TVB Stuttgart

TVB-Talent Fynn Nicolaus: Zwischen Nahkampf und Distanzunterricht

Nicolaus
Fynn Nicolaus (vorne/hinten von links Alexander Schulze, Dominik Weiß und Samuel Röthlisberger) nimmt seine Magdeburger Gegenspieler in Empfang. In der Abwehr deckt der 17-Jährige und auf der Halbposition und im Mittelblock. © Jens Körner

Vormittags bereitet sich Fynn Nicolaus – vorwiegend im Distanzunterricht – aufs Abitur in ein paar Wochen am Stuttgarter Schickhardt-Gymnasium vor. Nachmittags trainiert der 17-Jährige mit dem Erstligateam des TVB Stuttgart. Und an Spieltagen misst er sich mit den weltbesten Handballern. Der eine oder andere ist dabei überrascht, wie abgezockt und hartnäckig der Youngster zu Werke geht. Patrick Wiencek, Kreisläufer der Nationalmannschaft und des Champions-League-Siegers THW Kiel, hat schon lange nicht mehr ein so böses Gesicht gemacht wie am Samstag.

Es lief die 45. Minute in der Wunderino-Arena. Der Deutsche Meister quälte sich gegen den ebenso ersatzgeschwächten wie starken TVB Stuttgart und führte lediglich mit 22:21. Die Kieler initiierten einen weiteren Angriff, plötzlich sank Patrick Wiencek zu Boden. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, blickte er nicht besonders amüsiert aus dem Zebra-Trikot. Derweil schickten die Schiedsrichter Fynn Nicolaus für zwei Minuten auf die Strafbank. Erst in der Zeitlupe war zu sehen, was passiert ist: Nicolaus hatte den Kreisläufer am Schlafittchen gepackt. Versehentlich, wie der 17-Jährige hinterher beteuerte. „Ich wollte um ihn herumlaufen, was übrigens gar nicht so einfach ist. Dabei hatte ich meinen Arm zu weit oben und habe ihn am Hals erwischt.“

Respekt verschafft

Nicht wegen dieser Szene war Fynn Nicolaus nach dem Spiel ein gefragter Mann, sondern weil er bei der 28:33-Niederlage des TVB ein starkes Spiel gemacht hat. Ein-Reporter bat Nicolaus um ein Interview. „Ich bin zuerst gar nicht auf die Idee gekommen, dass er mich meinte“, sagt Nicolaus. „Dann wirst du vor die Tafel gestellt und weißt nicht so recht, was jetzt kommt.“ Überrascht und ein bisschen angespannt sei er gewesen. „Aber die Fragen waren gut zu beantworten.“

Eigentlich sollte Fynn Nicolaus, der im Juli 18 Jahre alt wird, behutsam ans Bundesligateam des TVB herangeführt werden. Nachdem jedoch Elvar Asgeirsson vor ein paar Wochen den Verein verlassen hatte, war abzusehen, dass der abwehrstarke Youngster mehr Spielanteile bekommen würde als geplant.

Einen unerfahrenen Spieler wie Nicolaus aufs Spielfeld zu schicken, zumal noch auf der Halbposition und im Mittelblock der Abwehr, ist ein hohes Risiko. In der Regel stürzen sich die Gegner auf so einen Grünschnabel wie die Geier aufs Aas. Sprich: Just über diese Position suchen sie die Lücke zum Tor. Diese Erfahrung musste zunächst auch Nicolaus machen. „Die Essener und Leipziger haben die ganze Zeit versucht, mich zu isolieren.“ Allerdings häufig mit überschaubarem Erfolg. Die Magdeburger und Kieler konzentrierten sich anschließend schon nicht mehr ausschließlich auf den Jugend-Nationalspieler. „Ich habe keine Ahnung, ob’s Zufall war, dass sie nicht gezielt auf mich drauf sind“, sagt er.

Kein typischer 17-Jähriger

Gegen Kiel hatte sich Nicolaus offensichtlich bereits im ersten Spielabschnitt den nötigen Respekt verschafft. Zweimal blockte er Würfe der Kieler, einen Ball stibitzte er ihnen. Nach der Pause durfte Nicolaus auch im Angriff ran – auf gleich drei Positionen: Halblinks, am Kreis und auf Rechtsaußen. Er trieb sich sozusagen auf dem ganzen Spielfeld herum.

Der TVB-Trainer Jürgen Schweikardt hält große Stücke auf das Talent, und auch die Mitspieler staunen. „Fynn ist kein typischer 17-Jähriger“, sagt der Abwehrchef Samuel Röthlisberger. „Eher ein 21- oder 22-Jähriger.“ Nicolaus bringe extreme körperliche Voraussetzungen mit und sei schon jetzt ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. „Wenn er so weitermacht, wird er ein Top-Spieler.“ Er sei intelligent, clever, unbekümmert und stets bereit. „Und man kann mit Fynn über viele Dinge sprechen, beispielsweise darüber, wie wir eine Aufgabe gemeinsam lösen können.“

Herausforderungen gibt’s genügend derzeit für Fynn Nicolaus. Demnächst steht das Abitur an, die Vorbereitung mit Wechselunterricht ist nicht optimal. In den letzten drei Wochen sollen die Abiturienten zu Hause bleiben, um sich nicht noch vor den Prüfungen anzustecken. „Ich bin froh, wenn alles vorbei ist“, sagt Nicolaus. Dann kann er sich auf den Handball fokussieren und sich weiterhin mit den Besten der Welt messen. Wie zuletzt mit Michael Damgaard, Christian O’Sullivan, Zeljko Musa, Domagoj Duvnjak oder Sander Sagosen. „Sagosen war schon extrem. In der zweiten Halbzeit hat er mich zwei- oder dreimal erwischt im Eins-gegen-eins.“

Mit Patrick Wiencek war Fynn Nicolaus übrigens schon kurz nach Spielende im Reinen. „Er war nur sauer, weil er von unserer Bank einen Kommentar gehört hat, der ihm nicht gefallen hat.“

Vormittags bereitet sich Fynn Nicolaus – vorwiegend im Distanzunterricht – aufs Abitur in ein paar Wochen am Stuttgarter Schickhardt-Gymnasium vor. Nachmittags trainiert der 17-Jährige mit dem Erstligateam des TVB Stuttgart. Und an Spieltagen misst er sich mit den weltbesten Handballern. Der eine oder andere ist dabei überrascht, wie abgezockt und hartnäckig der Youngster zu Werke geht. Patrick Wiencek, Kreisläufer der Nationalmannschaft und des Champions-League-Siegers THW Kiel, hat schon

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper