Georgische Schriftstellerin über den Ukraine-Krieg

„Putin ist nicht verrückt – umso schlimmer“

„Russen sprechen gerade die Sprache der Raketen, da nützen Regenbogenplakate wenig“, sagt die georgische Schriftstellerin  Nino
„Russen sprechen gerade die Sprache der Raketen, da nützen Regenbogenplakate wenig“, sagt die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili. © imago images/TT/Henrik Montgomery/TT via www.imago-images.de

Draußen geht gerade die Welt unter. Vor dem Hotel entlädt sich rauschend eine rabenschwarze Regenfront. Gleich muss Nino Haratischwili weiter zu einer Lesung ins Literaturhaus Stuttgart, wo sie ihren neuen Roman über eine Jugend im postsowjetischen Chaos Georgiens vorstellt. Die apokalyptische Beleuchtung passt zu dem Bild, das sie von dem russischen Diktator Putin zeichnet.

Frau Haratischwili, Ihr Werk ist eine Chronik zurückliegender Schrecken, einer Zeit mangelnden Lichts. Und über ihm liegt die Hoffnung, wie es in Ihrem Roman heißt, dass jeder Mensch ein Anrecht auf genügend Licht haben sollte. Putin bombt dieses Recht in der Ukra­ine gerade in die Finsternis zurück. Wie ist es für Sie, von der Geschichte eingeholt zu werden?

Das ist eine Frage der Perspektive. Der Unterschied zwischen meinem Osten und dem Westen besteht darin, dass für mich die Geschichte nie zur Historie geworden ist. Sie war immer Gegenwart. Seit ich denken kann, war Putin da. Und seitdem gibt es Kriege. Als ich eingeschult wurde, gab es Krieg eins, dann Krieg zwei, als ich Mitte 20 war kam Krieg drei, Tschetschenien, Krim, Syrien. Es ist für mich ein einziges Kontinuum und eine ständige Gegenwart – nichts, was jemals abgeschlossen gewesen wäre. Putin war immer da und hat all das getan. Man wollte das hier nur nie wahrhaben. Es ist wahnsinnig schmerzhaft, welchen Preis die Ukraine dafür zahlen muss, dass wir endlich hinschauen.

Sie beschreiben den schmerzhaften Weg aus dem postsowjetischen Chaos – einen Weg, den auch die Ukraine zurückgelegt hat. Wie fühlen sich die Menschen in Georgien gerade?

Die Zwanzigjährigen in Georgien heute sind Lichtjahre von den Zwanzigjährigen damals entfernt. Die Umstände sind wesentlich günstiger. Und doch sind auch sie ganz anders sensibilisiert für diese Schrecken als ihre Altersgenossen hier. Sie haben die Sowjetunion nicht mehr mitgekriegt, nicht die chaotischen neunziger Jahre, von denen mein Roman erzählt. Aber sie leben in einem Land, von dem 20 Prozent okkupiert sind, sie kriegen mit, dass ständig die Grenzen weiter ins Landesinnere verschoben werden. Die Bedrohung ist permanent zu spüren.

Wie reagieren Sie als Schriftstellerin auf die haarsträubende Fiktionalisierung der Geschichte der Putin-Propaganda?

Das ist immer krasser und schrecklicher geworden, mittlerweile erreicht sie so absurde Ausmaße, wie sie sich nicht einmal Beckett oder Kafka hätten ausdenken können. Aber auch das ist nichts Neues. Gefakte Geschichtsschreibung gab es in schon in der Sowjetunion, und sie wurde fortgesetzt. Während der Perestroika tat sich kurz eine Tür auf, man konnte hoffen, dass das Land in eine andere Richtung gehen könnte. Aber mit Putins Wahl ist sie sehr schnell wieder zugefallen. Und die ganzen Narrative der Sowjetzeit wurden komplett von einer Diktatur in die nächste übertragen: der Mythos von dem großen russischen Reich, der Länder, die alle dazugehören und von Russland gerettet wurden, der Sieg über den Faschismus, mit dem Russland alles rechtfertigt.

Die imperialistische Rhetorik verfängt

In der Ukraine kämpfen auf russischer Seite bekennende Rechtsextremisten wie die Gruppe Wagner, deren Gründer sich einen Reichsadler mit Hakenkreuz auf die Brust tätowieren ließ, zu Putins Inspiratoren zählen der Nazisympathisant und Antisemit Alexander Dugin und der Faschismus-Verherrlicher Iwan Iljin. Warum glaubt irgendjemand diese absurde Entnazifizierungslüge?

Es ist nicht zu unterschätzen, was es heißt, wenn eine Propaganda so viele Jahre arbeitet und die kritischen Medien immer weiter zurückgedrängt, Journalisten ermordet und ausgeschaltet werden. Doch wenn man die Nachrichten aus den Tschetschenienkriegen anschaut, die damals in Russland verbreitet wurden, war es schon genau das Gleiche wie heute: Auch da fiel niemals das Wort Krieg, das waren auch immer Operationen, Rettungsaktionen, Friedensmissionen. Man kann sich natürlich grundsätzlich fragen, warum Fake-News funktionieren. Sie tun dies auch in den USA. Wie konnte jemand wie Trump gewählt werden? In Russland, das ja nicht nur aus Moskau oder Petersburg besteht, haben viele den Zerfall der Sowjetunion als tragisches Ereignis empfunden. Die militärisch-imperialistische Rhetorik kommt ihnen entgegen.

Die Bilder von Butscha markieren eine Zäsur. Die zentrale Figur Ihres Romans ist eine Fotografin, die in die georgischen Kriegsgebiete gezogen ist. Welche Macht haben Bilder?

Eine große. Aber leider sind auch sie manipulierbar. Wenn man Medien auf verschiedenen Sprachen anschaut, merkt man, wie die gleiche Nachricht aus völlig unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann. Die mediale Wirklichkeit ist immer krasser verformbar geworden. Das ist sehr gefährlich, und es wird immer schwieriger, aus Fakten bestehende Informationen zu bekommen. Trotzdem ist es im Zeitalter des Internets ein wichtiger Fortschritt, dass Bilder solcher Gräueltaten jetzt viel schneller an die Öffentlichkeit gelangen. Doch wir kennen all diese Bilder schon aus diversen anderen Kriegen. Trotzdem stehen wir immer wieder an demselben Punkt. Das ist eine sehr bittere Erkenntnis: Dass wir aus der Geschichte nichts zu lernen scheinen. Die grausigsten und schlimmsten Bilder können nicht verhindern, dass sie sich wiederholen.

Abonnieren Sie hier unseren kostenlosen Literatur-Newsletter „Lesezeichen“

Sie haben Erfahrung mit den Schlächtern der osteuropäischen Geschichte: Können Sie ein Psychogramm Putins skizzieren?

Ich halte ihn nicht für verrückt. Natürlich hat er psychopathische Züge wie jeder Diktator und jeder Mensch, der bereit ist, für irgendwelche abstrusen, wahnwitzigen Bestrebungen Menschenleben zu opfern. Aber trotzdem ist Putin für mich nicht wie Hitler: Er weiß genau, wo er rein kann und wo nicht. Und er fängt immer da an, wo er weiß, niemand wird kommen, der stärker ist als er, um ihn aufzuhalten. Jetzt aber könnte er sich verschätzt haben. Dass man es nicht mit einem Wahnsinnigen zu tun hat, macht das Ganze leider kein bisschen besser, im Gegenteil. Er hat einen Plan, und der ist sehr erschreckend.

Gerade treten viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ihrer Zuständigkeit heraus und fordern ein stärkeres militärisches Engagement. Wie definieren Sie Ihre Rolle – was müsste geschehen?

Militärexpertin bin ich definitiv nicht. Ich glaube aber, diese Frage muss man den Leuten vor Ort stellen. Natürlich ist es superbequem, aus dieser Situation, in der ich gerade hier in diesem netten Hotel sitze, zu sagen, ich bin gegen Waffen. Aber diesen Pazifismus muss man sich eben erst einmal leisten können. Wenn aber um einen herum Raketen einschlagen und alles zerstören, dann will man keine humanitäre Hilfe, dann will man etwas, mit dem man sich wehren kann. Russen sprechen gerade die Sprache der Raketen, da nützen Regenbogenplakate wenig.

Info

Autorin
Nino Haratischwili, 1983 in Tbilissi/Georgien geboren, floh als Kind vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land für zwei Jahre nach Deutschland, wo sie seit 2003 ständig lebt. Sie ist Theaterautorin, –regisseurin und Romanautorin. Ihr vielfach ausgezeichnetes Werk kreist um die Frage, wie die postsowjetischen Staaten zu dem wurden, was sie sind. Ihr georgisches Familienepos „Das achte Leben (Für Brilka)“ avancierte weltweit zum Bestseller, eine internationale Verfilmung ist in Vorbereitung. Heute lebt die Autorin in Berlin.

Buch
Haratischwilis eben erschienener Roman „Das mangelnde Licht“ (Frankfurter Verlagsanstalt. 832 Seiten, 34 Euro) ist das Porträt einer Generation, die im postsowjetischen Georgien aufgewachsen ist.

Draußen geht gerade die Welt unter. Vor dem Hotel entlädt sich rauschend eine rabenschwarze Regenfront. Gleich muss Nino Haratischwili weiter zu einer Lesung ins Literaturhaus Stuttgart, wo sie ihren neuen Roman über eine Jugend im postsowjetischen Chaos Georgiens vorstellt. Die apokalyptische Beleuchtung passt zu dem Bild, das sie von dem russischen Diktator Putin zeichnet.

Frau Haratischwili, Ihr Werk ist eine Chronik zurückliegender Schrecken, einer Zeit

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper