Das Wort zum Advent

"Das Fest der Liebe" von  Sebastian Lehmann

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Das „Wort zum Advent“ liefert uns in diesem Jahr der Freiburger Comedian und Autor Sebastian Lehmann. Für uns hat er sich noch mal der weihnachtlich geprägten Gespräche mit seinen Eltern erinnert, nachzulesen auch in seinem Buch: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück – Telefonate mit meinen Eltern“. Oft entwickeln solche Gespräche eine gewisse Eigendynamik und legen den Konflikt der Generationen schonungslos offen. Allein, für die Zuhörer – und nun auch die Leser – ist es stets ein großer Spaß! © MARVIN RUPPERT

Es ist der 23. Dezember und ich sitze mit meinen Eltern im Wohnzimmer.

„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich an Heiligabend kochen soll, seit du Vegetarier bist“, sagt meine Mutter. „Es gibt ja nichts ohne Fleisch.“

Ich stöhne auf. „Mama, es gibt hunderttausend Gerichte ohne Fleisch.“

„Aber das ist dann doch kein richtiges Festessen!“

„Bei uns gab es früher immer nur Wiener mit Kartoffelsalat an Heiligabend“, mischt sich mein Vater ein.

„Das erzählst du jedes Jahr“, sage ich.

„Wiener mit Kartoffelsalat“, brummt mein Vater. „Das reicht doch, muss ja nicht immer weiß Gott was sein.“

„Heute gibt es Kürbissuppe“, sagt meine Mutter.

„Siehst du, das ist doch zum Beispiel was ohne Fleisch.“

„Ja, bis auf die Fleischeinlage, sonst schmeckt es ja nicht“, sagt meine Mutter.

„Du hast die Kürbissuppe nicht wirklich mit Fleisch gemacht?“

„Ich schneide auch immer noch Schinken rein“, ruft mein Vater.

„Ich stand den ganzen Morgen in der Küche. Nur um für dich zu kochen, Sebastian!“

„Na gut, ich esse die Suppe auch mit Einlage.“ Wir gehen in die Küche. Ein riesiger Topf mit Kürbissuppe steht auf dem Herd. Meine Mutter kocht immer so viel, als würden mein Bruder und ich noch zu Hause wohnen. Seit wir beide ausgezogen sind, hat mein Vater bestimmt zwanzig Kilo zugenommen. Er kann nicht mitansehen, wenn etwas vom Essen übrig bleibt. „Ich bin halt Kriegskind“, sagt er dann immer. Er ist am 7. Mai 1945 geboren.

Nach dem Essen schüttelt meine Mutter ratlos den Kopf. „Ich weiß immer noch nicht, was ich an Heiligabend kochen soll. Es gibt ja nichts.“

„Wie wär’s mit einer Gemüselasagne“, schlage ich vor.

„Das isst doch dein Vater nicht“, sagt meine Mutter.

„Wenn wir androhen, es sonst wegzuschmeißen, isst er es bestimmt.“

„Ich bin halt Kriegskind“, sagt mein Vater.

„Gab es im Krieg nur Kartoffelsalat und Wiener?“, frage ich.

„Das reicht ja auch“, sagt mein Vater. „Man muss ja nicht immer weiß Gott was auftischen. Manchmal reicht sogar etwas Schinken, den man noch reinschneiden kann.“

„Was schenkst du uns jetzt eigentlich zu Weihnachten?“, fragt meine Mutter.

„Geld“, sage ich.

Meine Eltern blicken mich erstaunt an.

2.

Als ich am 24. Dezember aufwache, scheint die Sonne, und ihre Strahlen glitzern im erstaunlich weißen Schnee, der so aussieht, als hätte ihn jemand geputzt. Das Haus von Schmidts gegenüber ist sehr aufwendig mit Lichterketten, Rentieren und Weihnachtsmännern geschmückt, die aufgeregt in bunten Farben blinken. Mein Vater hat die eine winzige Lichterkette an der kleinen Tanne vor der Haustür mit einer Zeitschaltuhr so eingestellt, dass sie nur von 20 bis 20.15 Uhr leuchtet. „Strom ist teuer!“, meint er. „Und danach schauen wir eh Fernsehen.“

Am Abend sitzen wir dann in halbwegs festlicher Stimmung vor dem Weihnachtsbaum, und ich tausche mit meinen Eltern Umschläge aus. Sie schenken mir fünfzig Euro. Ich habe ihnen sechzig Euro geschenkt. Na toll!

Mein Vater gibt meiner Mutter High Five.

„Na toll, vielen Dank“, sage ich resigniert. „Wollen wir essen? Was hast du denn jetzt gekocht, Mama?“

„Gemüselasagne natürlich, mein Lieber.“

Ich blicke meine Eltern misstrauisch an.

Wir gehen ins Esszimmer, und meine Mutter stellt eine riesige Lasagne auf den Tisch.

„Ganz ohne Schinken?“, frage ich erstaunt.

Meine Eltern nicken, und meine Mutter verteilt Lasagnestücke auf unsere Teller.

„Wirklich vegetarisch?“ Ich kann es kaum glauben.

„Wir machen doch alles, damit du glücklich bist“, sagt meine Mutter.

„Schon immer, Sebastian“, fügt mein Vater hinzu.

Ich schlucke. „Vielleicht muss ich jetzt gleich weinen“, sage ich, aber meine Eltern hören gar nicht mehr zu. Meine Mutter macht ein Foto von der Lasagne und lädt es bei Instagram hoch. Und mein Vater zieht heimlich ein paar Schinkenscheiben aus seiner Hosentasche und verteilt sie auf seinem Lasagnestück.

Sie ändern sich nie. Aber wahrscheinlich ist das ja auch gut so.

Aus: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück – Telefonate mit meinen Eltern“, Goldmann Verlag, 2018.