Das Wort zum Advent

"Oh, Du Traurige" von Sebastian Lehmann

Zauberhafte Weihnacht 2021
Zauberhafte Weihnacht 2021 © MARVIN RUPPERT

Die Weihnachtszeit macht mich immer ein wenig traurig. Irgendwie ist es doch eher ein melancholisches Fest, von wegen „Oh, du Fröhliche“ und „Jesus ist auferstanden“ – ach nee, das war der Feiertag im Frühjahr. Als kleines Kind fand ich das übrigens immer total seltsam: Jesus wird am 24. Dezember geboren und nur circa vier Monate später am Karfreitag stirbt er schon wieder. Das schien mir eine recht kurze Zeit für seine ganzen Wunder. Als Kind versucht man sich ja viele Sachen, die man noch nicht versteht, mit einer ganz eigenen Logik zu erklären. Ich dachte zum Beispiel, dass der Pfarrer unserer Kirchengemeinde in der Nacht vor Ostern die Eier in unserem Garten versteckte. Ein Hase, der Schokoeier verteilt, das schien mir als Vierjähriger doch eher unglaubwürdig. Fake News. Ich habe natürlich auch nie an den Weihnachtsmann geglaubt. Ein alter bärtiger Mann mit rotem Gewand – so ein Blödsinn! Ich glaubte an das Christkind. Das flog nachts durchs Wohnzimmerfenster (Wie auch sonst? Wir wohnten im dritten Stock!) und drapierte die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Kinderlogik. Irgendwann ist das vorbei. Dann weiß man, dass nicht das Christkind die Playmobilautos bringt, dass nicht Bill Gates per Impfung Chips in die Köpfe aller Menschen verpflanzt oder der freie Markt die Klimakrise besiegt.

Oder vielleicht auch nicht.

Weihnachten ist ein trauriges Fest. Es fängt schon bei den Adventskalendern an. Ab Oktober liegen sie in jedem Supermarkt neben der Kasse. Die Schokolade darin schmeckt wie mit Sägespänen versetztes Schokopulver, gepresst in obskure Formen, die an die Figuren vom Bleigießen an Silvester erinnern. „Ist das der Weihnachtsmann oder doch eher eine Kerze?“

Am schlimmsten sind aber die Kalender ohne Schokolade, die hinter den Türen nur kleine Bildchen verstecken. Kann man sich etwas Frustrierenderes für ein fünfjähriges Kind vorstellen?

„Schau mal, ein Bild von einem Tannenbaum mit Schnee auf den Zweigen.“

Was denken Eltern, die ihren Kindern diese Kalender schenken? „Ein hauchdünnes Stück Billig-Schokoladenstücke einmal am Tag – das ist mir mein Kind nicht wert.“ Wahrscheinlich sind das die gleichen Eltern, die ihren Kindern auch kalten Kamillentee zu trinken gaben – und dann sagen: „Lecker, gesunde Spezi!“

Das Interesse an den Feierlichkeiten zu Heiligabend verändert sich innerhalb der Familie außerdem über die Jahre. Gibt es kleine Kinder in der Familie, wird alles auf diese ausgerichtet. Wehe, jemand stellt die Existenz des Christkindes oder Weihnachtsmanns öffentlich infrage. Je älter die Kinder werden, desto anstrengender finden sie jedoch die Weihnachtsrituale. So ein 16-Jähriger schaut kaum noch von seinem Handy auf, wenn die Eltern aus dem Wohnzimmer rufen, er könne jetzt reinkommen, das „Christkind hat die Geschenke gebracht.“ Ab einem gewissen Alter der Kinder feiert man dann für die Eltern Weihnachten. Damit sie sich wenigstens einmal im Jahr daran erinnern können, wie schön das war, bevor sie die eigene Brut jedes zweite Wochenende mit einer Alkoholvergiftung von der Notaufnahme abholen mussten. Sehr traurig eben.

Im Zentrum des Weihnachtsfestes steht allerdings etwas Hoffnungsvolles: der Baum.

Die Natur! Man stellt sich einen nach Wald duftenden Tannenbaum ins Wohnzimmer, schmückt ihn mit echten Bienenwachskerzen und selbst gebastelten Strohsternen – bis dann nach ein paar Tagen alle Nadeln abgefallen sind und man den Baum aus dem Fenster wirft, wo dieser dann vor sich hin vertrocknet, angepinkelt von Hunden und betrunkenen 16-Jährigen.

Bäume zu fällen, am besten eine schön große Nordmanntanne – der SUV unter den Weihnachtsbäumen –, um sie ein paar Tage später schon wieder zu entsorgen, wirkt irgendwie ein wenig aus der Klimakatastrophen-Zeit gefallen. Aber seit neuestem kann man sich Christbäume auch ausleihen. Im Topf. Vegan und glutenfrei. Vielleicht könnte man das Konzept auch für kleine Kinder übernehmen und sich ein paar begeisterungsfähige Weihnachtskinder leihen? Ist einfach schöner, wenn man jemanden dabei hat, der sich noch über gepresste Schokospäne und die Helene-Fischer-Show freut.

Doch ganz ohne Weihnachtsfeierlichkeiten wäre das Jahresende noch trauriger. Ich würde die Stille an Heiligabend vermissen, das leckere Essen, Sissi im Fernsehen, meine Familie. Ich würde die schlechten Witze meines Vaters vermissen, der an Heiligabend allen „Frohe Ostern“ wünscht. Und natürlich würde ich meine schöne Traurigkeit vermissen.

Außerdem ist Silvester eh noch viel schlimmer.