VfB Stuttgart

Tor-Geiz in der Bundesliga

VfB Trainingslager im Stubaital Tag 4_0
Warum fand das Runde in dieser Spielzeit bislang so selten den Weg ins Eckige? © Danny Galm

Stuttgart.
Gegen Frankfurt war es endlich so weit. VfB-Stürmer Simon Terodde durfte nur wenige Sekunden nach seiner Einwechslung sein erstes Bundesliga-Tor bejubeln. Das Warten hatte endlich ein Ende, doch eine Frage bleibt: Warum hat der Aufsteiger so große Probleme im Offensiv-Spiel und traf erst vier Mal ins Schwarze?

Ein historischer Minus-Rekord

Ein Grund dafür ist sicherlich die fehlende Balance zwischen Defensive und Offensive. Ein Problem, dass die Stuttgarter aber keinesfalls exklusiv haben. Die Bundesliga steuert in dieser Saison auf einen historischen Minus-Rekord zu: An den ersten sieben Spieltagen fielen im Schnitt pro Partie nur 2,44 Tore – so wenige wie noch nie zu diesem Zeitpunkt.

„Oft geht es nur noch darum, hin­ten si­cher zu ste­hen, ir­gend­wie Punk­te zu er­mau­ern. Das geht zu Las­ten der Krea­ti­vi­tät und Of­fen­si­ve“, erklärte unlängst Weltmeister Thomas Berthold gegenüber der Bild.

"Nur ganz wenige Mannschaften versuchen mit dem Ball zu agieren“

Doch was sind die Gründe für diesen Tor-Geiz, der sogar Bundestrainer Joachim Löw die Sorgenfalten auf die Stirn treibt? Nach der Null-Punkte-Woche in den europäischen Vereinswettbewerben Ende September, äußerte sich der oberste Fußballlehrer der Nation besorgt: „Es gibt Gründe, warum das so ist. Darüber sollte man sich Gedanken machen.“

Auch der ehemalige Sportdirektor des FC Bayern Matthias Sammer beklagte in seiner Rolle als TV-Experte die „durchschnittliche“ Liga: „Im ganzen Durchschnittsbrei ist allgemein eine Tendenz erkennbar, diesen abzusichern. Damit wird man sportlich und auch vom Geist her keine Entwicklung in Gang setzen", erklärte der Europameister von 1996.

Sammer legte nach: "Nur ganz wenige Mannschaften versuchen mit dem Ball zu agieren. Es sind vielleicht vier oder fünf in der Bundesliga. Alle anderen versuchen zu verteidigen oder das Spiel zu zerstören. Das ist zu wenig", polterte Sammer.

Passes Per Defensive Action

Ein Vorwurf der sich auch anhand eines relativ neuen statistischen Werts belegen lässt, nämlich der Passes Per Defensive Action (PPDA) – einem Index für das Pressing-Verhalten einer Mannschaft.

Entwickelt hat diese Art der Spielanalyse ein nordirischer Taktik-Blogger, der die Spielweise des BVB unter Jürgen Klopp genauer unter die Lupe nehmen wollte. Die PPDA werden aus Sicht der verteidigenden Mannschaft in den vorderen 60 Metern des Spielfelds (die komplette gegnerische Hälfte plus zehn Metern der eigenen) ermittelt.

Die Analysten untersuchen in dieser Zone das Pressing-Verhalten der verteidigenden Mannschaft und zählen die Pässe, welche die Mannschaft der angreifenden Mannschaft erlaubt, bis die erste Defensivaktion gestartet wird.

Sprich: Wie oft darf sich der Gegner den Ball zupassen, bevor man ihn abfängt, ihn foult oder durch ein Tackling in Bedrängnis bringt?

Die „Pressing-Maschinen“ der Liga

Seit dieser Saison erheben die Datensammler von Opta diese Daten zu jedem Bundesliga-Spiel. Aus diesem Daten-Pool lassen sich die „Pressing-Maschinen“ der Liga ermitteln. Angeführt wird die Pressing-Rangliste wenig überraschend von Borussia Dortmund (6,97) und RB Leipzig (7,54). Die Schlusslichter sind Borussia Mönchengladbach (13,13) und der SC Freiburg (13,66). Der VfB Stuttgart landet mit einem Wert von 11,10 im oberen Mittelfeld.

Im europäischen Vergleich ist die Bundesliga, was das Pressing angeht, führend: 11,26 ist der Durchschnittswert im deutschen Fußball-Oberhaus. In Spanien (11,40) und Frankreich (11,45) wird ebenfalls noch hoch gepresst, aber in Italien (13,26) und England (13,81) steht die Jagd nach dem Ball schon weniger im Fokus.

Fazit: Die Bundesliga-Mannschaften investieren deutlich mehr Energie in die Balleroberung, als die Teams aus den anderen europäischen Ligen.

Wohin mit dem Ball?

Das Pressing-Verhalten einer Mannschaft ist aber lediglich ein Stilmittel einer Mannschaft, noch lange kein Qualitätsmerkmal. Die entscheidende Frage ist: Was stellen die Teams mit dem gewonnen Ball an?

Und hier offenbart sich nicht nur beim Aufsteiger aus dem Schwabenland eine große Schwäche: In der gesamten Liga gibt es viele Mannschaften, die zwar fleißig und aggressiv gegen den Ball arbeiten, aber sobald die Kugel erobert wurde, nicht recht wissen wohin damit.

Thomas Berthold vermisst beim VfB einen "Steuermann"

Mit dem Ball in den eigenen Reihen tun sich viele Bundesligisten schwer. Viel lieber überlasst man dem Gegner das Spielgerät und lauert auf Konter – und das betrifft nicht nur die Aufsteiger aus Stuttgart und Hannover.

Beim VfB vermisst Thomas Berthold diesbezüglich einen „Steuermann“ im Mittelfeld, der zu gegebener Zeit auch einmal auf den Ball tritt oder einen Pass vertikal in die Spitze spielt. Das Saisonziel vom Klassenerhalt sieht der Weltmeister von 1990 deswegen allerdings nicht in Gefahr. Der VfB habe in dieser Saison Glück, „dass es viele Teams nicht bes­ser ma­chen.“