TVB Stuttgart

Kleine Stolperfallen: Ex-Bittenfelder Dominik Weiß über die Saison in Lübeck

VfL Luebeck-Schwartau vs. TV 05/07 Huettenberg, Handball, 2. Bundesliga, 18.12.22
Es ist nicht so einfach, am Neu-Lübecker Dominik Weiß (links) vorbeizukommen. Hier versucht es der Hüttenberger Niklas Theiss (hinten Torhüter NIls Conrad, rechts Vojtech Patzel). © 54° / Felix Koenig

Seine Nummer 6 auf dem Trikot hat Dominik Weiß behalten nach seinem Wechsel vom Handball-Erstligisten TVB Stuttgart zum Zweitligisten VfL Lübeck-Schwartau zur aktuellen Saison. Mit allem Neuen, was auf ihn zukam, sei er gut zurechtgekommen, erzählt der 33-Jährige im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner. Das eine oder andere Mal ist der „Lange“ aber doch gestolpert. So weiß er mittlerweile, dass er im hohen Norden der Republik künftig kein „Röhrle“ und auch kein „Röhrchen“ zu einem Getränk bestellen sollte.

Herr Weiß, über den Jahreswechsel sind die Exil-Handballer oft in der Heimat anzutreffen. Sind auch Sie derzeit auf Heimaturlaub im Ländle?

Tatsächlich, das bin ich. Ich war an Heiligabend zu Hause und am ersten Weihnachtsfeiertag bin ich dann mit dem Zug am frühen Morgen wieder nach Lübeck gefahren. Am 25. Dezember war noch ein Training, weil wir am 26. Dezember noch einmal ein Spiel hatten. Tags darauf bin ich wieder runtergefahren.

Wann startet der VfL Lübeck-Schwartau in die Vorbereitung auf die Rückrunde?

Das Mannschaftstraining beginnt am 11. Januar, aber schon in dieser Woche arbeiten wir nach unseren individuellen Trainingsplänen.

Wie sind Sie privat angekommen im hohen Norden?

Sehr gut. Ich habe eine schöne Wohnung, sie liegt auch logistisch sehr gut. In fünf Minuten bin ich in der Halle, in 20 Minuten am Strand.

Sind Sie ein Strandgänger?

Wir waren im Sommer oft dort. Meine Freundin hat ihren Sommerurlaub hier verbracht, sie war jeden Tag in Timmendorf oder Scharbeutz am Strand. Es ist sehr malerisch dort. Auch die Lübecker Altstadt ist sehr schön. Man kann spazieren gehen, gemütlich Kaffee trinken. Die Lebensqualität ist hoch hier oben.

Wie groß ist eigentlich die Sprachbarriere für einen Schwaben?

Nun ja, es gab und gibt immer mal wieder kleine Schluckauf-Situationen, wenn ich nicht richtig verstanden werde. Obwohl ich eigentlich gar keinen so harten Dialekt habe, sitze ich immer wieder auf mit irgendwelchen schwäbischen Wörtern.

Zum Beispiel?

Ich habe meiner Freundin Tamara beim Bäcker einen Kaffee bestellt. Sie wollte einen Strohhalm dazu. Also bin ich noch mal hin und sagte, ich bräuchte noch ein Röhrle. Die Verkäuferin hat mich ziemlich komisch angeguckt.

Und dann?

Dann ist mir eingefallen, dass ich ja Hochdeutsch reden muss. Also fragte ich nach einem Röhrchen. Weil auch das natürlich kein hochdeutsches Wort ist, war das Gelächter groß.

Sie spielten 13 Jahre beim TVB und haben zu jeder Saison neue Spieler kennengelernt. Zum ersten Mal waren Sie nun selbst ein Neuer. Was war das für ein Gefühl?

Das war von Anfang an kein Problem. Alle haben sich viel Mühe gegeben, die neuen Spieler einzubinden. Ich bin ja nicht der einzige Neue im Team gewesen. Das ist ein bunter Haufen, alles nette Jungs, die motiviert und engagiert sind und die etwas bewegen möchten. Es herrscht eine angenehme Arbeitsatmosphäre.

Wird einer, der so lange wie Sie in der ersten Liga gespielt hat, nicht besonders kritisch beäugt?

Es war klar, dass ich vorangehen sollte. Die anderen Spieler sollten sich ein bisschen an mir orientieren können. Ich komme nicht nur aus einer höheren Liga, sondern bin auch einer der ältesten Spieler im Kader. Der Input, den ich geben konnte, wurde positiv aufgenommen. Ich denke, das ist nicht selbstverständlich.

Mussten Sie auch ein paar Anekdoten aus Ihrer langen Karriere erzählen?

Geschichten über einzelne Spieler oder besondere Situationen, wie es zum Beispiel ist, in bestimmten Hallen zu spielen, sind immer gerne gehört. Und wenn man Mitspieler hatte wie Jogi Bitter oder Mimi Kraus, dann gibt es natürlich auch nette Storys zu erzählen.

Ihr erstes Halbjahr beim VfL Lübeck-Schwartau ging nicht verletzungsfrei über die Bühne. Ende Oktober waren Sie plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Was war los?

Im Spiel gegen die HSG Konstanz ist mir ein Gegenspieler auf die Schulter gefallen. Dann hat sich dort eine Entzündung gebildet, die einen dauerhaften Schmerz verursacht hat. Ich war sieben Spiele raus. Jetzt bin ich wieder zurück auf dem Feld. Die Winterpause wird mir helfen, wieder mit neuem Schwung in die Rückrunde zu gehen.

Wie haben sich Ihre Einsatzzeiten in der Abwehr und im Angriff verteilt?

Tendenziell wurde ich mehr in der Abwehr eingesetzt. Dem Trainer war wichtig, dass ich dort 60 Minuten mit all meiner Kraft spielen kann. Das Tempospiel habe ich mitgemacht, dadurch kam ich am Anfang auf 40 bis 45 Minuten Spielzeit. Hätte ich auch noch im Positionsangriff gespielt, wäre ich wohl 60 Minuten auf dem Feld gewesen.

Nach 18 von 38 Spielen liegt der VfL mit 14:22 Punkten auf Rang 15 unter 20 Teams. Damit dürfte der Club nicht ganz zufrieden sein, oder?

Grundsätzlich hatten wir mit der Konstanz zu kämpfen. Wir haben sehr gute Spiele gemacht. Wir hatten aber auch welche, in denen der Ball einfach nicht ins Tor wollte. Dabei haben wir so schlecht eigentlich nicht gespielt. Außerdem hatten wir eine Phase mit vielen Verletzten. So mussten die jungen Spieler lange auf dem Feld bleiben. Sie haben das gut gemacht, aber es war klar, dass irgendwann die Luft raus sein wird. Dann hat sich der Gegner darauf eingestellt. Ich denke, wir haben viel Lehrgeld bezahlt.

Ist da etwa Frust rauszuhören?

Die Tabellensituation ist zwar nicht so gut, aber wir lassen uns davon nicht unterkriegen. Alle wissen, dass wir vieles besser machen können und müssen. Resignation ist nicht zu spüren – im Gegenteil: Im Training spüre ich den Ehrgeiz bei jedem einzelnen Spieler.

Wie stark ist die 2. Bundesliga in dieser Saison?

Die Liga war schon immer sehr ausgeglichen, aber in dieser Saison ist die Dichte noch größer. Es gibt viele Teams, die sich extrem verstärkt haben. Und dann gibt’s Teams, die von vorneherein oben erwartet worden sind. So kommen locker sechs oder sieben Mannschaften zusammen, die auf einem hohen Niveau und konstant spielen. Außerdem gibt es noch Teams wie Eintracht Hagen, das einen sehr guten Kader hat, aber in der Tabelle noch hinter uns steht. Hagen kann auch noch nach vorne rutschen.

Heißt das, für Ihr Team ist der Zug nach oben abgefahren?

Das ist wirklich schwer vorherzusagen, weil die Mannschaften punktemäßig ziemlich nah beieinander liegen. Wenn wir in einen Lauf kommen, können wir einige Plätze gutmachen. Ganz nach oben wird’s jedoch schwierig. Es sind einfach zu viele gute Teams dabei. Für uns geht’s in erster Linie darum, das erste halbe Jahr auszuwerten und daraus zu lernen, was wir besser machen können. Wir müssen versuchen, die Fehler abzustellen.

Geht der Blick auch nach hinten in der Tabelle?

Wir müssen immer auch nach hinten schauen. Bei drei Absteigern müssen wir wachsam sein, das ist gefährlich. Ich habe aber beim jahrelangen Abstiegskampf mit dem TVB gelernt, dass es am meisten Sinn macht, sich um sich selbst zu kümmern und nicht so viel nach links und rechts zu blicken. Wir sollten nicht davon abhängig sein, dass die anderen nicht punkten.

Kommen wir zu Ihrem Ex-Club. Hatten Sie die Gelegenheit, Spiele des TVB live zu sehen?

Ich war beim Auswärtsspiel in Kiel, das hat sich angeboten. Zu mehr hat es leider nicht gereicht. Immer, wenn ich mal zu Hause war, hat der TVB auswärts gespielt. Ich habe aber 80 Prozent der Spiele im Fernsehen verfolgt.

Dann sind Sie ja auf dem Laufenden. Wie fällt ihr Zwischenfazit aus?

Grundsätzlich finde ich es schade, dass der TVB so weit unten steht in der Tabelle. Ich denke, das Team hat seine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Ich glaube, dass der TVB mit dieser Mannschaft deutlich erfolgreicher sein kann. Ich gehe auch davon aus, dass der TVB noch weiter nach vorne kommt.

Trauen Sie sich eine Ferndiagnose zu?

Von außen hat man den Eindruck, dass eine leichte Verunsicherung herrscht. Die Sicherheit muss man sich als Team erst wieder erarbeiten. Ich denke, die Wintervorbereitung wird den TVB weiterbringen. So war’s in der Vergangenheit öfter. Wir sind gut rausgekommen aus der Pause und gut in die Rückrunde gestartet. Ich hoffe, das passiert jetzt wieder. Das erste Halbjahr war auch turbulent. Dass sich der TVB so früh in der Saison von einem Trainer trennt, das gab’s nicht so oft.

Nun ist Michael Schweikardt in der Verantwortung, den Sie gut kennen.

Ja, wir haben auf dem Feld einiges zusammen erlebt, neben dem Aufstieg in die erste Bundesliga auch unter anderem einen Trainerwechsel. So etwas hat immer in erster Linie einen psychologischen Effekt. Danach einen neuen, gemeinsamen Weg zu etablieren, benötigt dann aber Zeit. Micha hatte bei dem engen Spielplan noch kaum Zeit, dem Spielkonzept seinen Stempel aufzudrücken. Die Winterpause wird ihm helfen, in aller Ruhe ein paar Sachen zu etablieren. Auch wenn er nicht alle Spieler zur Verfügung haben wird.

Es hört sich so an, als poche noch ein Bittenfelder Herz in Ihrer Brust.

Natürlich habe ich emotional noch starke Verbindungen zum TVB. In allen Bereichen, zu den ehrenamtlichen Helfern, zu den Jungs in der Mannschaft. Um die tut’s mir einfach leid, wenn es nicht gut läuft. Entsprechend hoffe ich das Beste, dass sie sich schnell selbst aus der Krise ziehen. Ich hoffe auch, ich kann demnächst mal wieder bei einem Spiel dabei sein und ein bisschen quatschen.

Seine Nummer 6 auf dem Trikot hat Dominik Weiß behalten nach seinem Wechsel vom Handball-Erstligisten TVB Stuttgart zum Zweitligisten VfL Lübeck-Schwartau zur aktuellen Saison. Mit allem Neuen, was auf ihn zukam, sei er gut zurechtgekommen, erzählt der 33-Jährige im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner. Das eine oder andere Mal ist der „Lange“ aber doch gestolpert. So weiß er mittlerweile, dass er im hohen Norden der Republik künftig kein „Röhrle“ und auch kein „Röhrchen“

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