Das Wort zum Advent

"Geschenke" von Sebastian Lehmann

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Sebastian Lehmann Zauberhafte Weihnachten Wort zum Advent © MARVIN RUPPERT

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

„Was wünschst du dir denn dieses Jahr zu Weihnachten?“, fragt meine Mutter.

„Mama, heute ist der 24. August!“, rufe ich. „Du bist viel zu früh dran.“

„Lieber zu früh, als alles wieder auf den letzten Drücker besorgen.“

„Stellt Papa auch schon den Weihnachtsbaum auf oder was?“

„Das kann er doch nicht mehr allein, mit seinem Rücken“, sagt meine Mutter. „Du musst ihm helfen, wenn du zu Besuch kommst.“

„Ich komme in einer Woche. Wenn wir da den Baum auf- stellen, hat er an Weihnachten längst keine Nadeln mehr.“

„Nie hilfst du uns, Sebastian. Wie soll denn das erst werden, wenn wir alt sind?“

„Ihr seid alt.“, flüstere ich.

„Aber schwerhörig bin ich noch nicht!“, ruft meine Mutter. „Wenn du mal in unserem Alter bist, dann sagst du so etwas nicht mehr.“

„Das bekommt ihr dann eh nicht mehr mit, da seid ihr längst …“ Ich beende den Satz lieber nicht.

„Wir sind immer noch deine Eltern, auch wenn wir sterben“, sagt meine Mutter aber.

Alles, was ich in neunzehn Semester Philosophiestudium über Logik gelernt habe, denke ich, hat keinerlei Wert, wenn ich mit meiner Mutter telefoniere.

„Was willst du denn nun zu Weihnachten?“, fragt sie wieder.

„Keine Ahnung. Denkt euch was aus, ihr habt ja noch vier Monate.“

„Es wird langsam Zeit, dass du endlich Verantwortung übernimmst“, sagt meine Mutter. „Irgendwann musst du auch mal anfangen, längerfristig zu planen.“

„Unsere Generation kann doch gar keine Verantwortung übernehmen“, sage ich, „weil wir von euch, den fürsorglichen Post-68er-Eltern, nicht in die Freiheit der Entscheidungsfähigkeit entlassen wurden und in einer endlosen Schleife der kindlichen Regressivität gefangen sind.“

„Wir hätten damals verbieten sollen, dass du Philosophie studierst“, sagt meine Mutter.

„Ich bin sechsunddreißig Jahre alt, und du schickst mir immer noch jedes Jahr einen selbstgebastelten Adventskalender. Wie soll ich mich denn da als Erwachsener fühlen?“

„Oh nein, den Kalender muss ich ja auch noch machen!“ Meine Mutter stöhnt laut auf.

„Stimmt! Dafür hast du ja nur noch drei Monate Zeit.“

„Warum hast du eigentlich nicht Mathe studiert, wenn du so gut rechnen kannst? Dann wäre wenigstens etwas Ansehnliches aus dir geworden.“

„Hallo? Was soll denn das heißen? Ich habe ständig Auftritte, und die Leute kommen nur, um mich lesen zu hören.“

„Ach, die kommen doch nicht wegen dir“, sagt meine Mutter.

„Mama! Das kannst du doch nicht sagen! Dann könnte ich ja auch sagen, dass ich nur wegen Papa nach Freiburg komme.“

„Wenn du weiter so böse bist, bekommst du dieses Jahr keinen Adventskalender.“

„Oh, ja bitte!“, rufe ich.

„Sei nicht so gemein zu deiner Mutter!“, ruft mein Vater von hinten ins Telefon.

„Sie hat angefangen!“

„Gleich gibt’s eine hinter die Ohren!“

Ich schlage mir den Telefonhörer gegen die Ohren.

„Geld“, sage ich dann.

„Was?“, fragt meine Mutter.

„Ich wünsche mir Geld zu Weihnachten. Wie jedes Jahr.“

„Na, sag’s doch gleich“, ruft meine Mutter beruhigt und legt auf.

Aus: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück – Telefonate mit meinen Eltern“, Goldmann Verlag, 2018.