VfB Stuttgart

System der Ausbeutung und des Menschenhandels: Warum der Fall Silas nur die Spitze des Eisbergs ist und welche Konsequenzen drohen

VfB-Profi Silas Katompa Mvumpa
VfB-Profi Silas Katompa Mvumpa in Aktion. Foto: Tom Weller/dpa/Archivbild © Tom Weller

Der Schritt an die Öffentlichkeit ist dem Fußballprofi Silas Katompa Mvumpa, aber auch dem VfB Stuttgart sicher nicht leicht gefallen. Dass der Bundesligist Anfang der Woche bekanntgab, der Kongolese habe zwei Jahre unter dem falschen Namen Wamangituka für ihn gespielt, brachte ihm nun Lob ein. Der Afrika-Kenner Barthélémy Gaillard findet diesen Schritt „sehr positiv“. Ihm sei kein anderer Fall bekannt, in dem ein Club auf diesem Niveau Ähnliches getan habe, sagte der Buchautor der Stuttgarter Zeitung.

„Dass solche Dinge passieren, überrascht mich nicht“

Wie der Franzose wundern sich auch andere Afrika-Experten nicht über das Schicksal des hochveranlagten Stürmers Silas, der offenbar länger von einem windigen Spielervermittler abhängig war. Für sie ist er alles andere als ein Einzelfall - vielmehr ist der Fall Silas nur die Spitze des Eisbergs. „Dass solche Dinge passieren, überrascht mich nicht“, sagte der gelernte Journalist Paul Nehf am Donnerstag (10.06.) dem Internet-Portal t-online. „Die allermeisten afrikanischen Spieler sind von Personen, die Kontakte zu Vereinen nach Europa haben, abhängig“, erklärte Nehf, der seit vielen Jahren als Scout, Spielervermittler und Berater in Afrika tätig ist.

Der DFB-Kontrollausschuss ermittelt

Gaillard sprach von einem System der Ausbeutung und des Menschenhandels. „Und weil so viele davon profitieren, gibt es niemanden, der entschlossen dagegen vorgehen würde“, erklärte er.

Der VfB hatte Katompa Mvumpa 2019, der zurzeit einen Kreuzbandriss auskuriert, für rund acht Millionen Euro Ablöse vom FC Paris geholt. Nach Angaben des Bundesligisten lebte er während seiner Zeit in Frankreichs Hauptstadt in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem Berater und habe „augenscheinlich“ weder auf sein Konto noch auf seine Papiere Zugriff gehabt. Am Dienstag hatte der Club sein Schicksal öffentlich gemacht, nachdem der Spieler sich den Verantwortlichen offenbart hatte. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes will nun prüfen, ob in dem Fall ein sportstrafrechtliches Fehlverhalten des Spielers vorliegt. Dem VfB drohen aber wohl keine Punktabzüge (mehr zu drohenden Konsequenzen in der Infobox).

Probleme wie bei Silas entstehen laut Nehf allerdings auch, weil es afrikanischen Talenten etwa in Deutschland nicht erlaubt sei, unterhalb der 2. Bundesliga oder in den Nachwuchsmannschaften der Bundesligisten zu spielen. „Die Hemmschwelle für deutsche Profivereine, ein junges afrikanisches Talent zu verpflichten, ist also enorm“, meinte Nehf. Spieler wie Katompa Mvumpa müssten sich daher mit lokalen Beratern einlassen, um den Sprung nach Europa zu schaffen. So wäre Katompa Mvumpa ohne diesen Vermittler „vielleicht immer noch im Kongo, und kein Hahn würde in Deutschland nach ihm krähen“.

Silas wurde bislang nicht für die Nationalmannschaft nominiert

Um Abhängigkeitsverhältnissen wie beim VfB-Profi entgegenzuwirken, sind laut Nehf bessere Chancen für afrikanische Nachwuchsspieler durch mehr europäisches Engagement vor Ort, Visa-Erleichterungen und Spielgenehmigungen auch im Juniorenfußball erforderlich, heißt es in dem Bericht bei t-online. Wegen der zweifelhaften Identität ist Silas bisher offenbar nicht für die Nationalmannschaft seines Heimatlandes berufen worden. „Wir haben ihn früher nicht nominiert, quasi als Vorsichtsmaßnahme, weil dieser Punkt etwas nebulös wirkte“, sagte Christian Nsengi-Biembe, bis Mai Nationaltrainer des Landes, am Donnerstag der Bild-Zeitung. „Heute ist alles eindeutig.“

Welche Konsequenzen drohen Silas?

  • Rolf Gutmann, Fachanwalt für Verwaltungs- und Migrationsrecht, sagte der Stuttgarter Zeitung am Donnerstag: „Es liegt zum einen Urkundenfälschung vor, weil er wissentlich gefälschte Dokumente gebraucht hat.“ Weiter sieht der Experte den Tatbestand der mittelbaren Falschbeurkundung erfüllt. 
  • „Normalerweise wird da kräftig zugeschlagen“, so Gutmann. Die äußerste Konsequenz wäre laut Gutmann der Entzug der Aufenthaltserlaubnis. Möglich sei aber auch ein mildes Strafmaß. Es reicht von einer Geldstrafe bis hin zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Entscheidend werde sein, wie strafmildernd das Geständnis des Spielers sich auswirken wird. 
  • Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ist mit der Prüfung des Falls beauftragt. Auch die Stuttgarter Ausländerbehörde prüft den Fall.