Spekulatius statt Spotlight

Comedian Ole Lehmannfeiert in einer Lego-Welt

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Auf der Bühne ein Garant für genüssliche Pointen, privat Hobbybäcker mit Händchen für britische Dessertgenüsse. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Er liebt Weihnachten, wenn alles bunt und einfach schön ist. An Heiligabend eine kultivierte Völlerei. © Ralph Steinemann Pressefoto

Der Comedian Ole Lehmann ist bekennender Weihnachts-Fan zwischen Tradition und Moderne: Er backt britische Trifles und Puddings ebenso wie Plätzchen nach Großmutter-Art. Heiligabend wird zur stundenlangen „Essensschlacht“ mit Freunden in einer quietschbunten blinkenden Lego-Welt. Neben der Plastiktanne werden viele traditionelle Weihnachtslieder angestimmt und auf die Festtafel gehören ausschließlich Strohsterne und Holzsachen.

Ole Lehmann spricht sympathisch unverschleiert von einer „kultivierten Völlerei“, der er sich an Heiligabend in seiner Heimat Berlin hingebe. Austragungsort der „Essensschlacht“ sei die Wohnung eines Pärchens, das er zufällig auf der Hundewiese kennengelernt habe. Seit vielen Jahren nehmen Ole Lehmann und sein Mann zusammen mit Freunden an dem großen Tisch Platz, an dem in wechselnder Besetzung der puren Daseinsfreude gehuldigt werde. „Alle sind froh, dass wir uns haben, reden, trinken, essen und gehen vollgegessen und megaglücklich nach Hause.“

Manchmal seien sie zu viert, manchmal staunen zehn Personen gemeinsam, was auf dem Tisch aufgefahren wird. „Jeder steuert etwas dazu bei, damit möglichst kein freier Fleck Tischplatte mehr übrig bleibt“, beschreibt er die bewusst herbeigeführten Ausmaße.

Was die Füllgrenzen der Mägen übersteigt und einfach nicht mehr gegessen werden kann an bergeweise selbst gebackenen Kuchen und Plätzchen, Braten, Knödeln, gefüllten Teigwaren, Rotkraut, Salaten, Fingerfood, Käse, Brot und Getränken, wird verteilt. „An den Feiertagen essen wir aus der Tupperdose, die Küche kann kalt bleiben, dadurch wird alles noch erholsamer“, so Ole Lehmann.

An Weihnachten wird er noch mal zum Kind - dank Lego

Er liebt das Miteinander, das sich nur einmal im Jahr realisieren lässt und auf das er sich hinfreuen könne wie ein Kind. Für ihn sind viele Bräuche von früher mit Weihnachten verknüpft. „Ich werde wieder zum Kind, sobald ein Weihnachtsbaum leuchtet.“ In der Wohnung der Mädels, in der die heiligabendliche Zeremonie ihren kulinarischen Lauf nimmt, werde er von einer Lego-Weihnachtswelt angeleuchtet. „Ich bin bei Deko zu Hause ganz klassisch rot, weiß, grün, aber die blinkenden Legostädte sind total wunderbar und liebevoll gestaltet.“ Die Gastgeberinnen seien absolute Legofans und errichten eine Weihnachtswelt aus Klötzchen quer durch die Wohnung. „Ich freue mich immer besonders auf das beleuchtete Weihnachtshaus und die Stoffschneedecke. Bunt und einfach schön, so liebe ich Weihnachten.“

Auf den Tisch gehören für ihn Strohsterne, Holzsachen, Kerzen, möglichst viele Naturmaterialien. Gesungen werde neben einer Plastiktanne, vorausgesetzt, die Münder sind nicht mit Kauen beschäftigt. Zur weiteren besinnlichen Berieselung flößen sie sich aus dem Internet gestreamte Weihnachtslieder ein. „Es wird nichts ausgespart, bis zum kitschigsten, glöckchenbimmelnden Christmas-Schlager der Elternzeit kommt alles dran.“ Das unsägliche „Last Christmas“ – streckenweise in Endlosschleife – werde fröhlich begossen mit einem Gläsle Roséchampagner.

Er liebt Weihnachtsmärkte - von Dampfnudel bis Grünkohl

Weihnachten beginnt bei Ole Lehmann mit dem ersten Weihnachtsmarkt. Dann werden daheim die Lichterketten verteilt und ein Adventskranz muss auch sein. „Ich liebe alle Weihnachtsmärkte, ich könnte jeden Tag im Jahr dorthin gehen und was finden“, erzählt er. Das „Draußenstehen und Glühweintrinken“ habe er auch vor seinem Auftritt jetzt im November im Beutelsbacher Stiftshof fest eingeplant und extra einen Zwischenstopp in Stuttgart eingelegt: „Nur um endlich wieder in die erste Dampfnudel seit drei Jahren zu beißen.“

In Berlin haben es ihm die kleinen, netten, mittelalterlichen Märkte in seinem Kiez angetan. „Dort gibt es einen wunderbaren Grünkohlstand“, sagt der gebürtige Hamburger mit Kindheit in Schleswig-Holstein und bekommt leuchtende Augen. Neben dem Faible für Grünkohl sei er „riesiger British-Fan“. Um seine Freunde richtig zu verwöhnen, holt er für Heiligabend seine kostbare Original-Trifleschale aus dem Schrank – dieses Küchenutensil sei ein Must-have für seine geliebten 1970er-Jahre-Desserts wie den englischen Pudding, den er schon in den diversesten Varianten gemacht habe.

Ein „Hit“ sei sein Salted Caramel Pudding. Der kam offenbar so gut an, dass er dieses Jahr glatt zum Wiederholungstäter werde. „Ich wurde freundlich dazu gedrängt“, sagt er augenzwinkernd. Es könnte sogar sein, dass er Lust und Laune hat, dazu auch noch seinen legendären „Trifle“ zu kredenzen – eine Süßspeise aus geschichtetem Bisquit, Custard, Sahne und Früchten. Hobbybäcker Ole ersetzt den Bisquit durch gekrümelte Kekse. Weil auch das Plätzchenbacken zu seinem Recht kommen soll, müssen jedes Jahr „mindestens drei Sorten“ den heimischen Backofen gesehen haben: Heidesand, Mürbeteig mit Orangenglasur und Vanillekipferl seien Pflichtprogramm. Selbst in Zeiten vor Corona mit 150 Shows jährlich habe er sein selbst gestecktes Ziel immer irgendwie gebacken bekommen.

Es geht doch nichts über ein gemütliches Zuhause

In diesem Jahr hat er genügend Zeit, sich den süßen Kreationen zu widmen, weil er am Tag vor Heiligabend „quasi direkt vor der Haustür“ im Quatsch Comedy Club den letzten Auftritt des Jahres hat. Weite Fahrtzeiten entfallen also dieses Jahr, was ihn sehr „entstresse“. In ihm habe sich was umgestellt. „Nach der Schulzeit wollte ich unbedingt was mit Tourismus machen, um viel zu verreisen.“ Den Reisejob hat er dann als Comedian gefunden, aber er merke, dass er häuslicher geworden sei. Das Reisen – einst war es die Antriebsfeder bei der Berufswahl – sei fordernd und strenge ihn an. „Ich bin immer öfter richtig froh, ein Wochenende komplett daheim sein zu können.“ Meldet sich das Alter? Ole Lehmann hat zwar die 50 überschritten, sieht den Anstoß aber eher durch Corona gegeben.

In der Zeit ohne Bühnenpräsenz habe er sich „teilweise neu sortiert“.

Ole Lehmann bildet sich weiter zum Synchronbuchautor

Der neue Zustand, raus aus dem gewohnten Trubelbusiness zu sein, ließ neue Ideen sprießen. An einer sei er bereits dran: Er hat einen Kurs als Synchronbuchautor bei einer Regisseurin absolviert, da er in dem Bereich Bedarf sieht: „Die US-Serien sind stark im Kommen und müssen nach der Übersetzung synchronisiert und neu eingesprochen werden.“ Weiterer Schwerpunkt seiner Pläne sei eine höhere Unabhängigkeit von Kartenverkäufen. Corona habe seine Branche das Fürchten gelernt. Das Publikum sei zwar glücklicherweise zurückgekehrt. „Es geht aber bei weitem nicht mehr voll ab im Bühnenbereich, wie sich das viele vorstellen.“ Sein Programm „#tacheles“, das er in Beutelsbach jüngst aufführte, sei für 2020 vorgesehen gewesen. 2022 habe sich alles geballt, es sei die „Tour der verschobenen Termine“ gewesen. Dennoch sei er zusammen mit einigen aktuellen Auftritten nur nahezu an sein Pensum von 2019 herangekommen. Erschwerend komme hinzu, dass die Menschen zögerlicher seien, sich langfristig auf einen Termin festzulegen. „Der Vorverkauf ist fast abgestorben. Immer mehr Besucher kaufen ihre Karten spontan, und so weiß ich oft erst bei Betreten der Bühne, wie voll es ist.“ Ihm falle dadurch die langfristige Planungsgrundlage weg, weil seine Gage meist an die Besucherzahl gekoppelt sei.

Weihnachten - für ihn auch eine Zeit des Insichgehens. Er merke, dass er auf lange Sicht hin weniger in Hotels und mehr Zeit zu Hause verbringen möchte. „Wir haben eine schöne Wohnung, die mir heute viel wichtiger ist denn je.“ Jeder Mensch brauche solch einen Ruhepol, nicht nur zur Weihnachtszeit. „Aber an Weihnachten wird mir richtig bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist und wir uns glücklich schätzen können mit dem, was wir haben, und dass wir es ausgiebig genießen sollten.“

Heidrun Gehrke