VfB Stuttgart

Aufklärung der Daten-Affäre: Was kommt noch ans Tageslicht und wann wird der Esecon-Bericht veröffentlicht?

Claus Vogt Präsident VfB Verein Stuttgart
Hat den Mitgliedern Transparenz und Aufklärung versprochen: VfB-Präsident Claus Vogt. © Benjamin Büttner

„Die lückenlose Aufklärung der Datenaffäre hat offensichtlich mehr ans Tageslicht gebracht, als einige ursprünglich vermutet hatten“, sagt Claus Vogt. Mehr noch: „Es sind etliche Dinge beim VfB nicht korrekt abgelaufen, dies wurde nun von neutralen Seiten bestätigt und einige Personen haben daraus ihre Konsequenzen gezogen.“ Der Präsident des VfB Stuttgart will nun reinen Tisch machen und die Aufklärungsarbeit fortführen. „So, wie wir und ich euch das versprochen haben. Nur eine lückenlose Aufklärung der Vergangenheit bietet die Grundlage für eine gemeinsame, erfolgreiche Zukunft.“ Das Statement des Clubchefs lässt tief blicken. So könnte auf die Mitglieder des größten Sportvereins in Baden-Württemberg in den kommenden Wochen noch einiges zukommen.

Zwei Vorstände sind bereits über die Daten-Affäre gestolpert

Dabei liegen hinter dem Traditionsclub bereits turbulente Tage. Die Erkenntnisse der Esecon-Ermittler haben bereits zur Abberufung der Vorstände Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) geführt. Dem Aufsichtsrat der VfB-AG muss durch ein juristisches Gutachten der Kanzlei Gleiss Lutz erdrückendes Beweismaterial vorgelegt worden sein.

Einstimmig wurde vom zuletzt so zerstrittenen Gremium der Beschluss gefasst, die langjährigen Führungskräfte zu entlassen. Ihre Verfehlungen müssen also schwerwiegend gewesen sein. Über die Gründe für die Abberufung hat sich der Aufsichtsrat zwar nicht geäußert, es besteht aber kaum ein Zweifel, dass Heim und Röttgermann über die Daten-Affäre gestolpert sind. Viele Fragen zu den Vorgängen aus den Jahren 2016, 2017 und 2018 sind aber nach wie vor nicht beantwortet worden.

Warum haben sich Tausende Mitglieder nicht an der Abstimmung beteiligt?

Die Ermittler aus Berlin haben neben der „Guerilla-Marketing-Kampagne“ im Vorfeld der Mitgliederversammlung 2017 möglicherweise auch ein Auge auf den Ausgliederungsbeschluss geworfen. Im Kern geht es um die Frage, warum sich Tausende Mitglieder an der entscheidenden Abstimmung nicht beteiligt haben.

Abstimmung
Das Ergebnis der Abstimmung war eindeutig. © Danny Galm (Archiv)

Fakt ist: Am 01. Juni 2017 waren 14 038 Mitglieder in der Stuttgarter Arena, davon galten im Maximum 12 778 als stimmberechtigt. An der Abstimmung über die Ausgliederung der Profiabteilung beteiligten sich 9099 Vereinsmitglieder. 7664, also 84,2 Prozent, stimmten für den Verkauf der Anteile an die Daimler-AG. Die Hürde von 75 Prozent wurde klar und deutlich übersprungen. Offen bleibt allerdings, warum Tausende „Dunkelrote“ ihr Stimmrecht ausgerechnet bei der vielleicht wichtigsten Abstimmungen der jüngeren Vereinsgeschichte nicht wahrgenommen haben.

Zweifel und Misstrauen

Waren womöglich zahlreiche Mitglieder zum Zeitpunkt der Abstimmung schon nicht mehr im Stadion? Nein. Als das Voting über Punkt 4 der Tagesordnung um kurz nach 22 Uhr eröffnet wurde, waren 12 504 stimmberechtigte Mitglieder anwesend. Das teilte der VfB unlängst auf Nachfrage des kicker mit. Während der VfB betont, dass eine „Nichtteilnahme“ am Votum „eindeutig eine individuelle Entscheidung“ gewesen sei, bleiben die Zweifel und das Misstrauen. Gab es etwa Unregelmäßigkeiten und/oder technische Probleme mit den Abstimmungsgeräten?

Der explosive Verdacht, dass die Mitglieder nicht nur im Vorfeld der Versammlung mittels einer perfiden „Guerilla-Marketing-Kampagne“ getäuscht worden sind, sondern auch bei der entscheidenden Abstimmung getrickst wurde, konnte vom VfB bislang noch nicht nachhaltig entkräftet werden. Vielmehr hält er sich hartnäckig.

Laut einem Spiegel-Artikel gibt es Augenzeugenberichte über damalige Probleme mit den Abstimmungsgeräten. „Obwohl das Problem weiterhin flächendeckend bestand und Offizielle darüber informiert waren“, sei die Veranstaltung fortgesetzt worden, heißt es laut dem Hamburger Nachrichtenmagazin in den Schilderungen eines Augenzeugen, die sich im Dossier der Ermittler finden.

Laut VfB-Angaben konnten keine „temporären Ausfälle“ beobachtet werden

Der VfB widerspricht diesem Vorwurf vehement: In einer Klarstellung hieß es: „Mit dem damals verwendeten Abstimmungssystem sind nie Probleme aufgetreten, auch nicht bei Versammlungen dieser Größe.“ Die ordnungsgemäße Durchführung der Abstimmung wurde vom Notar Hagen Krzywon beurkundet. Weiter habe der Dienstleister die Funktionsfähigkeit der auf den Stadiontribünen eingesetzten Funkantennen und Empfänger „fortlaufend überwacht und protokolliert“. Dabei konnten laut VfB-Angaben keine „temporären Ausfälle“ beobachtet werden.

Was jedoch nicht zur Sprache kommt: Bei dem Dienstleister handelt es sich laut einem kicker-Bericht ausgerechnet um die inzwischen insolvente Firma, von welcher der VfB nach dem hochnotpeinlichen WLAN-Gate bei der Mitgliederversammlung im Juli 2019 Schadensersatz forderte. Die MV war wegen technischer Probleme abgebrochen worden. Die Mitglieder hatten sich nicht in das WLAN des Stadions einloggen und daher nicht an den vorgesehenen Abstimmungen teilnehmen können.

Derweil könnte es selbst ohne die Gerüchte um technische Probleme beim Voting in nächster Zeit ungemütlich werden. Schließlich hatte der Spiegel auch aus dem Rechtsgutachten der Kölner Kanzlei Seitz zitiert. Demnach sei das mutmaßliche „Guerilla-Marketing“ als „vereinsrechtlich rechtswidrig“ zu bewerten, es habe „auf die arglistige Täuschung der Mitglieder“ abgezielt. Infolgedessen wäre die Stimmabgabe bei der Mitgliederversammlung „anfechtbar“. 

Esecon-Bericht soll zeitnah veröffentlicht werden

Mit der Veröffentlichung des Abschlussberichts zur Daten-Affäre hoffen die Mitglieder nun auf Klarheit. „Selbstverständlich bleibe ich meiner Linie treu, den Esecon-Bericht unseren Mitgliedern zugänglich zu machen“, sagte Claus Vogt am Donnerstag (18.02.) der Bild-Zeitung. Zuletzt war der Präsident in dieser Frage noch von den inzwischen zurückgetretenen Präsidiumsmitgliedern Bernd Gaiser und Rainer Mutschler überstimmt worden. Jetzt hat sich die Situation verändert. Das Papier werde derzeit intern geprüft, damit es rechtsgültig veröffentlicht werden kann. „Dies soll zeitnah geschehen“, so Vogt.