei allen anderen Familien zu Hause auch so. Dabei wurden offensichtlich in unserem 3000-Seelen-Dorf genau dann auch die Lichterketten getestet.

Im Umkreis von 20 Kilometern waren wir mit unserem Elektrofachgeschäft die einzige Anlaufstelle für elektrische Christbaumbeleuchtung, was zur Folge hatte, dass sich ab 15 Uhr bei uns vor dem Haus eine Menschenschlange bildete – und Mutter bis um 17 Uhr erneut im Laden stand und Ersatzkerzen verkaufte.

Was ein Stress!

Wenn ich diese damalige Situation aus heutiger Sicht betrachte, fällt mir erst jetzt auf, dass mein Vater an diesem Tag irgendwie immer während der sogenannten „Rushhour“ nie im Geschäft war. Er übernahm sozusagen den Außendienst! Er saß nämlich am Stammtisch und holte sich bei seinen Kumpels, die vorher bei Mutter im Laden waren, das Lob ab, wie gut man doch bei uns einkaufen kann. Vielleicht mag der eine oder andere denken, wie man da in der Kneipe sitzen kann, wenn man doch weiß, wie es zu Hause gerade zugeht. Nein, das war vollkommen in Ordnung so! So war damals die Rollenverteilung und alle waren damit zufrieden.

Aber trotz allem Stress, den unsere Mutter hatte, hat sie es jedes Jahr geschafft, an Heiligabend einerseits unseren Verwandtschaftsbesuch mit feinstem Essen zu versorgen und andererseits uns Kinder immer eine besondere Geborgenheit und Zufriedenheit zu vermitteln. Ich bewundere diese Frau bis zum heutigen Tage – und kann ihr nicht oft genug danken für alles, was sie für uns Kinder getan hat.

Ich habe in meinem Leben sehr viel von meinen Eltern abgeschaut und übernommen: Werte, Bräuche und Umgangsformen.

Aber sollte ich jemals zu Weihnachten ein Bügeleisen oder einen Wäschetrockner geschenkt bekommen, dann könnte ich meine gute Kinderstube doch für kurze Zeit vergessen.