Der andere Blick auf Weihnachten

Michael Paul und David Geserik lieben ihren Beruf

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Die beiden Notfallsanitäter beim Vorbereiten des Einsatzfahrzeugs. © Ralph Steinemann Pressefoto
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David Geserik ist seit sieben Jahren als Lebensretter im Einsatz. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Michael Paul arbeitet seit 22 Jahren als Notfallsanitäter. © Ralph Steinemann Pressefoto

... auch an Heiligabend, weitab vom Weihnachtsbaum

Heiligabend ist für die Notfallsanitäter Michael Paul und David Geserik ein normaler Arbeitstag. Dennoch zieht auch bei ihnen ein Hauch von weihnachtlicher Stimmung auf. Dabei spielt eine unscheinbare Pappschachtel, die mit Geschenkpapier eingewickelt ist, eine Rolle...

Zwischen teils anrührenden, teils erschütternden Einsätzen bleibt nicht viel Zeit und Muße für besinnliche Feierstimmung.

„Weihnachten ist ein Arbeitstag wie jeder andere auch“, sagen die Notfallsanitäter Michael Paul und David Geserik. Sie haben sich damit arrangiert, an Heiligabend loszumüssen, während ihre Lieben gemütlich auf der Couch sitzen, schöne Filme anschauen und eine gute Flasche Wein öffnen.

„Das ist eben der kleine Nachteil in unserem Beruf, aber jeder Beruf hat schließlich einen kleinen Makel.“

Michael Paul ist seit 22 Jahren dabei, rund 15-mal durfte er an Weihnachten raus und die Familie feierte ohne ihn Heiligabend oder er fehlte am ersten Weihnachtstag. Oft habe es zeitlich zwar noch gereicht, gemeinsam zu essen. „Aber es stellen sich natürlich nicht dasselbe Gefühl und die Gemütlichkeit ein, weil ich im Hinterkopf immer den Job habe und weiß, dass ich anderntags früh ‘rausmuss“, sagt er.

Auch David Geserik hat von Weihnachten nicht viel, kennt es aber von Kindesbeinen nicht anders. Seine Mutter hatte als Krankenschwester oft im Krankenhaus Dienst. „Es gab bei uns keine Krokodilstränen, weil wir an Weihnachten nicht vollständig waren“, erinnert er sich. Er habe sich gut damit abgefunden: „Sonst hätte ich mich nicht für diesen Job entschieden.“

Ein Gefühl von Einsamkeit kommt bei ihnen nicht auf

Sie fühlen sich nicht allein. Die Kollegen sitzen schließlich mit im Boot. Der Zusammenhalt in der

Schicht sei grandios und immer sehr gut. „Wir motivieren uns das ganze Jahr, aber gerade an Weihnachten merken wir alle besonders intensiv, was wir voneinander haben.“ Was sehen und erleben sie? „Wir landen immer im festlichen Rahmen bei anderen Familien, das ist immer eine interessante Perspektive.“

„Ich kenn’ Sie doch - sind Sie nicht der aus dem Fernsehen?“

Ihnen schlagen gleichermaßen Anteilnahme und Mitleid entgegen. „Manchmal bekommen wir auch einen Schokoweihnachtsmann, Gutsle und Geschenke“, sagen sie erfreut.

Viele, die ihnen die Haustüre öffnen, kennen Michael Paul und David Geserik aus dem Fernsehen. Seit sie bei der SAT1-Reality-Doku „Lebensretter hautnah“ zu sehen waren, lösen die beiden Notfallsanitäter regelmäßig ein „Déjà-vu“ aus. „Es war totaler Zufall“, sagt David Geserik. Eine TV-Produktionsfirma sei auf der Suche nach Protagonisten auf die DRK-Wache zugekommen und sein Ausbilder Michael Paul habe ihn motiviert. Von Sommer 2019 bis zur Erstausstrahlung im April 2020 wurden sie vor laufender Kamera zu echten Einsätzen begleitet. Was im Fernsehen zu sehen war, sei nicht gestellt gewesen, betonen sie.

Pro Staffel standen 15 bis 25 Drehtage an, beide erinnern sich gerne zurück. „Wir waren positiv überrascht, wie sensibel das Kamerateam gegenüber den Patienten war.“ Das Patientenwohl hatte immer Priorität. Die Fernsehleute seien mit Bedacht vorgegangen und hätten sich den Personen langsam angenähert. „Es war von Anfang an eine gute Vertrauensbasis da.“

An Weihnachten merken sie, wie viele Menschen allein leben

Wie in der Doku, so münde auch in der Realität zum Glück nicht jeder Einsatz in lebensrettenden Maßnahmen. „Wir sehen, dass sehr viele Menschen alleine sind.“ Oft könnten durch ihr Auftauchen ein Notarzt und der Krankenhaustransport vermieden werden. Viele rufen aus Verzweiflung und aus seelischen Gründen den Rettungsdienst an. Oder weil sie körperliche Reaktionen und sogar Schmerzen aufweisen, die psychische Ursachen haben. „Niedergeschlagenheit kann sich in Herzstechen äußern, dann denken manche Menschen an einen Herzinfarkt.“

Seelenwärmer: Alkoholfreier Punsch, Nüsse und Gutsle

Von feinem Küchenduft und besinnlichem Lichterschein kehren sie zurück in die Rettungswache, bis der nächste Alarm losgeht. Ein Kommen und Gehen. Mit Ausnahme von ein paar Kerzen – aus Sicherheitsgründen handelt es sich um LED-Kerzen – verströme ihr Aufenthaltsraum wenig Weihnachtliches.

Doch es gibt eine Besonderheit, ein richtiger Seelenwärmer: Einige Wochen vor der Adventszeit steht eine mit weihnachtlichem Geschenkpapier eingepackte Pappschachtel auf dem Tisch. Sie zeigt an, dass Weihnachten ist. „Unser Chef schenkt uns immer eine große Kiste, gefüllt mit Lebkuchen, Gutsle, Orangen, Nüssen.“ Sie haben es verdient. Wie auch die Kanne mit alkoholfreiem, heißem Punsch, die ebenfalls griffbereit steht. Doch groß Zeit zum Punschsüffeln bleibe nicht und Weihnachtslieder hören sie allerhöchstens in den Häusern und Wohnungen, in denen sie erwartet werden. „Wir sind fast nie vollständig auf der Wache, es ist immer mindestens eine Person unterwegs.“

Nach der Weihnachtsgans wird es bei ihnen lebhaft

Pro Woche werden sie im Durchschnitt zu zwischen 100 und 120 Einsätzen gerufen.

An den Weihnachtsfeiertagen bleibe diese Zahl – anders als sich das viele vorstellen – weitgehend konstant. Einziger Unterschied: Die Einsätze ballen sich. „Wir merken, je später es wird, desto mehr rufen an.“ Wenn nach der Weihnachtsgans der Familienstreit auf den Tisch kommt, wird es bei ihnen lebhaft. Sei es, dass die Feierlichkeiten ausufern oder dass in der Stadt spät am Heiligabend die Bars und Kneipen öffnen – die DRK-Kräfte dürfen vermehrt nach der Bescherung und der Weihnachtsgans ‘ran.

„Gestritten wird das ganze Jahr über, aber an Weihnachten können ungelöste Konflikte aufbrechen.“ Ein Feiertagsklassiker: „Jemand hat etwas Falsches gegessen und es nicht vertragen.“ Hie und da komme es zu Handgreiflichkeiten. „Wir können oft schon mit Rat, Tat und Ideen im Hausmittelbereich etwas bewirken und helfen“, sagt David Geserik.

Von Heidrun Gehrke