Das Wort zum Advent

"Christkind" von Sebastian Lehmann

Zauberhafte Weihnacht 2021
Zauberhafte Weihnacht 2021 © MARVIN RUPPERT

Das „Wort zum Advent“ liefert uns in diesem Jahr der Freiburger Comedian und Autor Sebastian Lehmann. Für uns hat er sich noch mal der weihnachtlich geprägten Gespräche mit seinen Eltern erinnert, nachzulesen auch in seinem Buch: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück – Telefonate mit meinen Eltern“. Oft entwickeln solche Gespräche eine gewisse Eigendynamik und legen den Konflikt der Generationen schonungslos offen. Allein, für die Zuhörer – und nun auch die Leser – ist es stets ein großer Spaß!

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

„Alles Gute zum Geburtstag, Sebastian!“, sagt sie. „Von mir auch“, ruft mein Vater von hinten ins Telefon.

„Vielen Dank, liebe Eltern.“

„Und wie fühlt man sich so mit 38?“

„Mama, ich bin 36 geworden.“

„Ach, sieht man gar nicht.“

„Wir haben dir auch was geschickt“, ruft mein Vater. „Bisschen Geld.“

„Oh, das ist aber nett, liebe Eltern.“

Mein Vater räuspert sich. „Fünf Euro.“

„Ihr schickt mir fünf Euro zum Geburtstag? Da war ja das Porto fast schon teurer…“

„Sei nicht so undankbar, Sohn“, sagt mein Vater. „Mit 38 hab’ ich schon lange keine Unterstützung von meinen Eltern mehr gebraucht. Ich stand mitten im Leben und hatte drei Kinder.“ „Zwei!“, wirft meine Mutter ein.

„Wirklich? Kam mir immer mehr vor.“

„Ich habe auch immer das Gefühl, dass ich mehr Eltern habe – so oft, wie ihr mich anruft.“

„Sebastian, es ist ja auch bald wieder Weihnachten“, sagt meine Mutter dann. „Da wollten wir mit dir mal etwas sehr Wichtiges besprechen.“

„Muss ich dieses Jahr an Heiligabend nicht mit euch in die Kirche?“, frage ich.

„Doch! An Weihnachten geht man natürlich in die Kirche“, sagt meine Mutter bestimmt.

„Und warum genau?“

„Weil man in die Kirche geht, wenn Weihnachten ist.“

Ich suche eine halbe Stunde lang nach einem Gegenargument, aber mir fällt keins ein.

„Wenn du nicht mitkommst, ist das Christkind traurig“, sagt meine Mutter.

„Mama, ich glaube schon lange nicht mehr, dass das Christkind die Geschenke bringt. Papa bringt die. Beziehungsweise seine Bank. Oder hat das Christkind etwa meine Kontonummer?“

„Vorsicht“, ruft mein Vater von hinten. „Kann gut sein, dass das Christkind dieses Jahr mal deine Kontonummer vergisst.“

„Jedenfalls wollten wir mit dir darüber sprechen, was du uns dieses Jahr zu Weihnachten schenkst“, sagt meine Mutter.

„Dann ist es ja gar keine Überraschung mehr.“

„Sebastian, du schenkst uns immer ein selbst gemaltes Bild.“

„Ja, aber ich hatte in den letzten Jahren den Eindruck, dass ihr euch gar nicht mehr darüber freut.“

„Wir bekommen jetzt schon lange kein Kindergeld mehr für dich“, sagt mein Vater. „Damit bist du offiziell nicht mehr unser Kind. Da müssen wir auch nicht mehr so tun, als würden wir uns freuen.“

„Na gut, liebe Eltern, was wünscht ihr euch zu Weihnachten?“

„Einen netten und erfolgreichen Sohn“, sagt meine Mutter.

Ich lache. „Na, da brauch’ ich ja gar nichts machen. Habt ihr schon!“

„Stimmt, wir haben ja noch deinen Bruder“, ruft mein Vater und legt auf.

Aus: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück – Telefonate mit meinen Eltern“, Goldmann Verlag, 2018.