TVB Stuttgart

Mehr als nur der Ligaverbleib: Hohe Ziele für TVB und Jürgen Schweikardt

Jürgen Schweikardt
Jürgen Schweikardt, Geschäftsführer des TVB Stuttgart, blickt optimistisch auf die achte Saison in der höchsten Handball-Liga. © Ralph Steinemann Pressefoto

Sechs neue Spieler müssen integriert werden, zum ersten Mal in acht Jahren erste Handball-Bundesliga hat der TVB Stuttgart höhere Ziele als den Ligaverbleib: Es könnte wieder eine spannende Saison werden. „Wenn wir es schaffen, uns einzuspielen, glauben wir, dass unser Ziel realistisch ist“, sagt der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt (42) im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner. „Die Fans können sich auf die neue Mannschaft freuen, sie müssen aber ein bisschen Geduld haben.“

Herr Schweikardt, erstmals in seiner achtjährigen Erstligazugehörigkeit hat der TVB andere Ziele als den Ligaverbleib verkündet. Kommende Saison will er mindestens Zwölfter werden, im Jahr darauf Zehnter. Wie lange musste das Gremium tagen, bis Einigkeit bei der Zielsetzung herrschte?

Die Gesellschafterversammlung hat nicht lange tagen müssen, bis die Entscheidung gefallen ist. Der ganze Prozess über die Konzepterstellung und Einbindung von Sponsoren hat sich allerdings über ein halbes Jahr hingezogen, bis am Ende dieses Ziel stand. Allen war aber klar, dass es zum nächsten Schritt kommen muss.

Inwieweit hängt die Zielsetzung mit der Zusammenstellung des Kaders zusammen?

Wir haben zuerst versucht, auch durch die Einbindung von Sponsoren, weitere Mittel zu generieren und einen Kader zusammenzustellen, der dieses Ziel erreichen kann.

In die vergangene Saison ging der TVB mit einem neuen Trainerteam und vier neuen Spielern. Es dauerte eine ganze Weile, ehe die Automatismen griffen. Jetzt kommen sechs Neue, drei von ihnen sprechen kein Deutsch. Sind da erneute Anlaufschwierigkeiten nicht programmiert?

Sicherlich hatten wir im vergangenen Jahr einen größeren Umbruch, allen voran durch die Installierung des neuen Trainerteams. Das braucht immer ein bisschen Zeit. Jetzt haben wir sechs neue Spieler, das ist uns schon bewusst. Die Erwartungen dürfen deshalb am Anfang nicht so hoch sein, auch weil wir zu Beginn auf sehr starke Gegner treffen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass eine Saison 34 Spieltage hat. Wenn wir es schaffen, uns einzuspielen, glauben wir, dass unser Ziel realistisch ist.

Sie haben es angedeutet, das Auftaktprogramm hat es in sich: Kiel, Erlangen, Berlin, Rhein-Neckar Löwen. Im Vorjahr startete der TVB mit 0:8 Punkten. Befürchten Sie ein Déjà-vu?

In diesen vier Spielen sind wir dreimal der Außenseiter, mit Erlangen sind wir auf Augenhöhe. Da kann alles passieren, aber so weit schauen wir nicht voraus. Ich glaube, dass wir in jedem Spiel eine Siegchance haben. Deshalb gilt jetzt unsere Konzentration dem THW Kiel. Da schauen wir, was möglich ist. Dann gehen wir Schritt für Schritt weiter. Aber ich kann mich nur wiederholen: Die Saison wird sich nicht in den ersten vier Spielen entscheiden.

Im Fachmagazin Handball-Woche nimmt vor jeder Saison ein Experte die 18 Bundesligateams unter die Lupe. Der Ex-Flensburger Lasse Svan traut dem TVB nicht besonders viel zu. Zwei Bälle vergibt er – „Kellerkind, das wird eng“. Schlechtere Chancen räumt Svan lediglich GWD Minden und dem Aufsteiger ASV Hamm-Westfalen ein. Was sagen Sie dazu?

Lasse Svan ist natürlich ein absoluter Handball-Experte. Aber ich denke, er ist nicht ganz so vertraut mit dem, was sich bei uns getan hat. Wir waren in den vergangenen Jahren ein Kellerkind und müssen jetzt eben beweisen, dass wir das nicht mehr sind. Derartige Einschätzungen beeinflussen unsere Arbeit aber in keiner Weise.

Nur der Bergische HC und der SC DHfK Leipzig legen ihren Saisonetat offen. Warum zieren sich die anderen 16?

Meiner Meinung nach sind Saison-Budgets nicht aussagekräftig – zumal ja auch nicht immer die wirklichen Zahlen offengelegt werden. Und der offiziell angegebene Etat sagt noch lange nichts darüber aus, wie viel Geld die einzelnen Standorte tatsächlich in die Mannschaft stecken können, denn das ist am Ende das Unterscheidungskriterium – und immer interpretierungswürdig. Die Standortvoraussetzungen und Kostenstrukturen sind einfach viel zu verschieden.

Nach der durchwachsenen Hinrunde durften Sie mit der Rückrunde sehr zufrieden sein – wie auch mit dem Zuschauerzuspruch über die gesamte Saison hinweg. Zu den 17 Heimspielen kamen im Schnitt 3200 Zuschauer. Auf wie viele Fans hoffen Sie in dieser Spielzeit?

Wir waren mit der Rückrunde, die wir übrigens auf Platz zehn abgeschlossen haben, wirklich zufrieden – wie auch mit dem Zuschauerzuspruch. 3200 Fans sind ein sehr, sehr guter Schnitt, mit dem wir immerhin auf Rang sieben der Zuschauertabelle gelandet sind. Da steckt aber auch viel Vermarktungsarbeit unseres Büroteams dahinter. Wir hoffen, dass wir den Schnitt in der kommenden Saison ausbauen können. Allerdings spüren wir immer noch die Nachwirkungen von Corona. Wir müssen nach wie vor Leute zurückgewinnen und neue hinzugewinnen.

Für Stimmung sorgen in der Porsche-Arena sollen seit der vergangenen Saison die Stehplätze hinter dem Tor. Haben sie sich bewährt oder gibt’s noch Luft nach oben?

Der Stehplatzbereich ist neu, er muss sich erst etablieren. Wir hoffen, dass er sich nach und nach weiter füllen wird. Unsere Fans und Trommler, die für die Stimmung sorgen, sind sehr zufrieden – und das ist für uns das Wichtigste. Jeder ist eingeladen, dort mitzumachen. Die Preise auf den Stehplätzen sind deshalb auch subventioniert.

Was glauben Sie: Wovon machen die Zuschauer ihren Besuch in der Porsche-Arena am ehesten abhängig? Vom Erfolg des TVB? Von der Attraktivität des Gegners? Von der Stimmung in der Halle? Wünschen sich die Fans spektakuläre Spieler wie Silvio Heinevetter, Egon Hanusz und Daniel Fernandez? Oder stehen sie eher auf vorbildliche Kämpfer wie Adam Lönn, Samu Röthlisberger und Fynn Nicolaus?

Ich denke, in erster Linie wollen die Zuschauer einen Erfolg des TVB sehen. Noch wichtiger ist, glaube ich, dass die Mannschaft zumindest alles gibt, kämpft, die Zuschauer mitnimmt, sich auch gegen große Gegner wehrt und es am Ende, im besten Fall, ein gemeinsamer Erfolg ist. Die anderen Dinge, spektakuläre Spieler beispielsweise, sind die Sahnehäubchen. Bei aller Kritik, die wir in der vergangenen Saison vor allem zu Beginn einstecken mussten, kann man in der Rückrunde – mit Ausnahme des Heimspiels gegen Lübbecke – der Mannschaft keine Vorwürfe machen. Wir haben unter anderem Leipzig, die Rhein-Neckar Löwen und Melsungen geschlagen. Die Mannschaft hat da schon vieles richtig gemacht.

Wie lief der Dauerkartenverkauf im Vergleich zum Vorjahr?

Wir sind etwa auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr. Insgesamt haben wir 1600 Dauerkarten verkauft, damit sind wir zufrieden.

Es ist zu befürchten, dass Corona auch in der kommenden Saison wieder Einfluss nehmen wird, nun positioniert sich mit der Energiekrise ein weiterer Spielverderber. Sollten sich die Fans für die Heimspiele in der Porsche-Arena vorsorglich mit langen Unterhosen, Handschuhen, Wollmütze und Moonboots eindecken?

Es gibt sicherlich Dinge, die man fürchten muss. Aktuell gehe ich jedoch von einem ganz normalen Handballerlebnis mit keinerlei Einschränkungen aufgrund von Corona oder der Gas-Krise aus. Wir hoffen, dass es so bleiben wird. Vorbereiten kann man sich auf die unzähligen Szenarien, die da kommen können, sowieso nicht. Wir werden, wie wir das in der Vergangenheit immer gemacht haben, die Lage anschauen und bestmöglich reagieren. Aber noch mal: Wir sind sehr optimistisch, eine normale Handballsaison spielen zu können.

Der ungarische Wirbelwind Egon Hanusz war in der vergangenen Saison vielleicht die größte Überraschung. Auf welchen Spieler dürfen sich die Zuschauer jetzt besonders freuen?

Wenn wir uns auf die neuen Spieler beschränken, sind viele dabei, die sehr interessant sind für die Zuschauer. Vorneweg Silvio Heinevetter, aber auch Oscar Bergendahl und unsere zwei spanischen Außen, die eine sehr spektakuläre Spielweise haben. Ivan Sliskovic und Jan Forstbauer sind eher ruhig, sie werden uns mit ihrer Erfahrung helfen. Ich denke, dass sich die Fans auf diese Mannschaft freuen können. Die Vorbereitungsspiele machen sehr optimistisch, wenngleich wir wissen, dass am Anfang der Saison andere Kaliber auf uns zukommen und ein bisschen Geduld gefragt ist. Aber die grundsätzliche Qualität der Mannschaft ist vielversprechend.

Sechs neue Spieler müssen integriert werden, zum ersten Mal in acht Jahren erste Handball-Bundesliga hat der TVB Stuttgart höhere Ziele als den Ligaverbleib: Es könnte wieder eine spannende Saison werden. „Wenn wir es schaffen, uns einzuspielen, glauben wir, dass unser Ziel realistisch ist“, sagt der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt (42) im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner. „Die Fans können sich auf die neue Mannschaft freuen, sie müssen aber ein bisschen Geduld

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