Der andere Blick auf Weihnachten

Was braucht eigentlich ein Bio-Rind?

1/4
BioRinder07
Die Limousin-Rinder von Bernd Pfeiffer leben fast ganzjährig auf der Weide. © Ralph Steinemann Pressefoto
2/4
BioRinder04
Für den Landwirt ganz schön viel Gschäft: Rund vier Rundballen Stroh verputzen sie täglich. Dafür kein Kraftfutter. © Ralph Steinemann Pressefoto
3/4
BioRinder05
Weidenleben: Und welche von ihnen ist nun die Heidi? © Ralph Steinemann Pressefoto
4/4
BioGaense02
Auch den Gänsen zur Weihnachtszeit geht es in Bioland-Haltung gut. © Ralph Steinemann Pressefoto

Wenn Tiere ein gutes Leben haben, steigt dieWertschätzung für das Fleisch, das wir essen.

Nicht überall, wo „Bio“ draufsteht, ist zertifiziertes „Bio“ drin.

Sie heißen Sternchen und Ferdinand. Auch eine Heidi läuft auf der Weide mit. Während des Jahres räumlich getrennt von Helmut, dem Deckbullen.

Bei Familie Pfeiffer leben sie in einer artgerechten Freilandhaltung. Alle Tiere wachsen in Mutterkuhhaltung auf. „Dadurch sind sie sehr robust, haben gute Mägen, wir brauchen keine Antibiotika“, sagt Bernd Pfeiffer. Am Stall wurde ein Laufhof angebaut, der den Tieren mehr Fläche im Freien bietet – Pfeiffers sagen „Joggingweide“ dazu. Sportlich auch, was das Ehepaar Pfeiffer täglich für diese Bio-Tierhaltung leistet: Sie ziehen keine Turborinder auf, die nach wenigen Wochen Arbeit und Fütterung die Schlachtreife erreicht haben. Antibiotika und Kraftfutter sind tabu. Ihre Rinder bekommen Futter, das sie auch in freier Wildbahn vorfinden würden – sprich: Die Tiere fressen Gras und Heu vom eigenen Hof, für dessen Anbau gemäß Bioland weder Pestizide noch Düngemittel gestattet sind. Blickt man in die Herde, entdeckt man kein Tier, dem die Hörner kupiert oder entfernt wurden. Sie haben sogar eine „Schönwetterweide“: „Dort können sie vorwiegend im Sommer ihren Bewegungsdrang voll ausleben“, so Birgit Pfeiffer. 90 Tiere plus 50 Mutterkühe leben ab den ersten Frühlingstagen bis Mitte November, wenn für uns „Mützenwetter“ beginnt, im Freien. Ihr „Familien“-Name: Limousin-Rinder. Eine Fleischrasse, die von Natur aus schnell wächst. Sie wurde speziell für die Anforderungen an Fleischqualität und Menge gezüchtet. Die Bioland-Richtlinien für die Tierhaltung sehen vor, dass kein Tier angebunden wird – das gilt bis zur Schlachtreife der Tiere, die nach rund 24 Monaten erreicht sei. Dann bringen die kraftstrotzenden Rinder stolze 340 Kilogramm auf die Waage. Seit 2016 erfüllen Pfeiffers die hohen Standards von Bioland, was die Erzeugung, Verarbeitung, Kennzeichnung und Kontrolle angeht. Bio-Landwirtschaft fördert Tierwohl, Artenvielfalt und das Klima. Allerdings darf man als Verbraucher zu Recht skeptisch werden, wenn das Kilogramm „Bio“-Rindfleisch zu „Schleuderpreisen“ in den Supermarktregalen oder beim Discounter liegt. Denn „Bio“ ist nicht gleich „Bio“. Es gibt die „günstige“ Variante – und es gibt das, wofür sich Bernd und Birgit Pfeiffer entschieden haben. „Damit wir als Kleinbetrieb nachhaltigen Landbau überhaupt auf die Füße stellen können, braucht es Ausdauer und viel guten Willen“, so Bernd Pfeiffer schmunzelnd. Er wolle ein vertrauenswürdiger, lokaler Anbieter sein, mit klarer Struktur und Transparenz. Darum haben sie 2014 ihren Betrieb im Rahmen einer erforderlichen Umstellungsphase umstrukturiert. 2016 war es so weit: Vom Ackerboden bis zum Silo, vom Futter bis in den Stall erfüllen sie die strengen Kriterien des Bio-Anbauverbands. Schon die Vorfahren hätten in einer Art gearbeitet, die damals auf jedem Hof auf dem Land Standard war und die heutzutage als „bio“ zertifiziert werde: „Wir machen schon immer Bioqualität, liefen aber zunächst unter dem EU-Biosiegel, weil wir unsere Hühnerhaltung nicht umstellen konnten“, erklärt Bernd Pfeiffer, der neben den Rindern in räumlich getrennten Höfen auch Geflügel gezüchtet hat. „Die Rinder waren schon immer bio, die Hühner noch konventionell, darum kam ein Bio-Anbauverband nicht infrage.“ Irgendwann sei er auf die Idee gekommen, zudem auch seinen zusätzlich betriebenen Zuckerrübenanbau auf Bio umzustellen. „Dann haben wir uns gesagt: Wenn wir es jetzt anpacken, dann richtig und ein für alle Mal“, sagt Birgit Pfeiffer. Inzwischen erfüllt auch die Hühnerhaltung die Standards von Bioland, die die zertifizierten Bio-Eier liegen im Hofladen-Regal zum Verkauf aus.

Für die Vermarktung ihres Fleisches habe die Betriebsumstellung Vorteile gebracht. Direktvermarktung sei ein wesentlicher Bestandteil des Öko-Landbaus. Rund ein Fünftel ihres Fleisches vermarkten sie zudem über die Winnender Metzgerei Häfele, die ihre Tiere – Rinder wie Schweine – in der eigenen Schlachterei in Ilsfeld schlachtet. Bei Pfeiffers kostet ein Kilo Rindfleisch, das sie als gemischte Kiste anbieten, 12 Euro. „Die Bewirtschaftungsweise und Pflege der Kulturen sind deutlich aufwendiger“, sagen Pfeiffers. Damit die mahlenden Mäuler der Bio-Rinder bestes Wiesenfutter – Heu und Stroh aus Eigenanbau – fressen können, frisst der ökologische Landbau viel Zeit. „Wir brauchen Unmengen an Stroh, rund vier Rundballen täglich, 40 Prozent erbringen wir von eigenen Feldern.“ Als Hausnummer führt Bernd Pfeiffer vor Augen, wie er dem wachsenden Verbraucherwunsch nach Bio-Fleisch von der wortwörtlichen Wurzel an nachkommt. In den Stall zog reine Strohhaltung ein, Spaltenböden sind verboten. Seine Rinder bekommen das ganze Jahr über Gras, nur im Winter wird zugefüttert – und dann mit hofeigenem Silagefutter. Alles entsteht in einer biodynamischen Kette, die die Naturprozesse, Fruchtfolgen und Zyklen respektiert.

Pfeiffers sind noch einen Schritt weiter gegangen: „Wir tun noch etwas mehr, als die Biolandrichtlinien uns vorgeben.“ Dahinter stecke der Wille, am Umbau der Land- und Lebensmittelwirtschaft aktiv mitzuwirken. Der sei ungebrochen, versichert Birgit Pfeiffer: „Wir kommen damit aus der Verlustzone raus, denn als Spaßgeschäft oder Hobby machen wir es nicht.“ Idealismus ja, aber die Summe, die unter dem Strich hängenbleibt, sollte dem erbrachten Einsatz entsprechen, ergänzt Bernd Pfeiffer. Er sei zwar im Hauptberuf als Mechaniker fest angestellt, doch seit der Arbeitgeber die Schließung des Werks in Oppenweiler bekanntgab, sei er freigestellt und auf Jobsuche. Was der Hof abwirft, sei darum schon heute existenzsichernd. Und es sei nicht irgendein Hof: „Schon mein Großvater hat ihn bewirtschaftet, uns liegt viel daran, ihn lebensfähig zu halten.“ Bleibt zu wünschen, dass in immer mehr Einkaufskörben der Verbraucher ökologisch produzierte Lebensmittel landen. Gerade die Weihnachtszeit, die für Nicht-Vegetarier gerne auch mit einem besonderen Fleischgericht und Leckerbissen vom Rind verbunden ist, kann nachhaltig und ein Stück ökologischer werden. Wenn man als Verbraucher weiß, dass das Tier gut gelebt hat, kann man das Fleisch auf dem Teller ganz anders wertschätzen.

von Heidrun Gehrke