Irina Scherbakowa über Putins Russland

„Selten zeigt sich das Böse so offen“

Irina Scherbakowa musste in ihrem  Leben auch während der Sowjetzeit viel Schreckliches hinnehmen – doch der Krieg gegen die Ukr
Irina Scherbakowa musste in ihrem Leben auch während der Sowjetzeit viel Schreckliches hinnehmen – doch der Krieg gegen die Ukraine ist für sie ohne Beispiel. © imago/tagesspiegel/Mike Wolff, TSP

Sie wollte Russland nicht verlassen, doch zuletzt blieb ihr wie Tausenden anderen keine Wahl. Am 5. April dieses Jahres wurde die russische Gerichtsentscheidung, die die Auflösung des Menschenrechtszentrums Memorial anordnete, rechtskräftig. Da war dessen Mitbegründerin Irina Scherbakowa schon nach Israel ausgereist. Vor ihrer Weiterreise nach Deutschland hat sie bei Bekannten in Tel Aviv Zuflucht gefunden. Hier im morgendlichen Vogelgezwitscher konnten wir sie via Teams für ein Gespräch über die trostlose Situation in dem Russland Putins gewinnen.

Frau Scherbakowa, die von ihnen mitbegründete Menschenrechtsorganisation Memorial International ist mit der Aufarbeitung der Verbrechen Stalins und der Sowjetzeit befasst. Geht es bei dem Verbot um die Eroberung der Macht über die Erinnerung?

Memorial ist ein Netzwerk, dazu gehören Organisationen in Frankreich, Deutschland, Italien, Tschechien und auch in Russland. Die einen beschäftigen sich mehr mit der historischen Aufarbeitung der politischen Repressalien in der Sowjetzeit, andere eher mit der Einhaltung der Menschenrechte. Der Vorwurf an uns lautete, wir würden ein terroristisches Bild des Sowjetstaates aufbauen. In diesem Sinn geht es natürlich um den Kampf um die Vergangenheit. Man will verhindern, dass dafür die zivilgesellschaftlichen Kräfte mobilisiert werden.

Die russisch-deutsche Schriftstellerin Olga Martynova schreibt über Putin als einem klinischen Fall einer in Schwachsinn übergehenden psychischen Erkrankung infolge der Lektüre von Geschichtsbüchern. Was bedeutet die Geschichte in diesem Krieg?

Ich bin keine Ärztin und keine Psychologin. Aber es stimmt schon, Putins Doktrin basiert auf einer giftigen Mixtur aus Mythen, Patriotismus, Panslawismus, rechtsradikalen und antiliberalen Ansichten, vieles davon aus dem 19. Jahrhundert. Das ist typisch für eine Diktatur. Im 20. Jahrhundert gehörte dazu wenigstens noch die Vision eines neuen Menschen. Davon ist keine Rede mehr. Man schaut gar nicht mehr in die Zukunft, sondern will nur noch zurück in die verklärte Glorie einer fiktiven und völlig ahistorischen Vergangenheit.

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Wie weit muss man in der russischen Geschichte zurückgehen, um zu verstehen, was gerade passiert? Bis zu Stalin oder Iwan dem Schrecklichen?

Die Geschichte hört nicht auf. Jede Zeit fischt sich heraus, was sie brauchen kann. Und daran, wie sie sich zu Tyrannen, dem starken Staat oder der Geschichte der Kolonisierung verhält, kann man erkennen, woran man ist. 2005 hat Putin gesagt, der Zerfall der Sowjetunion sei die größte geopolitische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Zumindest was die Gräuel und Verbrechen, die Zensur und die Säuberungen angeht, ist er auf gutem Weg, das Imperium zu restaurieren. Ansonsten bleibt es unwiderruflich zerfallen, und der Krieg in der Ukraine wird das noch vertiefen.

Sie haben Putin einmal das „Böse in Reinform“ genannt – kann man das Verhängnis so personalisieren?

So verkürzt stimmt das natürlich nicht, dafür bin ich zu sehr Historikerin. Aber dieser Krieg und das, was gerade im Land passiert, zeigt so offen wie selten in der Geschichte den Angriff des Bösen. Viele in Russland, die gerade versuchen, sich anzupassen und trotzdem davor zurückschrecken, den Krieg zu rechtfertigen, flüchten sich häufig in die Floskel: Es ist alles nicht so eindeutig. Aber genau das stimmt nicht. Was gerade passiert, ist absolut eindeutig.

Vereint der Krieg das Land?

Nein. Ich bin seit einem Monat nicht mehr in Russland, aber im ständigen Kontakt mit vielen Leuten dort. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass das wieder so läuft, wie bei der Annexion der Krim, die tatsächlich viele Menschen um die Macht vereint hat. Dieses Mal ist davon weniger zu spüren. Was die Menschen vereint, ist die Angst. Kleinste Gesten des Protestes werden brutal verfolgt. Die Angst ist der Grund für dieses Ja-Sagen und diese schweigende Zustimmung. Und sie ist zweideutig: Es ist einmal die Angst vor Repressalien, wenn man sich zu weit vorwagt; dann aber auch die Angst, wirklich anzuerkennen, dass man an der Seite des Bösen ist.

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Kann man den hohen Zustimmungswerten der Umfragen trauen?

Nur in dem Sinn, als sich in ihnen die Folge dieser Angst niederschlägt.

Gibt es auch die Angst vor der Nato?

Die gibt es natürlich auch, dieses Wir-oder-sie - das ist die Wirkung der Propaganda.

Wird Memorial künftig mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Putin-Ära befasst sein?

Unser Mandat ist die Aufarbeitung der Vergangenheit, der Geschichte des Sowjetimperiums, für das Stalin, ob man will oder nicht, immer noch das stärkste Symbol ist. Aber wie gesagt: zu Memorial gehört auch das Thema Menschenrechte. Ich bin überzeugt, dass Organisationen und Kommissionen gebildet werden, um das alles, was gerade geschieht einmal ans Licht zu bringen. Und natürlich wird die Erfahrung und Tradition unserer Institution, die zum Teil ja noch aus der Dissidentenzeit kommt, dabei eine Rolle spielen. Aber ob ich das noch erlebe, ist fraglich. Allzu optimistisch bin ich nicht.

Welche Möglichkeiten haben Sie, auf Russland einzuwirken?

Es gibt viele Menschen in Russland, die die Kraft haben, weiterzuarbeiten. Sie werden dort gebraucht, und alle Wege, sie zu unterstützen, muss man wahrnehmen. Viele leisten trotz allem einen stillen Widerstand, verteilen nach wie vor Flugblätter und schreiben in den sozialen Netzwerken, obwohl das aufs Härteste verfolgt wird. Tausende wurden verhaftet, und für ein paar Worte im Internet werden drakonische Urteile verhängt. Der Widerstand läuft, aber es wird gefährlicher und gefährlicher.

Wie könnte Putin aus dem Krieg herauskommen?

Ein normaler Mensch wüsste die Antwort sofort, denn dieser Krieg hätte gar nicht erst begonnen werden dürfen. So aber steht man vor lauter Szenarien, von denen eines schlimmer als das andere ist. Und zu meinem absoluten Entsetzen halte ich sie nicht für unwahrscheinlich: sei es die Anwendung von fürchterlichen Waffen oder die weitere Vernichtung und Bombardierung der ukrainischen Städte – nichts ist ausgeschlossen.

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Wie stehen Sie zu Waffenlieferungen?

Ich bin keine Militärexpertin. Aber ich bin unbedingt der Meinung, dass man alles tun muss, um der Ukraine zu helfen - alles, was möglich ist. Das ist kein regionaler Krieg, das muss den Menschen im Westen bewusst sein. Es ist eine Katastrophe mitten in Europa, und man muss um jeden Preis verhindern, dass sie sich weiter ausbreitet. Und man sollte sich über den Charakter dieses Krieges nicht täuschen. Zu glauben, man würde ihn eskalieren, wenn man die Ukraine unterstützt, ist in meinen Augen eine völlig verkehrte Logik.

Rechnen Sie damit, irgendwann wieder nach Moskau zurückzukönnen?

Ich hoffe das natürlich zutiefst. Momentan sieht es überhaupt nicht danach aus. Ich bin in der Nach-Stalinzeit aufgewachsen. In meinem langen Leben musste ich schon vieles hinnehmen. Aber dieser Krieg ist trotz aller schrecklichen Ereignisse während der Sowjetzeit schwer mit irgendetwas zu vergleichen: weder mit dem Einmarsch in Ungarn, noch der Niederschlagung des Prager Frühlings, wie schlimm das auch war. Diese massive Vernichtung der Ukraine und ihrer Bewohner ist für mich beispiellos.

Info

Aktivistin
Die 1949 geborene Historikerin und Germanistin Irina Scherbakowa hat lange in Russland für die Einhaltung der Menschenrechte und die Aufarbeitung des politischen Terrors der Sowjetunion gekämpft. Seit Ende der 70er-Jahre befasste sie sich mit den Opfern des Stalinismus, Ende der 80er-Jahre war sie eine der Aktivisten, die die Organisation Memorial gründeten, die die kommunistische Gewaltherrschaft beleuchtete. Memorial ist seit Ende letzten Jahres in Russland verboten.

Theodor-Heuss-Preis
Als weltweites Vorbild für Zivilcourage und mutige Menschenrechtsarbeit, mit der beispielgebend die unverzichtbaren Voraussetzungen einer rechtsstaatlichen Demokratie verteidigt würden, würdigt die Theodor Heuss Stiftung in Stuttgart „Memorial International“ mit dem diesjährigen Hauptpreis. Mit Theodor-Heuss-Medaillen ausgezeichnet werden die syrische Nachrichtenplattform Al-Jumhurya, die Aktivistengruppe NSU Watch, die Organisatoren des Frankfurt-Słubice-PRIDE und die russische Journalistin Olga Romanowa.

Termin
Die Preisverleihung findet am 7. Mai im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart statt und wird unter www.theodor-heuss-stiftung.de auch im Livestream übertragen. Die Laudatio auf Irina Scherbakowa hält die deutsches Außenministerin Annalena Baerbock.

Sie wollte Russland nicht verlassen, doch zuletzt blieb ihr wie Tausenden anderen keine Wahl. Am 5. April dieses Jahres wurde die russische Gerichtsentscheidung, die die Auflösung des Menschenrechtszentrums Memorial anordnete, rechtskräftig. Da war dessen Mitbegründerin Irina Scherbakowa schon nach Israel ausgereist. Vor ihrer Weiterreise nach Deutschland hat sie bei Bekannten in Tel Aviv Zuflucht gefunden. Hier im morgendlichen Vogelgezwitscher konnten wir sie via Teams für ein Gespräch

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