Gastbeitrag von Ilija Trojanow

Der Pazifismus ist noch nicht am Ende

Der Schriftsteller Ilija Trojanow warnt vor zu einfachen Antworten.
Der Schriftsteller Ilija Trojanow warnt vor zu einfachen Antworten. © dpa/Christian Charisius

Was ist die Aufgabe der Intellektuellen? Das fragt man sich nach jedem emotionalen oder gar hysterischen Artikel. Sich in Wort (und seltener Bild) über die eigene Ohnmacht hinwegzutrösten? Oder nüchtern argumentierend einen breiteren Horizont ins Gespräch zu bringen und dabei stets auf die Sprache zu achten? Gewiss Letzteres: das Niveau des öffentlichen Diskurses zu stabilisieren.

Vorbildlich in dieser Hinsicht war der Jahrhundertautor George Orwell, der in seinen Artikeln und Essays während des Zweiten Weltkriegs als lebenslanger Linker selbstverständlich den Nazismus bekämpfte, zugleich aber auch vor Stalin und der Sowjetunion warnte. Er wurde beschimpft und diffamiert von der großen Mehrheit der Hurra-Alliierten. Heute wissen wir, wie recht er hatte, seine Texte sind weiterhin aktuell, weil er dagegen anschrieb, dass im Krieg die Schwarz-Weiß-Malerei zum Dogma erhoben wird.

Wer ist kompetenter als Hinz und Kunz?

Dies erscheint momentan besonders wichtig, gerade weil die grundsätzliche Bewertung außer Frage steht: Russland hat brutal angegriffen, begeht Kriegsverbrechen, muss zurückgeschlagen werden. Kein vernünftiger Mensch wird dies in Abrede stellen. Alles Weitere ist jedoch umstritten. Inhaltlich sind Intellektuelle oft nicht kompetenter als Hinz und Kunz, auch wenn sie zuletzt im Schnellverfahren zu Virologen und nun im Durchlauferhitzer zu Generälen umgeschult haben. Ob ein Impfstoff zu empfehlen und eine Flugverbotszone durchführbar ist (Antwort der Militärexperten: Nein), sollte anderen Stimmen überlassen werden.

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Stattdessen gilt es, auf Zusammenhänge hinzuweisen, die wegen der verständlichen Schockstarre, die Bilder von Mord und Zerstörung in uns auslösen, übersehen werden. Etwa die globalen Verwerfungen. Zwar wird eifrig ein mögliches „Ende der Globalisierung“ diskutiert, aber noch leben wir in einer globalisierten Welt, und die absehbaren Folgen sind verheerend. Wenn Brasilien wichtige Rohstoffe nicht mehr importieren kann, wird es die Ausbeutung des Amazonas verstärken. Während bei uns die Magnolien erblühen, schlittern Länder wie Argentinien in einen unbeheizten Winter. Und in Ostafrika leiden nach drei ausgefallenen Ernten 14 Millionen Menschen unter Hunger. Die explodierenden Weltmarktpreise begrenzen die Nahrungsmittelhilfe. Viele bekommen nur noch jeden zweiten Tag etwas zu essen.

Wer einmal eine Hungersnot erlebt hat (in meinem Fall als 17-Jähriger in Nordkenia), der wird diesen Schrecken niemals vergessen: Babys mit aufgedunsenen Bäuchen, ihre Eltern nur mehr Haut und Knochen, jeglicher Lebenswillen verdunstet. Das sollten wir uns vor Augen führen, wenn wir leichtfertig über den „Verzicht“ jammern, der uns nun zugemutet wird. Die Not des anderen ertragen wir bekanntlich mit Geduld, aber wir sollten gerade in diesen Zeiten den universellen Humanismus hochhalten, der uns im besten Fall auszeichnet.

Der Westen steckt in einer Selbsttäuschung

Zu diesem Humanismus gehört auch, sich keine Illusionen zu machen über die Wahrnehmung im globalen Süden. Die oft geäußerte Behauptung, die ganze „freie Welt“ sei einmütig auf der Seite der Ukraine und der Nato, ist eine Selbsttäuschung. Wie Gespräche mit Freunden in Indien und in Südafrika, in Kenia und in Bosnien offenbaren, herrscht dort Skepsis vor. Sie erinnern sich noch genau an den „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ gegen den Irak. Es ist eine Ironie der Geschichte, wie sehr Putins Denazifizierungslüge strukturell den „Massenvernichtungswaffen“ im damaligen rhetorischen Arsenal der USA entspricht. Bedenkt man, wie klarsichtig Kanzler Schröder damals den Irakkrieg ablehnte und wie blindlings er sich danach in die verderblichen Arme Putins stürzte, erscheint er fast wie eine tragische Figur aus einem Stück von Shakespeare.

Manche würden bei diesem Punkt sophistisch differenzieren, aber die Tatsache bleibt – nicht erst seit gestern –, dass im globalen Süden viele Menschen der Heuchelei des Westens misstrauen. Dass sie mit Grausen beobachten, wie brutal afrikanische Flüchtlinge im Vergleich zu den ukrainischen behandelt werden. Dass sie mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen, wie zynisch der Westen auf den Krieg im Jemen reagiert hat (allein Deutschland hat zwischen 2012 und 2018 Waffen im Wert von mehr als 3,5 Milliarden Euro an den Aggressor Saudi-Arabien geliefert). Der Jemen ist inzwischen so zerstört, wie es die Ukraine hoffentlich nie sein wird. Wie der chinesische Menschenrechtsaktivist Ai Weiwei neulich in Wien sagte: „Wir haben kein klares moralisches oder philosophisches Urteilsvermögen mehr, sondern ein großes Durcheinander.“

Die Kabarettisten haben das Wort

Zu diesem Durcheinander gehören überhastete Urteile über historische Zäsuren und Paradigmenwechsel. Mit kabarettistischem Talent verkündete der Politologe Francis Fukuyama umgehend „das Ende des Endes der Geschichte“. Andere sprechen von einem Angriff auf die gesamte liberale Weltordnung, auf Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Marktwirtschaft. Oder gleich vom Dritten Weltkrieg. In solchen Zeiten wird auch die Rhetorik aufgerüstet. So war es schon nach dem 11. September 2001, und manch eine damalige Aussage klingt heute wie von Rumpelstilzchen auf Ecstasy.

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Es ist keineswegs ausgemacht, dass unsere Sicherheit grundsätzlich gefährdet ist. Eine Armee, die in der Ukraine zurückgedrängt wird, dürfte kaum die Nato angreifen. Wieso muss über Nacht ein Sonderfonds von 100 Mrd. Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr übers Knie gebrochen werden, wenn Russland auf absehbarer Zeit die einzige militärische Bedrohung darstellt und Russland nach diesem Krieg viel schwächer sein wird als zuvor? Und wieso soll die gegenseitige atomare Abschreckung, die selbst zwischen zwei zutiefst verfeindeten Staaten wie Indien und Pakistan funktioniert, nun nicht mehr verlässlich sein?

Neulich wurde im Fernsehen mit sorgenvoller Miene kundgetan, das Atomwaffenarsenal der Russen mit ihren 6255 Sprengköpfen sei dem der Nato mit 6065 Sprengköpfen überlegen. Jemand sollte diesen Zeitgenossen erklären, dass nicht alle sechstausend Sprengköpfe zum Einsatz kommen würden. Und dass es – wie wir gerade täglich erfahren – auch im Krieg mehr auf Qualität als auf Quantität ankommt. Im Übrigen beschreiben kritische Texte aus Russland, dass die dortige Gesellschaft und Wirtschaft schon vor der Invasion in eine tiefe Krise geschlittert sei, so dass Putins Entscheidung neben seinem imperialen Größenwahn auch motiviert sein könnte von dem kurzsichtigen Bestreben, diese Probleme nach außen zu tragen.

Es geht weiterhin um gerechte Teilhabe

Ebenso verfrüht sind Unkenrufe über das Ende der Weltgemeinschaft. Im Gegenteil. Wenn wir solche grauenhaften Kriege in Zukunft vermeiden wollen, brauchen wir mehr Weltgemeinschaft, nicht weniger. Angesichts der unvermeidlichen ökologischen Katastrophen und der anstehenden Verteilungskämpfe werden nationalstaatliche Prämissen unweigerlich zu militärischen Auseinandersetzungen führen. Die Stabilität der Europäischen Union als Friedensstifter hat sich bewährt, und die Vision einer Weltunion ist tausendmal verlockender als die dystopische Vorstellung von bis auf die dritten Zähne bewaffneten Nationalstaaten. Zu diesem Zweck sollten wir uns endlich verabschieden von einer Ideologie der Selbstsucht und des Eigennutzes und Lösungen anstreben, die eine gerechte Teilhabe aller Menschen auf Erden gewährleisten.

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Auch ist die momentane populäre Verdammung pazifistischen Denkens überhastet. Kompromisslose Gewaltlosigkeit wird oft als duldsame oder passive Frömmigkeit missverstanden. Der bekannteste Verfechter, Mahatma Gandhi, war immer wieder bereit, sein eigenes Leben einzusetzen und zu opfern. Er hatte keine Angst vor der Gewalt. Sein utopisches Ziel bestand nicht darin, Gewalt zu vermeiden, sondern die Gewaltfreiheit in der ganzen Welt zu verankern. Immer wieder postulierte er, dass der Tod der Sklaverei vorzuziehen sei. Er sprach davon, die Wahrheit auf Kosten des Lebens zu schützen.

Die Bereitschaft, sich selbst zu opfern, gehöre zum Wesen der Gewaltlosigkeit. Auch wenn ich selbst kein Pazifist bin, erscheint es mir als schäbig, Pazifisten und Pazifistinnen Feigheit oder Naivität vorzuwerfen, just jetzt, da sich der geostrategische Pragmatismus als große Dummheit herausgestellt hat, wie selbst der Bundespräsident in einer seltenen Selbstkritik eingesteht. Es ist keineswegs entschieden, ob nicht der pazifistische Weg eher zu dem führen könnte, was wir uns hoffentlich alle ersehnen: Nie wieder Krieg!

Der Nationalstaat bietet keinen Ausweg

Wer über den Krieg nachdenkt, muss die Nachkriegszeit mitbedenken. Gerade in diesem Land, das so sehr davon profitiert hat, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht – wie manche gefordert hatten – zur Bestrafung deindustrialisiert und geknechtet, sondern wirtschaftlich unterstützt wurde. Wer heute alle Russen und alles Russische verdammt (dass manche ukrainischen Intellektuelle dies tun und einen Totalboykott russischer Bücher und Kultur fordern, ist verstörend – Autodafé ist stets eine schlechte Idee!), wiederholt rassistische Denkmuster, die wir eigentlich ablehnen sollten.

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In einem brutalen, repressiven System ist der Einzelne einem enormen Konformitätsdruck ausgesetzt, der Widerstand dagegen heroisch. Die Umfragen über die breite Unterstützung, die Putins Regime angeblich genießt, sind höchstwahrscheinlich Makulatur, aber selbst wenn sie stimmen sollten, bleiben 20 ablehnende Prozent der Bevölkerung übrig, immerhin 30 Millionen Menschen! Auch hilft es wenig, dass inzwischen fast jede ukrainische Verlautbarung mit dem Ausruf „Glory to Ukraine“ endet. Ruhm und Ehre den mutigen Menschen, die dort kämpfen, den grauenhaft gefolterten und getöteten Opfern, den Unterstützern nah und fern. Aber nicht einem Nationalstaat. Denn hinter dieser Formel lauert eine weitere zukünftige Gefahr: noch mehr rabiater Nationalismus in Europa. Und wann hat der Nationalismus je Frieden gebracht!?

Unser Autor

Schriftsteller
Ilija Trojanow wurde 1965 in Bulgarien geboren; seine Familie floh 1971 nach Deutschland; seine Jugend verlebte er in Kenia. Als Verleger engagierte er sich früh für Literatur aus Afrika und dem arabischen Raum. Seit 1996 veröffentlicht er eigene Romane, etwa „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ (1996), „Der Weltensammler“ (2006) und „EisTau“ (2011).

Debatten
Trojanow ergreift immer wieder Partei in öffentlichen Debatten. 2009 veröffentlichte er gemeinsam mit der Schriftstellerkollegin Juli Zeh den Band „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Bereits 2006 erschien sein viel diskutiertes Buch „Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen“.

Was ist die Aufgabe der Intellektuellen? Das fragt man sich nach jedem emotionalen oder gar hysterischen Artikel. Sich in Wort (und seltener Bild) über die eigene Ohnmacht hinwegzutrösten? Oder nüchtern argumentierend einen breiteren Horizont ins Gespräch zu bringen und dabei stets auf die Sprache zu achten? Gewiss Letzteres: das Niveau des öffentlichen Diskurses zu stabilisieren.

Vorbildlich in dieser Hinsicht war der Jahrhundertautor George Orwell, der in seinen Artikeln und Essays

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