Wort zum Advent

Auf ein Wort mit Petra Binder vom Kabarett-Duo "Dui do an de sell"

Die letzte Woche vor Weihnachten, dem Fest der Liebe, aber auch dem Fest der Geschenke. Ich liebe diese Zeit, wenn alles schön geschmückt ist, der Geruch von Weihnachtsplätzchen in der Luft liegt, vor allem freue ich mich über funkelnde Kinderaugen beim Anblick des festlich geschmückten Weihnachtsbaums und der toll verpackten Päckle unter dem Baum.

Ich war glücklich, hatte ich doch alle Geschenke besorgt und auch in der Familie koordiniert, wer was unserer Tochter (damals sechs Jahre alt) schenken kann. Gar nicht so einfach, zu diesem Zeitpunkt war sie das einzige Enkelkind und die einzige Nichte, und jeder hätte ihr gerne alle großen und kleinen Wünsche erfüllt.

Endlich hatte ich alle Geschenke verpackt und gut versteckt – ja, verstecken war wichtig, ich selbst habe als Kind immer unser Haus akribisch von oben nach unten durchsucht und oft wurde ich fündig. Wie oft saß ich vor Päckchen, habe sie abgetastet, geschüttelt und manchmal ganz vorsichtig leicht geöffnet, um zu sehen, was drin ist.

Einmal war ich als Kind richtig enttäuscht, als ich zufällig ein Päckchen erwischt hatte, wo Nützliches eingepackt war: ein Schlafanzug. Keine Angst, ich bekam auch meine Puppe oder Spiele, die ich mir gewünscht hatte, und trotzdem waren damals auch oft Dinge dabei, die man eben dringend benötigte.

Diesen detektivischen Spürsinn hatte auch damals schon meine Tochter. Nach erfolgloser Sucherei nach Päckchen – ich hatte dies natürlich bemerkt und lächelnd verfolgt – versuchte sie mir seit Tagen immer wieder auf nette Weise zu entlocken, was sie denn an Weihnachten bekommen würde, und betonte mehrmals ganz genau, was sie sich doch gaaaaanz besonders wünscht. Irgendwann, als sie sich mit keiner Aussage von mir zufriedengab und zum gefühlt hundertsten Mal fragte: „Mama, was bekomme ich von dir und Papa zu Weihnachten?“ , erwiderte ich nur kurz: „Socken“. „Haha, Mama, das glaube ich nicht!“ Keine Minute später: „Mama, was bekomme ich denn von Oma?“ Ich: „Socken!“ „Und was bekomme ich von Tante Margot?“ Ich: „Socken!“

Lachend und kopfschüttelnd stand sie vor mir. „Gell Mama, das sagst du nur so, ich bekomme keine Socken, oder?“ Bis heute ist mir nicht klar, welches Pferd mich damals geritten hat, denn ich erklärte meiner Tochter mit solch einer Inbrunst, dass sie von uns allen Socken bekommen würde, sie sei doch so gewachsen, und Socken seien das Wichtigste, was sie gerade benötigen würde.

Mit einem ungläubigen und zweifelnden Blick ging sie langsam in ihr Kinderzimmer. Es kamen auch keine Fragen mehr, und ich war stolz wie Harry auf meine frei erfundene Geschichte.

Endlich Heiligabend, endlich war die ganze Familie da, endlich lagen alle großen und kleinen Päckchen unter dem Weihnachtsbaum und endlich war Bescherung. Meine Tochter strahlte, als sie das erste Päckchen von ihrer heiß geliebten Tante Margot auspacken durfte, es war groß und schwer. „Juhu, Mama, ich glaube, ich weiß, was es ist. Bestimmt das Puppenhaus, welches ich mir so sehr gewünscht habe!“ Mit roten Backen und leuchtenden Augen fing meine Tochter an, vorsichtig das Päckchen auszupacken. Plötzlich war Ruhe, kein fröhliches Kindergeplapper mehr zu hören. Alle schauten wir auf meine Tochter, die mit ausdruckslosem Gesicht und mit Tränen in den Augen dastand und sich plötzlich auf den Boden setzte und anfing, laut und herzzerreißend zu weinen.

„Vielleicht hat sie sich am Papier geschnitten, so was tut richtig weh!“, meinte meine Schwägerin. „Sie hat vielleicht zu viel gegessen und ihr ist übel!“, überlegte meine Schwiegermutter laut. „Bestimmt war es das Essen, ich glaube, mir ist auch nicht gut! Petra, kann das sein?“, ächzte mein Mann. Während ich ratlos zu meiner Tochter lief, um sie wegen was auch immer zu trösten, fiel mein Blick auf das noch nicht ganz geöffnete Päckchen. Da lagen sie, mit wunderschönem weihnachtlichen Muster, neben einem Schal, einer Mütze und Handschuhen – die weihnachtlichen Übeltäter, der Schrecken meiner Tochter: Ein Paar SOCKEN!!!

Nachdem ich mich von meinem Lachanfall erholt hatte, was gar nicht so einfach war, denn ich schaute in erstarrte, fragende und fast mitleidige Gesichter, die mich immer und immer wieder zum Lachen brachten, konnte ich meine Tochter beruhigen und sie zum weiteren Auspacken bewegen. Mit spitzen Fingern legte sie Schal, Mütze, Handschuhe und die Socken zur Seite, und ihr größter Wunsch, das Puppenhaus, kam zum Vorschein. Nun war für meine Tochter die Welt wieder in Ordnung, und ich erzählte zwischenzeitlich der ganzen Familie den Grund des Weinens und Lachens.

Wir hatten ein wunderschönes und aufgrund der Geschichte ein wahrlich unvergessliches Weihnachtsfest.

Inzwischen ist meine Tochter eine junge, erwachsene Frau, und Weihnachten steht vor der Tür. Seit Tagen frage ich sie immer wieder, was sie sich denn zu Weihnachten wünscht, ohne eine für mich zufriedenstellende Antwort zu bekommen. Vor zwei Tagen habe ich sie wieder gefragt: „Schatz, was wünschst du dir zu Weihnachten?“ Sie nur lachend und kurz: „SOCKEN!“

Ich freue mich so auf ein schönes und fröhliches Weihnachtsfest.