VfB Stuttgart

Der VfB Stuttgart und die Mentalitätsfrage

VfB Stuttgart - Hannover 96 (12.12.16)_2
VfB-Kapitän Christian Gentner im Duell mit Hannovers Abwehrspieler Waldemar Anton © Danny Galm

Stuttgart.
Ausgerechnet ein gebürtiger Stuttgarter sorgte am Montagabend für lange Gesichter in seiner Heimatstadt: Jens Keller, einst als Spieler und Trainer für den VfB Stuttgart aktiv, siegte mit dem FC Union Berlin über Nürnberg und verdrängte so den VfB vom 1. Tabellenplatz. Berlin: 50 Punkte – Stuttgart: 49 Punkte - der zwischenzeitliche Fünf-Punkte-Vorsprung des VfB ist dahingeschmolzen.

Die Konkurrenz schläft nicht

Das 0:1 der Stuttgarter am Samstag in Fürth war der Tiefpunkt der letzten drei durchwachsenen Auftritte: Durften sich die VfB-Fans nach dem 1:1 gegen Braunschweig zumindest als gefühlte Sieger auf die Heimfahrt begeben und vier Tage später beim Remis gegen Bochum immerhin das Tor-Comeback von Daniel Ginczek bejubeln, so gab es am Samstagmittag erstmals im Kalenderjahr 2017 keine Punkte für die Roten. 

Im Video: VfB-Coach Hannes Wolf im SWR-Interview: "Verlorene Spiele tun weh, aber wir wollen die richtigen Schlüsse aus der Niederlage ziehen."

Der neue Tabellenführer aus Berlin Köpenick hat einen Lauf: Sechs Siege in Serie, starke 22 von 24 möglichen Punkten im neuen Jahr. Der zweite große Konkurrent der Schwaben aus Hannover setzt im Aufstiegsrennen auf neue Impulse und hat Trainer (von Daniel Stendel auf André Breitenreiter) und Sportdirektor (von Martin Baader auf Horst Held) getauscht.

Kapitän Gentner: „Es haben sich Dinge eingeschlichen, die nicht gut sind“

Und auch der dritte Konkurrent aus Braunschweig hat den Weg zurück in die Erfolgsspur gefunden und ist seit sechs Partien ungeschlagen. Das Momentum ist aktuell nicht auf Seiten der Stuttgarter. Ist das Projekt Wiederaufstieg also in Gefahr?

„Wir wollen den Jungs helfen, wieder in die Spur zu kommen", sagt Stuttgarts Sportvorstand Jan Schindelmeiser. Die Niederlage in Fürth werde „präzise, offen und direkt“ aufgearbeitet. Kapitän Christian Genter bemerkte nach der 0:1-Pleite, es „haben sich Dinge eingeschlichen, die nicht gut sind. Das müssen wir intern besprechen.“

Und auch Cheftrainer Hannes Wolf war schwer enttäuscht nach der ausgebliebenen Trotzreaktion seiner Mannschaft: „Insgesamt ist das sehr enttäuschend. Jetzt haben wir 15 Tage Zeit, die wollen wir so gut es geht nutzen, um es dann besser zu machen.“

Hat sich Trainer Hannes Wolf vercoacht?

Gegen die „Kleeblätter“ hatte der Coach seine Mannschaft gehörig durcheinandergewirbelt und damit sichtlich für Verwirrung gesorgt. Erstmals in der Rückrunde ließ Hannes Wolf eine Dreierkette auflaufen und schickte zudem erstmals die beiden Sturmtanks Simon Terodde und Daniel Ginczek gemeinsam auf den Platz.

Heraus kam ein unsicherer Auftritt ohne Struktur, mit Schwächen in den Zweikämpfen, im Passspiel, in der Zuordnung und eine Mannschaft, die viel zu sehr mit sich selbst, als mit dem Gegner beschäftigt war. Sportvorstand Schindelmeiser verteidigte im Anschluss die Startelf seines jungen Trainers: „Wenn die Bereitschaft fehlt, ist die Systematik völlig egal."


Die Verantwortung für die erste Niederlage in der Rückrunde kann aber mit Sicherheit nicht alleine auf den Schultern von Trainer Hannes Wolf abgeladen werden. Denn gerade die letzten beiden Partien offenbarten ein altbekanntes Stuttgarter Problem: die Frage nach der Mentalität der Mannschaft.

Der berühmt berüchtigte Schalter 

In der Hinrunde mussten sich die Stuttgarter erstmals nach dem Fiasko von Dresden (0:5) mit der Mentalitätsfrage beschäftigen. Auch nach den zwei Niederlagen zum Ende der Hinrunde gegen Hannover (1:2) und Würzburg (0:3) kochte die Diskussion um Führungsspieler und die Einstellung der Mannschaft wieder hoch. Von einem „Glockenschlag“ und dem berühmt berüchtigten „Schalter“, den es umzulegen gilt, sprach Rechtsverteidiger Jean Zimmer am Samstag nach der Pleite in Fürth.

Wie schon gegen Bochum verschliefen die VfB-Spieler die Anfangsphase im Fürther Ronhof nahezu komplett. Und dennoch hätte die Partie gegen  Fürth auch in eine komplett andere Richtung laufen können, wenn Carlos Mané die dicke Chance zur frühen Führung (3.) nicht leichtfertig vergeben hätte. 

„Wir waren einfach nicht präsent“

Aggressivität in den Zweikämpfen, Balleroberungen und zielgerichtete und schnelle Offensivaktionen wollte Hannes Wolf nach dem 1:1 gegen Bochum von seiner Mannschaft sehen. Stattdessen musste der Coach seine Anfangsformation gleich mehrfach korrigieren und anschließend konsterniert feststellen: „Wir haben zum dritten Mal in Folge eine 1. Halbzeit gespielt, die uns in eine ganz schwere Lage versetzt hat. Wir waren einfach nicht präsent. Das nehmen wir sehr ernst, das ist ein großes Thema für uns. Ich hoffe, dass was passiert mit uns in der Länderspielpause.“

Der Auftritt in Fürth bestärkt viele Beobachter in dem Gefühl, dass die aktuelle Stuttgarter Mannschaft nicht für taktische Experimente geeignet ist. Was die Stuttgarter Mannschaft offenbar viel mehr benötigt ist eine stabile Struktur, aus der heraus die Mannschaft ihre Stärken besser zur Geltung bringen kann. 

Auf den VfB wartet eine Woche der Wahrheit

Acht Spieler sind während der 15-tätgigen Länderspielpause mit ihren Nationalmannschaften auf Reisen. Ohne Stammkeeper Langerak, Abwehrchef Baumgartl, die Flügelflitzer Asano, Mané und Brekalo muss also die Vorbereitung auf das kommende Heimspiel gegen Dynamo Dresden gestartet werden.

Die beginnt für die daheimgebliebenen Profis mit einer Einheit am Mittwochabend (17 Uhr) und dann am Donnerstag mit einem Testspiel gegen den Bundesligisten Ingolstadt (15:30 Uhr/im Audi-Sportpark).

Der VfB Stuttgart steht Anfang April vor einer wahren Woche der Wahrheit. Innerhalb von sieben Tagen warten auf die Stuttgarter drei eminent wichtige Partien: Zunächst vor ausverkauftem Haus gegen Dynamo Dresden (2. April/13:30 Uhr), dann unter der Woche gegen die Münchner Löwen (5. April/17:30 Uhr) und zum Abschluss der englischen Woche wartet das Derby gegen den abstiegsbedrohten KSC (9. April/13:30 Uhr). Drei Partien, die darüber entscheiden werden, ob der VfB Stuttgart als Jäger oder als Gejagter auf die Zielgerade der Saison einbiegen wird.

"Ihr müsst an eure Grenzen" 

Sportvorstand Jan Schindelmeiser richtet derweil den Blick nur auf die eigene Mannschaft: „Wir schauen nur auf uns und haben eine gute Ausgangsposition für die restlichen neun Spiele.“ Durch den Erfolg der „Eisernen“ ist es an der Tabellenspitze wieder kuscheliger geworden. Und um im engen Titelrennen zu bestehen, setzt Jan Schindelmeiser auf Vertrauen.

So stärkte der Sportvorstand seiner Mannschaft am Dienstag in den Stuttgarter Nachrichten demonstrativ den Rücken („Ihr seid gut, wir vertrauen euch“), fügte aber auch warnend an: „Aber ihr müsst auch an eure Grenzen gehen.“