VfB Stuttgart

Schwächephase oder normaler Entwicklungsprozess? Warum der VfB nicht an die Leistungen der Hinrunde anknüpfen kann

Fußball Bundesliga 1.FC Köln vs. VfB Stuttgart
Die VfB-Profis Silas Wamangituka und Orel Mangala (rechts) beim Auswärtsspiel gegen den 1. FC Köln in Aktion. Letzterer konnte in den vergangenen Spielen nicht mehr an die Leistungen der Hinrunde anknüpfen. © Pressefoto Baumann

Die „Jungen Wilden“ sind zurück! In weiten Teilen der Hinrunde fiel oft dieser Satz, wenn über den VfB Stuttgart geredet wurde. Die Schwaben präsentierten sich vor allem auswärts bärenstark und sorgten für Furore. Doch seit ein paar Wochen kommt der Aufsteiger nicht mehr an seine Leistungsgrenze. Hat der VfB zu Saisonbeginn etwa über seinem Limit gespielt? Trainer Pellegrino Matarazzo widerspricht: „Wir haben nicht überperformed.“ Doch wie lässt sich die Leistungsdelle der Stuttgarter dann erklären? Eine kommentierende Analyse.

Der Aufsteiger startet überraschend stark in die Bundesliga-Saison

Zehnter Tabellenplatz, 29 Punkte, elf Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz. „Hätte uns das jemand vor der Saison gesagt, hätten wir das im Verein alle unterschrieben“, so Pellegrino Matarazzo. Eine Bilanz, die der Aufsteiger aus Bad Cannstatt vor allem dem bärenstarken Auftakt in die Bundesliga zu verdanken hat. Der zwischenzeitliche Höhenflug von Nicolas Gonzalez und Co. gipfelte in einem fulminanten 5:1-Auswärtssieg bei Borussia. Anschließend war von der Rückkehr der „Jungen Wilden“ genauso die Rede wie von plötzlichen Europa-Ambitionen der Schwaben. Niemand hatte mit diesem VfB gerechnet – doch genau das wird ihm jetzt zum Verhängnis. Seit Mitte Dezember knirscht es im Getriebe, an die Leistungen aus der Hinrunde konnte die junge Mannschaft nur noch selten anknüpfen.

Der Fluch des Siegens: Aus „überragend“ wird der neue Normalzustand

Eine Erklärung für diese Schwächephase: Die Mannschaft von Trainer Pellegrino Matarazzo hat zu Saisonbeginn über ihrem Leistungslimit gespielt, sie hat „überperformed“. Die schwache Aufstiegssaison und die durch die Corona-Pandemie schleppend verlaufende Vorbereitung sorgten dafür, dass die Erwartungshaltung rund um den Traditionsverein wohl selten so niedrig war.

Umso mehr entfachte die junge und dynamische Matarazzo-Truppe mit ihren erfrischenden Auftritten eine neue Euphorie rund um den VfB. Das führte zu einer veränderten Erwartungshaltung rund um Bad Cannstatt, die Messlatte lag für die Profis nun deutlich höher. Es wurde immer schwieriger, die gezeigten Leistungen zu toppen und den "Status quo" zu erhalten. Die Auftritte, die in weiten Teilen der Hinrunde noch als bärenstark einzustufen waren, wurden nun als Normalzustand erwartet. Aus „überragend“ wurde das neue „normal“, ein 1:0 Sieg wurde „langweilig“. 

Der neue VfB gewinnt Spiele auch ohne Schönspielerei

Darauf angesprochen erwiderte der VfB-Coach: „Ich würde nicht sagen, dass wir überperformed haben. Leistungsschwankungen sind im Laufe einer Saison völlig normal, auch Höhen und Tiefen.“ Doch auch der Italo-Amerikaner erkennt eine kleine Leistungsdelle. Sein Team habe „in den letzten paar Spielen nicht das Offensivpotential abgerufen, was wir eigentlich können." So sei eben die aktuelle Form des VfB. Aber: Nur weil seine Mannschaft aktuell nicht „so ästhetisch wie gegen Dortmund“ spiele, könne sie diese Form in den nächsten Spielen trotzdem wieder erreichen.

Die aktuelle Form zeige außerdem: Der VfB kann auch unästhetisch Spiele gewinnen, unter Fans gerne als „dreckige Siege“ bezeichnet. „Wir haben gegen Köln gezeigt, dass wir in der Lage sind, Spiele anders zu gewinnen. Wenn die Basics stimmen, wenn wir geschlossen auftreten und gut verteidigen." Es sei auch ein Entwicklungsschritt, solche Spiele zu gewinnen, so Pellegrino Matarazzo. Eine Entwicklung, die zwar nichts für Fußballfeinschmecker ist, die Stuttgarter im knallharten Ergebnisfußball der Bundesliga aber langfristig weiterbringen wird.

Die Gegner stellen sich auf die Stuttgarter Spielweise ein

Doch nicht nur die veränderte Spielweise und die gestiegene Erwartungshaltung, auch die Konkurrenz nahm das Stuttgarter Potential immer mehr wahr. Das sorgte für ein Umdenken bei den Gegnern: Die Schwaben, die in der Anfangsphase der Saison noch als junger, unerfahrener Aufsteiger wahrgenommen wurden, galten nun als ernstzunehmende Bundesliga-Mannschaft – und wurden folglich nicht mehr unterschätzt.

Viele Teams begegneten dem VfB nun vorsichtiger und änderten oft noch im laufenden Spiel ihre Taktik, um den umschaltstarken Stuttgartern nicht mehr so schnell ins offene Messer zu rennen. Damit zogen sie dem VfB gegen Ende der Rückrunde den Zahn, nur eine von sieben Bundesliga-Partien konnte um den Jahreswechsel gewonnen werden. In den letzten beiden Partien gegen Berlin und Köln wurde dieses Phänomen besonders deutlich: Sowohl die Hertha als auch die Geißböcke standen gegen die Matarazzo-Elf tief in der eigenen Hälfte. 

Verzerrte Wahrnehmung rund um den VfB

Gründe gibt es also genug, um die aktuelle Schwächephase zu erklären. Dabei darf allerdings auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Stuttgarter Woche für Woche mit der jüngsten Startelf der Bundesliga auftreten. Nur der 1. FC Köln hatte am 10. und 11. Spieltag eine jüngere Mannschaft auf dem Feld. Dass ein solch junges Team eine Entwicklung durchmacht, war und ist zu erwarten. Die bereits beschriebenen Leistungsschwankungen sind also das normalste der Fußball-Welt: "Wir befinden uns mitten in einer Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist", so der VfB-Trainer.

Das Stuttgarter Umfeld würde also gut daran tun, einen Schritt zurückzutreten und die Leistungen des VfB im richtigen Kontext zu betrachten: Die Schwaben sind ein Aufsteiger mit vielen jungen Talenten, die sich mitten in einem Prozess befinden. 5:1-Siege gegen den BVB sind und bleiben Ausnahmen, hart erkämpfte 1:0-Siege in Köln die Realität. Dabei soll nicht untergehen, dass sich der Aufsteiger mit einem Heimsieg gegen Schalke 04 wohl von den größten Abstiegssorgen verabschieden könnten. Es wäre das Ergebnis harter Arbeit – und eine Belohnung für den neuen, jungen VfB. Oder um es in den Worten von Pellegrino Matarazzo zu sagen: "Wir freuen uns auf das nächste Hoch."