VfB Stuttgart

Schlechte Laune beim Sonnyboy

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Keeper Mitch Langerak beim Warmschießen. © Danny Galm
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VfB Stuttgart - Hannover 96 (12.12.16)_1
VfB-Keeper Mitch Langerak entschied mit seinem Patzer das Spitzenspiel zu Gunsten der Gäste aus Hannover. © Danny Galm
Stuttgart.

VfB-Keeper Mitch Langerak ist ein echter Sonnyboy. Eigentlich. Nach seinem (spiel-) entscheidenden Patzer im Topspiel gegen Hannover 96 war dem 28-jährigen Australier sein ansonsten so sonniges Gemüt abhandengekommen. In der Mixed-Zone erklärte er direkt nach dem Spiel seinen unerklärlichen Blackout: „Ich habe dem Gegenspieler auf den Fuß getreten. Ich war mir sicher, dass der Schiedsrichter pfeift. Da habe ich dann abgeschaltet. Es tut mir leid für die Jungs.“

Rüffel vom Kapitän

Und während er von seinem Kapitän Christian Gentner einen Rüffel kassierte („Solche Unkonzentriertheiten sind nicht nachzuvollziehen“) nahm ihn sein Trainer Hannes Wolf in Schutz: „Das ist menschlich. Mitch wollte zeigen, dass er nicht gefoult hat, hat dadurch den Fokus auf den Ball verloren. Er hatte Angst, dass der Schiedsrichter Elfmeter pfeift.“ Wolf fügte aber auch mahnend an: „Es darf uns nie mehr passieren, dass wir aufhören zu spielen, bevor der Schiedsrichter pfeift.“

Am Sonntag im letzten Spiel des Jahres gegen die Würzburger Kickers (13:30 Uhr(ZVW-Liveticker) wird Langerak seinen Platz zwischen den Pfosten wieder einnehmen. Das steht außer Frage. Auch im Spiel gegen Hannover war der australische Nationaltorhüter seinem Job zuvor ohne Fehl und Tadel nachgegangen – wie auch schon über weite Strecken der bisherigen Saison.

Der 1:1-Ausgleichstreffer bei Union Berlin war bis dahin das einzig selbst verschuldete von 18 Gegentoren. Langerak hat seine Stärken klar auf der Linie. Er strahlt Selbstsicherheit aus, bei hohen Bällen bekommt er dafür des Öfteren Probleme. Auch das vom Trainer gewünschte schnelle Aufbauspiel von hinten heraus stellt den Australier bisweilen vor Schwierigkeiten. Sein missratener Abstoß gegen Hannover dient dafür als leidvoller Beleg.

"Als ich jung war, hat in Australien niemand Fußball gespielt"

Am Rande der traditionellen VfB-Kabinenfeier Anfang Dezember traf Langerak auf seinen Vor-Vorgänger im VfB-Tor Timo Hildebrand. Im Gespräch mit dem Rekordtorhüter der Schwaben verriet der 1988  im australischen Emerald (Queensland) geborene Keeper, wie er im kricket- und rugby-verrückten Australien den Weg ins Fußball-Tor fand: „Am Anfang habe ich nur Rugby und Kricket gespielt. Mit acht oder neun Jahren habe ich dann zum ersten Mal im Verein Fußball gespielt. Als ich jung war, hat in Australien niemand Fußball gespielt. Es war schwierig überhaupt einen Verein zu finden. Wie jeder Torwart habe ich dann als Stürmer angefangen.“ Weil er durch seine Kricket und Rugby-Vergangenheit als einziger in seiner Mannschaft auch etwas mit seinen Händen anfangen konnte, landete der kleine Mitch schließlich zwischen den Pfosten.

2006 wurde Langerak dann am Australien Institute of Sport aufgenommen und absolvierte 2007 ein Probetraining bei Melbourne Victory. Dort überzeugte der Keeper und erhielt einen Zwei-Jahres-Vertrag.


Über Melbourne und Dortmund ins Schwabenland

Über den FC Melbourne Victory fand der 1,93 Meter große Keeper 2010 den Weg ins ferne Deutschland. Fünf Jahre lange war Langerak hinter Roman Weidenfeller die etatmäßige Nummer zwei bei Borussia Dortmund. In dieser Zeit feierte er zwei Deutsche Meisterschaften, zwei Supercup-Siege und holt mit dem BVB 2012 den DFB-Pokal. 2015 hatte der Australier dann genug vom Reservistendasein und wechselte ins Schwabenland. In Cannstatt war er eigentlich als Nummer eins eingeplant, musste sich allerdings in seiner Anfangszeit  mit einigen Verletzungen herumärgern: „Es war ganz schwer. Ich war erst eine Woche in Stuttgart, da habe ich mich schon verletzt.“

Im Video: VfB-Keeper Mitch Langerak im Gespräch mit seinem Vor-Vorgänger Timo Hildebrand.

Aus einem kleinen Muskelbündelriss an der Oberschenkelrückseite erwuchs eine hartnäckige Verletzung, in deren Folge der Schlussmann erst zur Rückrunde wieder fit wurde. Przemyslaw Tyton spielte eine wechselhafte Saison und wurde am vorletzten Spieltag in einer Panikaktion von Trainer Kramny durch Langerak ersetzt. Doch da war die Bundesliga für den VfB schon den Neckar runter.

„Ich hoffe ich kann noch viele Jahre hier spielen“

Fit und austrainiert ist Langerak in dieser Spielzeit die unangefochtene Nummer eins im Kasten des VfB („Ein schönes Gefühl“). Spiele vor einer großen und stimmungsvollen Kulisse kennt der 28-Jährige zwar schon aus seiner Zeit beim BVB, dennoch sind die Spiele in der Mercedes Benz Arena etwas Besonderes für den Australier: „In diesem Stadion zu spielen ist etwas ganz Tolles. Es ist ein schönes Stadion mit super Fans. Ich hoffe ich kann noch viele Jahre hier spielen.“

In Stuttgart fühlt sich der Torhüter extrem wohl: „Es ist eine sehr internationale Stadt. Viele Stuttgarter sprechen Englisch, das macht es für meine Frau und mich auch in der Freizeit einfacher. Wir sind sehr glücklich, dass wir uns dafür entschieden haben, nach Stuttgart zu kommen.“

Langerak hat das Zeug zum Publikumsliebling

Langeraks rasches VfB-Bekenntnis nach dem Abstieg im Mai kam beim Anhang gut an. Durch seine offene Art hat er das Zeug zum Publikumsliebling. Seine Argumente für den Verbleib klangen durchaus nachvollziehbar. „Ich will spielen. Außerdem bin ich kein Typ, der jedes Jahr den Verein wechselt.“ Für ihn sei schon früher klar gewesen, dass er nicht aus Stuttgart weg will – unabhängig vom Ausgang der Saison.

„Ob Bundesliga oder zweite Liga, ist ihm gar nicht so wichtig“, meint sein Torwarttrainer Marco Langner. „Er hat in Dortmund mit Meisterschaft und Pokal alles erreicht, jetzt freut er sich einfach darauf, zwischen den Pfosten zu stehen.“ Langner preist zudem die Stärken seines Schützlings: „Seine Ausstrahlung und seine Fangsicherheit. Außerdem hat er eine super Sprungkraft und geht mutig aus dem Tor heraus.“  

„Ich habe viel Selbstvertrauen und weiß, was ich kann“, sagt der Aussie in seinem sympathischen Denglisch-Singsang. Zu seinen Stärken zählt zudem die Fähigkeit eigene Fehler einzugestehen und nicht schönzureden. Das kam bislang  noch nicht allzu oft vor in seiner Stuttgarter Zeit und soll es wenn möglich auch nicht. Dann ist auch die Laune beim Stuttgarter Sonnyboy nach dem Spiel nicht mehr getrübt.