TVB Stuttgart

Corona: Sorgen und Hoffnungen des TVB Stuttgart und der Handball-Bundesliga

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Das tapfere Dutzend auf der Tribüne der Porsche-Arena: Die Aufbauhelfer des TVB werden rechtzeitig zum Spielbeginn mit Trommeln ausgestattet und sorgen für ein bisschen Stimmung. © Ralph Steinemann Pressefoto

Die Handball-Bundesliga ächzt und stöhnt unter den Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie. Die Fans müssen auch im Dezember zu Hause bleiben, in der Porsche-Arena sorgen zwei Handvoll Aufbauhelfer für Stimmung. Die Clubs sorgen sich um ihre Existenz und hoffen im Februar auf eine Lockerung – nach der umstrittenen Weltmeisterschaft. Die traurige Lage passt so gar nicht zu den starken Auftritten, mit denen der TVB Stuttgart die Konkurrenz und Experten verblüfft. Wie geht’s weiter beim TVB und in der HBL? Es gibt viele Fragen und nur wenige Antworten.

Die Fans dürfen auch im Dezember ihre Teams nicht unterstützen. Kam der Beschluss der Bundesregierung überraschend?

„Wir hatten uns schon Anfang November darauf eingestellt, dass wir auch für den Rest des Kalenderjahres ohne Zuschauer spielen müssen“, sagt Jürgen Schweikardt, Trainer und Geschäftsführer des TVB Stuttgart.

Fünf Heimspiele hat der TVB in dieser Saison absolviert. Dreimal saßen 500 Sponsoren auf der Tribüne (gegen Tusem Essen, den TBV Lemgo und den SC DHfK Leipzig) zweimal waren keinerlei Gäste zugelassen (gegen den TSV Hannover-Burgdorf und die HSG Nordhorn-Lingen). Drei Heimspiele stehen im Dezember noch auf dem Programm: TSV GWD Minden (10. Dezember), THW Kiel (19. Dezember) und Bergischer HC (26. Dezember).

Verkraftet der TVB Stuttgart finanziell weitere Geisterspiele?

Das Kalenderjahr 2020 dürfte der TVB relativ unbeschadet überstehen – allerdings nur aufgrund der treuen Sponsoren und der staatlichen Unterstützung. Geisterspiele auch im neuen Jahr indes dürften große Probleme bereiten – es sei denn, der Staat greift den Bundesligaclubs weiterhin unter die Arme. Es werde aktuell darüber diskutiert, ob die Hilfe ausgeweitet wird aufs erste Halbjahr des neuen Jahres, sagt Jürgen Schweikardt. Ob der TVB finanziellen Schaden nehmen wird, hänge von der Höhe der Unterstützung ab. „Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir unsere Sponsoren und Fans nicht verlieren, Kontakt haben sie momentan ja nur übers Fernsehen“, so Schweikardt weiter. Nicht vergessen werden dürfe, dass der TVB von den Zuschauereinnahmen lebe.

Wann ist das Comeback der Fans zu erwarten?

Jürgen Schweikardt ist „großer Hoffnung, dass wir im Februar wieder ein paar Leute reinlassen dürfen“. Im Blick hat er die 20-Prozent-Regel. Nach der könnten 1200 Fans die Partien in der Porsche-Arena verfolgen.

Wie gut ist das Hygienekonzept der Handball-Bundesliga?

„Ich finde, es läuft ordentlich in der HBL“, sagt Schweikardt. Am vergangenen Wochenende habe kein Spiel verlegt werden müssen. Zu Schwierigkeiten habe lediglich die Länderspielpause geführt. „Ich denke, die Handball-Bundesliga und die Geschäftsführer der Clubs sind in konstruktiven Gesprächen.“ Dass das Hygienekonzept streng ist, ist spätestens nach Jogi Bitters Corona-Geschichte offensichtlich: Der TVB-Keeper hatte nach dem Ende seiner Quarantäne vom Gesundheitsamt und den Ärzten die Freigabe fürs Spiel gegen Nordhorn. Er musste aber sieben Tage warten, ehe er einen negativen Test vorlegen konnte, den die HBL vor einem Einsatz verlangt.

Verwundert sind die Club-Verantwortlichen darüber, dass Politiker wie beispielsweise Karl Lauterbach fordern, den Profi-Handball sofort zu verbieten. In diesem Zusammenhang äußerte sich vorige Woche Karsten Günther, Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig, gegenüber der. Er lade Herrn Lauterbach gerne nach Leipzig ein, um mit ihm die Ergebnisse der Studie Restart-19 zu besprechen. Laut Günther träfen in der HBL ausschließlich negativ getestete Spieler aufeinander. Jeder mit nur einer geringen Viruslast werde sofort erkannt und vorerst ausgeschlossen. „Wir reduzieren das Risiko auf das absolute Minimum“, so Günther. Die Studie Restart-19 habe gezeigt, „dass wir pandemie-neutral mit bis zu 25 Prozent der Zuschauer spielen können, ohne jemanden zusätzlich zu gefährden, jeder Zuschauer hätte nur eine feste Kontaktperson“.

Inwieweit hat sich die Aufgaben des TVB-Organisationsteams verändert?

„Die Arbeit hat sich verschoben“, sagt Sven Heib, Technischer Leiter und Sicherheitsbeauftragter beim TVB. Keine signifikanten Unterschiede gebe es, ob vor 500 oder keinen Fans gespielt werde. „Wir brauchen weniger Security, die Zuschauersteuerung fällt weg und wir müssen keine Tickets verschicken“, sagt Heib. Die Arbeit bei der Spielsteuerung (Moderation, DJ, LED-Bandenwerbung) sei jedoch nahezu dieselbe. „Nur aufs Showprogramm verzichten wir.“

Grundsätzlich seien bei den Heimspielen weniger Helfer im Einsatz. Das knappe Dutzend Aufbauhelfer erledigt nach getaner Arbeit eine weitere wichtige Aufgabe: Es muss – mit Trommeln ausgestattet – die rund 6000 Fans ersetzen, die den TVB normalerweise nach vorne peitschen. „So haben wir wenigstens ein bisschen Manpower in der Halle“, sagt Heib. „Das hilft aber enorm, ohne unsere Trommler wäre es ganz öde in der Halle.“ Die Mannschaft freue sich sehr über den Einsatz und habe sich bei den Trommlern für deren Unterstützung bedankt. Selbstverständlich würden die Hygienerichtlinien penibel eingehalten – Masken und ausreichend Abstand.

Warum spielt der TVB, wenn keine Fans zugelassen werden, nicht in der kleineren, gemütlicheren und günstigeren Scharrena?

Theoretisch sei das möglich, weil die Scharrena frei sei, so Heib. Die Porsche-Arena habe derzeit allerdings mehrere Vorteile, auch wenn sie teurer sei für den TVB. „Wir können für die restlichen drei Spiele in diesem Jahr alles aufgebaut lassen, das ist eine riesige Erleichterung.“ Auf das Umzugsunternehmen könne ebenso verzichtet werden wie auf die Bodenleger. Und, noch ein wichtigerer Punkt: Der TVB könne in der größeren Porsche-Arena die Hygienevorgaben der Handball-Bundesliga und der Stadt viel besser einhalten. „Wir können für jede Gruppe einen eigenen Eingang zur Verfügung stellen.“ Sprich: Die Mannschaften, Schiedsrichter, TVB-Mitarbeiter und Medien kommen sich nicht ins Gehege. „Es ist einfach entspannter. Und sollten kurzfristig wieder 500 Fans zugelassen werden, sind wir in der Porsche-Arena viel flexibler.“

Haben sich die Spieler an die leeren Tribünen gewöhnt?

„Daran wird man sich nie gewöhnen“, sagt der TVB-Abwehrchef Samuel Röthlisberger. „Es ist nicht dasselbe.“ Ohne die Fans fehle ein wichtiger Teil der Sportart Handball. „Die Fans pushen einen – ganz egal, ob daheim oder auswärts. Jetzt müssen wir selbst ein paar Prozent mehr aufbringen.“ Eine große Hilfe seien die Trommler. „Auch wenn es nicht so viele sind, unterstützen sie uns extrem.“ Doppelt schade sei’s, dass die Mannschaft ihren derzeit guten Lauf nicht gemeinsam mit den Fans feiern könne.

Dominik Weiß, Co-Kapitän des TVB, hat sich „ein bisschen“ an die Atmosphäre gewöhnt. „Es ist ja schon fast neun Monate her, als wir das letzte Mal vor vielen Fans gespielt haben“, sagt er. Das Team habe mittlerweile einen ganz guten Weg gefunden, sich gegenseitig anzustacheln. „Und die Trommler machen einen sehr guten Job. An ihnen lag’s nicht, dass wir die Punkte nicht geholt haben, die uns fehlen.“ Im Grunde fehlt dem TVB nur ein Punkt: der aus dem 26:26-Unentschieden gegen Lemgo. Die anderen vier Heimspiele haben die Stuttgarter für sich entschieden.

Muss der Trainer bei Geisterspielen den Einpeitscher spielen für sein Team?

„Tatsächlich versuche ich, durch mehr emotionale Rückmeldung während des Spiels die Spieler in den Flow zu bringen“, sagt der TVB-Trainer Jürgen Schweikardt. In den Auszeiten dagegen habe sich seine Ansprache nicht geändert.

Ist eine Weltmeisterschaft im Januar mit 32 Mannschaften in Ägypten sinnvoll?

Die WM ist ein Thema, über das in diesen Tagen und sicherlich auch in den nächsten Wochen noch viel diskutiert wird. Nach dem aktuellen Stand wird der TVB vier bis fünf Spieler für die WM vom 13. bis 31. Januar abstellen: Jogi Bitter und Patrick Zieker (Deutschland, Zieker war zuletzt nicht nominiert), Zarko Pesevski (Mazedonien), Samuel Röthlisberger (Schweiz) und Viggó Kristjánsson (Island).

So richtig wohl ist es wohl keinem Bundesliga-Club, denn bereits eine Woche nach dem Finale in Ägypten geht’s mit dem Ligabetrieb weiter. Grundsätzlich sei es jedem Spieler selbst überlassen, ob er zur Nationalmannschaft reise, sagt der TVB-Trainer Jürgen Schweikardt. Die Vereine stünden in der Pflicht, die Spieler abzustellen, „aber sicherlich werden wir mit unseren Kandidaten noch einmal reden“. Schweikardt ist überzeugt davon, dass der Deutsche Handball-Bund alles dafür tun werde, die Spieler bestmöglich zu schützen. „Der Vorteil der WM ist, dass sich alle Spieler an Ort und Stelle befinden und nicht wie in der Länderspielpause kreuz und quer durch Europa reisen.“ In einer geschützten Blase sei die WM sicherlich weniger risikoreich.

„Hin- und hergerissen“, was die Austragung der WM betrifft, ist der TVB-Spieler Samuel Röthlisberger. „Um als Sportart präsent zu bleiben, wäre es sicherlich wichtig, die WM zu spielen“, sagt er. Er hofft, dass die Verantwortlichen eine gute Lösung finden. „Alles andere liegt nicht in meiner Macht.“

Die Handball-Bundesliga ächzt und stöhnt unter den Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie. Die Fans müssen auch im Dezember zu Hause bleiben, in der Porsche-Arena sorgen zwei Handvoll Aufbauhelfer für Stimmung. Die Clubs sorgen sich um ihre Existenz und hoffen im Februar auf eine Lockerung – nach der umstrittenen Weltmeisterschaft. Die traurige Lage passt so gar nicht zu den starken Auftritten, mit denen der TVB Stuttgart die Konkurrenz und Experten verblüfft. Wie geht’s weiter beim TVB

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