VfB Stuttgart

Die Tops und Flops der Hinrunde

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Großer Jubel beim VfB: Die Schwaben dürfen es sich nach dem 4:0-Sieg in Aue zumindest für eine Nacht an der Tabellenspitze gemütlich machen. © Sarah Utz
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VfB Stuttgart - Hannover 96 (12.12.16)_0
Kapitän Christian Gentner versuchte Schiedsrichter Felix Brych nach der Roten Karte für seinen Teamkollegen Baumgartl noch umzustimmen. © Danny Galm

Stuttgart.
Der VfB Stuttgart hatte im Jahr 2016 wahrlich nicht viel zu lachen. Der Abstieg nach 39 Jahren in der Bundesliga, ein radikaler personeller Umbruch im Sommer, ein Trainerrücktritt zum Saisonstart und eine hitzige Mitgliederversammlung Anfang Oktober.

Am Mittwoch starten die Profis des VfB mit einem Leistungstest mit ihrer Vorbereitung für die am 29. Januar mit einem Auswärtsspiel beim FC St. Pauli startenden Rückrunde. Höchste Zeit also nochmal einen Blick zurück zu werfen, auf die bisherigen 17 Auftrtte der Stuttgarter im Fußball-Unterhaus.

Allen Widerständen zum Trotz ist die Mannschaft um ihren jungen Cheftrainer Hannes Wolf zum Jahresende im Soll: 32 Punkte und der dritte Tabellenplatz stehen nach den ersten 17 Partien im Fußballunterhaus zu Buche. Holt der VfB in der Rückrunde die gleiche Punktzahl, dann sollte das große Ziel, den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga, packen. Zumindest, wenn man die letzten Jahre in der zweiten Liga als Maßstab nimmt.

Dennoch lief in der Hinrunde nicht alles rund bei den Stuttgartern. Viel Licht, aber auch Schatten. Die Tops und Flops der Hinrunde:


Die VfB-Fans

Auf eines kann sich der VfB auch in der 2. Liga verlassen, die bedingungslose Unterstützung seiner treuen Fans. Auch nach dem Abstieg aus der Bundesliga im Mai 2016 halten die VfB-Anhänger ihrem Verein die Treue und machten die bisherigen Heimspiele in der Mercedes-Benz Arena zu echten Erlebnissen. Und das schlägt sich auch auf dem Platz nieder: Aus den acht Heimpartien holte sich der VfB 18 von 24 Punkten. Nur gegen Hannover (1:2) und Heidenheim (1:2) setzte es Pleiten.

Eindrucksvolle Kulisse auch in Liga zwei: Die VfB-Fans halten ihrem Verein auch im Unterhaus die Treue (Foto: pixabay.com)

Zwar hatten die Schwaben die Tabellenführung nur an einem Spieltag inne, doch was die Zuschauerzahlen angeht sind die Schwaben durchweg Top: 48 324 Zuschauer strömten im Schnitt in der Hinrunde zu den Heimspielen der Stuttgarter – Ligahöchstwert. Der VfB ist auf dem besten Weg den Zuschauerrekord des 1. FC Köln (im Schnitt 46 138 Zuschauer) aus der Saison 2013/14 einzustellen.

Die Neuzugänge

Mit Carlos Mane, Takuma Asano und Benjamin Pavard verpflichtete Sportvorstand Jan Schindelmeiser gleich drei junge und hungrige Talente, die Ex-Trainer Jos Luhukay eigentlich nicht in der Mannschaft haben wollte. Der Zwist zwischen Sportvorstand wurde öffentlich ausgetragen und endete schließlich mit dem Rücktritt Luhukays. In der Nachbetrachtung müssen die VfB-Fans wohl froh sein, dass sich Schindelmeiser in Sachen Neuzugänge durchgesetzt hat.

Drei Neuzugänge - drei Volltreffer: Asano (l.), Mane (m.) und Pavard (r.). (Fotos: VfB Stuttgart)

Die Neuzugänge schlugen nämlich alle ein: Asano und Mane wirbeln mit ihren Dribblings rechts und links auf den Flügeln, sorgen für Tore und können in engen Spielen den Unterschied machen. In der Defensive ist der gelernte Innenverteidiger Benjamin Pavard flexibel einsetzbar, zweikampfstark und mutig in der Spielöffnung. 

Und auch ein anderer Neuzugang ist ein echter Volltreffer: Simon Terodde. Für 3 Mio. Euro Ablöse kam der Stürmer im Sommer als amtierender Torschützenkönig vom VfL Bochum und schlug auch bei den Schwaben direkt ein. Mit elf Tore führt Terodde die VfB-interne Torschützenliste an. Im Vergleich mit den anderen Ballermännern der Liga rangiert der 1,92 Meter-Hüne hinter dem Braunschweiger Dominik Kumbela (11 Tore) und dem Nürnberger Guido Burgstaller (14) auf dem dritten Platz.

Hannes Wolf

Eigentlich hätte auch Trainer Hannes Wolf unter die Kategorie Neuzugänge gefasst werden können, da der Cheftrainer aber naturgemäß einen großen Einfluss auf die Mannschaft hat, bekommt er einen eigenen Absatz: Am 21. September betrat Hannes Wolf die große Bühne des Profifußballs. Als Jugendlicher kickte Wolf bei Borussia Dortmund und später als Aktiver für TuS Iserlohn, Schwarz-Weiß Essen und den 1. FC Nürnberg II.

Neuer Hoffnungsträger: Am 21. September 2016 übernahm Hannes Wolf das Zepter in Bad Cannstatt. (Foto: Galm / ZVW)

Der große Durchbruch gelang ihm nie, dann beendete das Pfeiffersche Drüsenfieber den Traum von der Profikarriere. Kurze Zeit war er Spielertrainer beim Kreisligisten Ergste, dann übernahm Wolf mit 25 Jahren Bezirksligist ASC 09 Dortmund, den er als Trainer bis in die Westfalenliga führte. Ab 2009 arbeitete er im Nachwuchsbereich von Borussia Dortmund, trainierte in dieser Zeit die U-17- und die U-19-Junioren sowie die zweite Mannschaft.

2009 lernte Wolf bei einer Sportler-Gala den damaligen BVB-Coach Jürgen Klopp kennen. Er ließ sich dessen Telefonnummer geben, und er rief tatsächlich an. Erst lotste Klopp den jungen Wolf zum BVB, dann förderte er das Trainer-Talent, dem die Dortmunder viel zutrauten – sogar die Nachfolge des aktuellen Profi-Trainer Thomas Tuchel.

Seine Aufgabe, den VfB wieder in die erste Liga zu führen, geht Wolf mit "Respekt" und "großer Freude" an. "Wir können nur alles geben und versuchen, hier eine besondere Geschichte daraus zu machen. Wir sind uns der großen Verantwortung bewusst. Die Entscheidung Hannes Wolf zum Cheftrainer zu machen war eine mutige. Wird dieser Mut der Vereinsführung am Ende der Saison auch belohnt werden?

Die neue taktische Variabilität

„Wir sind froh, dass die Mannschaft die Ideen, die wir präsentieren, so gut annimmt“, sagt VfB-Trainer Hannes Wolf, der in Abstimmung mit seinem Assistenten Miguel Moreira seinem Team in der Vorrunde taktisch so einiges abverlangte. „Wenn wir alles beim Alten lassen würden, hätten wir ja nicht kommen müssen“, so Wolf trocken.  

„Meine Aufstellung leitet sich meist aus drei Kriterien ab“, sagt Wolf: „Was lief im letzten Spiel gut, was schlecht, was bietet der Gegner an – und wie waren die Trainingsleistungen meiner Spieler.“ Um taktisch variabel agieren zu können, besitzt sein Team aber ein festes Gerüst. „Wir wollen auch Sicherheit haben“, sagt Wolf: „Das ist mindestens genauso wichtig.“ Die Achse bilden Torhüter Mitch Langerak mit Innenverteidiger Timo Baumgartl, Kapitän Christian Gentner sowie Stürmer Simon Terodde.

Doch der Schuss ging in der Hinrunde auch schon nach hinten los: etwa beim 0:5 in Dresden, als Wolf den kleinen Dribbler Carlos Mané in Abwesenheit der verletzten Torjäger Terodde und Daniel Ginczek als einzige Spitze aufbot. Für Wolf war die Klatsche in seinem zweiten Spiel beim VfB gleich ein augenöffnendes Erlebnis: Einige Dinge, so lautete die Erkenntnis des jungen Coaches, sind mit seinem VfB-Kader (bislang) nicht machbar.

Dennoch Hannes Wolf zeigt Mut und macht den VfB variantenreicher und damit weniger ausrechenbar für die Konkurrenz. Auch wenn einige taktische Kniffe in der Hinrunde noch keine Früchte trugen, ist die neue taktische Variabilität des VfB eindeutig ein großes Plus für die Kicker mit dem roten Brustring.


Die Mentalität

Mit 32 Punkten nach 17 Spieltagen liegt der VfB nach wie vor auf Kurs. Aber gegen die ersten sieben der Tabelle gelang einzig gegen Spitzenreiter Eintracht Braunschweig ein Dreier. Der Rest: Eine Heimpleite gegen Heidenheim (Tabellen-4.), ein Unentschieden bei Union Berlin (5.) sowie Auswärtsniederlagen in Düsseldorf (6.) und Dresden (7.). Gegen die Top-Teams der Liga landet der VfB regelmäßig einen Flop.

Bessere Mannschaften wissen die Fehler der Stuttgarter konsequent auszunutzen, anders als Aue, Bielefeld oder Karlsruhe. Auch in diesen Spielen servierte der VfB dem Gegner Gelegenheiten auf dem Silbertablett, verließ den Platz hinterher trotzdem als Sieger, weil er sich stets auf seine höhere individuelle Qualität verlassen konnte.

Im Spitzenspiel gegen Hannover 96 (1:2) offenbarte der VfB Defizite in der Schaltzentrale im Mittelfeld. (Foto: Büttner / ZVW)

Vor allem der gruselige Auftritt am letzten Spieltag der Hinrunde beim Aufsteiger in Würzburg (0:3) hinterließ viele Fans ratlos. Der VfB-Kader, der zwar über den höchsten Marktwert der zweiten Liga und eine gewisse individuelle Qualität verfügt, bekam von den forschen Franken deutlich die Lektion eins des Fußball-Grundkurses aufgezeigt: Ein Fußballspiel wird über Zweikämpfe entschieden. „Der Gegner hat sich heute über Kompaktheit, Kampfkraft und Willen definiert. Wir dagegen wollten ein wenig kicken. Das reicht einfach nicht“, so ein zerknirschter Cheftrainer nach der Partie in Würzburg.

Nach der Niederlage im Spitzenspiel gegen Hannover 96 konkretisierte Sportvorstand Schindelmeiser zudem die Schwachstellen des VfB im Zentrum: „Wir hatten zu wenig Kontrolle, zu wenig Bewegung und zu wenig Anspielstationen.“ Der Sportchef kündigte an, im Winter personell möglicherweise noch einmal nachzulegen. „Ich schließe nichts aus. Wenn wir was tun, dann wird es überschaubar bleiben.“

Der Unterbau

Der 14. Mai 2016 wird wohl als „Schwarzer Samstag“ des Stuttgarter Fußballs in die Geschichtsbücher eingehen. An jenem Samstag verabschiedete sich zunächst der große VfB aus der Bundesliga, dann die Stuttgarter Kickers aus der 3. Liga und auch die zweite Mannschaft des VfB musste nach der Saison 2015/16 den schweren Gang in die Viertklassigkeit antreten.

Die einst so hochgelobte Stuttgarter Nachwuchsarbeit bekam einen kräftigen Denkzettel verpasst. Auch die in den vergangenen Jahren erfolgreichen U-Mannschaften der Schwaben in den Nachwuchs-Bundesligen, sehnen sich nach den Erfolgen vergangener Tage. Zur Jahreswechsel 2016 steht die zweite Mannschaft des VfB auf dem 12. Tabellenplatz der Regionalliga Südwest. Andreas Hinkel, einst zusammen mit Kevin Kuranyi, Christian Tiffert und Alexander Hleb Mitglied der berühmt berüchtigten „Jungen Wilden“, soll die Stuttgarter Reservemannschaft nun im neuen Jahr zurück in die Spur führen.

Und auch bei der A-Jugend des VfB, aktuell auf vorletzten Platz in der Bundesliga Süd/Südwest, sieht es nicht rosig aus. Der neue Präsident Wolfgang Dietrich und Sportvorstand Schindelmeiser haben sich allerdings auf die Fahne geschrieben den einst so erfolgreichen Unterbau der Schwaben wieder zurück zum Glanz der alten Tage zu führen. Erste Grundsteine dafür wurden bereits gelegt. So wird Marc Keinle künftig die Verzahnung von Nachwuchsausbildung, das Scouting und den Lizenzspielerbereich verantworten. Zur Rückrunde wird der Nachwuchsbereich des VfB zudem unabhängig von den Finanzströmen der Profimannschaft sein – Porsche wird neuer Hauptsponsor der Jugendarbeit. „Ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung“, kommentierte VfB-Finanzvorstand Stefan Heim.  

Der Spielplan

Der VfB Stuttgart ist in der zweiten Liga top – sportlich, und auch was den umstrittenen Sendeplatz am Montagabend um 20.15 Uhr beim Zweitliga-Sender „Sport1“ angeht. Das Aufeinandertreffen mit Hannover 96 (1:2) war bereits das vierte Montags-Heimspiel in dieser Saison. Nach der Winterpause geht es für die VfB-Fans am 6. Februar gegen Fortuna Düsseldorf gleich wieder mit einem Heimspiel zu Beginn der Arbeitswoche weiter, ehe es einen Monat später für den harten Kern der Anhänger heißt: Urlaub nehmen für einen Tag in Braunschweig. Das Zweitligaspitzenspiel steigt nämlich am 6. März – einem Montag.

Stand Dezember 2016 – bislang sind alle Spieltage bis April fix terminiert - kommt der VfB auf sechs Montags-Termine. Das ist der Top-Wert der zweiten Liga, den sich der VfB mit anderen Clubs teilt: St. Pauli, Dresden, Kaiserslautern und Nürnberg flattern montagabends genauso häufig über die Mattscheibe. Andere Vereine warten dagegen noch auf ihre Premiere im Free-TV: Heidenheim, Bielefeld, Sandhausen oder Aue etwa.

Immer wieder montags...muss der VfB ran. (Foto: Büttner / ZVW) 

Vielen Fans stinkt das. Schließlich bezieht der Verein große Teile seines Anhangs aus der weiteren Umgebung. Für sie stellt der späte Termin am Montagabend auf Grund der langen Anreise häufig ein Problem dar. Und erst recht für die Auswärtsfahrer.

Was für die Anhänger ein Ärgernis bedeutet, schadet zudem dem Verein – denn der Spielplan kostet den VfB Zuschauer. Gegen Bielefeld kamen an einem grauen Sonntag im November 55 200 ins Stadion, auch die beiden Freitagspiele verkauften sich gut: Gegen 1860 München (55 100) und Heidenheim (52 200). Dagegen fiel der Montag trotz attraktiver Gegner deutlich ab: Nach den 60 000 zu Saisonbeginn gegen St.Pauli drückten die Spiele gegen Fürth (38 200), Nürnberg (42 000) und Hannover (47 100) den Schnitt nach unten.

„Die Montagsspiele sind problematisch für die Stadionbesucher und Fans, jedes Montagsspiel kostet uns eine gewisse Anzahl an Besuchern in der Mercedes-Benz Arena“, sagt VfB-Präsident Wolfgang Dietrich zur "Montags-Problematik". „Als Verein müssen wir die zweite Liga aber mit allen Facetten annehmen.“ Für den VfB und seine Fans hilft also nur eines: Aufsteigen. In der Bundesliga wird dann wieder öfter samstags gekickt.