Der andere Blick auf Weihnachten

Es weihnachtet schon sehr - im Schuhkarton

WeihMagSchuhkarton
Viele ließen sich von ihrer Begeisterung anstecken und packten Geschenkpäckchen für arme Kinder. © Hardy Zürn

Eine herzerwärmende Geschichte: In Schuhkartons gehen Weihnachtsgeschenke dorthin, wo der „Schuh drückt“ - zu Kindern und Jugendlichen, die es nicht kennen, beschenkt zu werden.42 Päckchen mit Mütze, Malstiften, Haarspange, Büchern und vielem mehr sind von Remshalden auf große Reise gegangen: Anne Helmrich hat für die Stiftung „Kinderzukunft“ selbst Päckchen gepackt und übers Internet viele freiwillige Mitunterstützer gefunden: Alle geben etwas ab, um Kindern und Jugendlichen ein Weihnachtsgeschenk zu machen.

Mit Beginn ihrer Elternzeit hat es bei Anne Helmrich „klick“ gemacht: „Wir haben oft mehr, als wir tatsächlich brauchen. Warum also nicht ein Stofftier abgeben, ein Malbuch weiterschenken und für ein paar Euro Fruchtriegel kaufen?“, sagt die Grundschullehrerin aus Remshalden. Sie hat Päckchen gesammelt, um verlassenen und verwaisten Kindern eine Weihnachtsfreude zu machen. Viele Familien konnte sie anstecken mit der Idee. Koordiniert wird die Aktion von der Organisation „Kinderzukunft“, eine Stiftung aus der hessischen Heimat von Anne Helmrich.

Die Geburt ihrer Tochter hat ihr eine neue Perspektive geschenkt: „Ich bin gerne Mama, aber ich freue mich auch, etwas Gutes für andere Kinder tun zu können, und dafür spende ich gerne Zeit.“ Ihr Wunsch ist es, einem Kind zu Weihnachten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, „mit einer Kleinigkeit, mit etwas, von dem wir uns unschwer trennen können“.

Warum nicht mal anders denken - mal ans Andersschenken denken?

Sie hat sich daheim eine Extra-Geschenkbox zugelegt, in der sie Geschenktes von ihrem Mann und der Tochter das Jahr über beiseitelegt - mit der Absicht, es an Weihnachten jenen zu schicken, die nie Geschenke bekommen. „Es geht uns hier oft sehr gut, vielen von uns tut es nicht weh, für 10 Euro Geschenke für ein Päckchen zu kaufen“, meint sie. Wie oft haben wir unser „Shopping-Gen“ nicht im Griff, können nicht Nein sagen bei der Aktion „Zwei Shampoos zum Preis von einem“, kaufen im Drogeriemarkt eine neue Haarspange oder das nächste Paar Ohrringe, obwohl ausreichend Modeschmuck im Badezimmer rumfährt? „Fast jeder hat so seine Ecken, in denen sich viel angesammelt hat, warum nicht mal anders denken und die Dinge nicht für sich oder die Family kaufen, sondern es teilen, abgeben?“, so Anne Helmrich. Sie packte alles, was sich an Kinder verschenken lässt und den Versand im Päckchen unbeschadet übersteht, in zwei Geschenkboxen: Duschgel, Handcreme, Malstifte, Haarspangen, ein Stoffpüppchen für eine unter Sechsjährige. Ins zweite Päckchen, das für eine Jugendliche bestimmt sei, hat sie ein englisches Buch und ihren neuwertigen Schal verfrachtet. Zudem hat sie für beide eine Mütze, ein Malbuch, Ohrringe, Fruchtriegel und Kekse gekauft. „Es soll etwas Praktisches, aber auch etwas Schönes dabei sein.“ Jeder Spender kann einen persönlichen Gruß, ein Foto oder eine Weihnachtskarte mit hineinlegen.

Die Sichtweise auf ihren eigenen „kleinen Berg daheim“ - “ und auch auf die Bedeutung von Geschenken - habe sich durch das Schenken verändert: „Als die Päckchen vor mir lagen, habe ich mich wohlgefühlt, weil ich etwas für andere tue.“ Irgendetwas in ihr gab noch keine Ruhe, sie wollte anderen davon erzählen, teilte ihre Idee mit Freunden über Facebook, erzählte davon in der Kindersecondhand-Whatsapp-Gruppe, informierte die Krabbelgruppe im Ort und bekam die Anregung von einer Nachbarin, es in die Facebook-Gruppe Remshalden zu stellen. Mit der riesigen Resonanz habe sie nicht gerechnet: Mehr als 40 Päckchen haben sich innerhalb weniger Tage bei ihr gestapelt. Mit voll bepacktem Kleinwagen fuhr sie zur Annahmestelle der Stiftung „Kinderzukunft“ nach Ostfildern. Von dort gelangen die Weihnachtspäckchen, genauso, wie sie von den Spendern gepackt wurden, nach Rumänien, Bosnien, Herzegowina und in die Ukraine. Dort werden sie an Kinder und Jugendliche in Waisenhäusern, Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten sowie in Elendsvierteln verteilt.

Die Geschenkaktion „Weihnachten im Schuhkarton“ ist nicht neu: Sie gilt als die weltweit größte Geschenkaktion für Kinder und wird seit 1996 im deutschsprachigen Raum von zahlreichen Hilfsorganisationen und Institutionen umgesetzt. Schon während ihres Studiums fing Anne Helmrich an, Päckchen unter Studenten zu sammeln, später in ihrem Beruf als Lehrerin setzte sie es mit ihren Grundschülern fort. Die Stiftung, über die sie die Päckchenaktion organisiert, unterstützt Kinder nicht nur an Weihnachten. Dass sie sich dennoch das Datum für ihre Sammelaktion ausgesucht hat, habe einen Hintergrund: „Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt, um uns und unseren Kindern wieder einmal bewusst zu machen, dass wir nicht alles haben müssen und stattdessen etwas abgeben können.“

An den Nächsten denken, Nächstenliebe, Solidarität - gerade im Coronajahr erleben auch wir in unserer Wohlstandsgesellschaft, dass große Herausforderungen und Krisen nur gemeinsam bewältigt werden können. „Da kam mir der Gedanke, dass es bestimmt Mitmenschen und liebe Familien gibt, die nicht die Möglichkeit haben, bei Sammelaktionen im Kindergarten oder in der Schule mitzumachen, aber auch etwas Gutes tun wollen“, so Anne Helmrich.

Wieso hat sie speziell diese Organisation, für die sie nun sammelt, ausgewählt? „Auf mich wirkte sie sehr seriös, da sie von der hessischen Landesregierung zur Stiftung des Jahres 2009 ernannt wurde. Zusätzlich glaubwürdig wird sie dadurch, dass die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey als Schirmherrin dahintersteht.“

Die Stiftung „Kinderzukunft“ ist seit mehr als 30 Jahren in unterschiedlichen Projekten und eigenen Kinderdörfern in Guatemala, Rumänien und Bosnien tätig. Mit jedem Päckchen geht ein Päckchen aus Hilfsbereitschaft in diese Länder. Die Stiftung möchte Kindern und Jugendlichen ein Zuhause, Nahrung und Zugang zu Bildung verschaffen. Und dies nicht nur zur Weihnachtszeit.Heidrun Gehrke