VfB Stuttgart

Von New York über Nürnberg nach Stuttgart: Die ungewöhnliche Karriere des Pellegrino Matarzzo

Fußball DFB Pokal VfB Stuttgart vs. SC Freiburg
VfB-Coach Pellegrino Matarazzo in Aktion. © Pressefoto Baumann

Am Mittwoch (30.12.) feierte Pellegrino Matarazzo sein einjähriges Amtsjubiläum als Trainer des VfB Stuttgart. Mit Blick auf die vergangenen Spielzeiten kein alltäglicher Jahrestag für einen Chefcoach am Cannstatter Wasen. Zuletzt saßen Hannes Wolf (2016 bis 2018), Bruno Labbadia (2010 bis 2013), Markus Babbel (2008 bis 2009) und Armin Veh (2006 bis 2008) über zwölf Monate lang auf dem einstigen Schleudersitz in der Mercedes-Benz-Arena.

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Von Sportdirektor Sven Mislintat wurde der höfliche Italo-Amerikaner daher unlängst als „Glücksfall für den VfB“ bezeichnet. Matarazzo selbst gab nun in einem Interview mit dem Mitgliedermagazin „dunkelrot“ einige interessante Einblicke in seinen Lebensweg. Dieser führte ihn von New York über die Fußballplätze der rheinland-pfälzischen Provinz bis in die großen Bundesliga-Stadien der Republik. Rückblick auf eine ungewöhnliche Karriere im modernen Fußballgeschäft.

Die Leidenschaft für den Fußball war schon immer da

Geboren und aufgewachsen ist Matarazzo im US-Bundesstaat New Jersey. Seine Eltern stammen aus Italien. Der Vater aus dem rund 40 Kilometer östlich von Neapel gelegenen Avellino, die Mutter aus Salerno, der Hauptstadt der süditalienischen Provinz Kampanien.

„Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, war das zwar noch ein Stück weit verspottet in den USA, aber in meiner italienischen Großfamilie war die Leidenschaft für diese Sportart schon immer da“, sagt Matarazzo, der seine Jugend gemeinsam mit seinen drei jüngeren Brüdern in Paterson im Speckgürtel von New York verbrachte.

Der Fußball spielte dabei in der Familie Matarazzo immer schon eine große Rolle. „Sonntags war immer der Familientag, an dem sich unsere Familie mit den Familien der Geschwister meines Vaters bei meinen Großeltern getroffen hat“, blickt Matarazzo zurück. „Da gab es zuerst ein gutes Essen, danach sind wir raus in einen Park und haben dort alle zusammen Fußball gespielt. Auf zwei Tore ohne Netze zwar, aber es war immer eine riesige Gaudi.“ Kurzum: „Der Fußball war also schon immer ein fester Bestandteil meines Lebens.“

Mathe-Studium in New York als prägende Zeit

Von 1995 bis 1999 studierte Matarazzo Angewandte Mathematik an der Columbia University in New York. Ein Studium, das sich der junge Pellegrino ohne seine fußballerische Begabung nicht hätte leisten können.

„Meine Familie stammt aus einfachen Verhältnissen. Für sie wäre es nicht möglich gewesen, die Studiengebühren der Columbia zu bezahlen. Und an einer Uni wie der Columbia gibt es keine Stipendien für Sport. Wenn du aber gute Noten hast und über ein Merkmal verfügst, das dich besonders macht – was bei mir mein fußballerisches Potenzial war – dann bekommst du eine staatlich finanzierte Unterstützung. Dadurch konnte ich mir dann das Studium dort leisten.“

Während des Mathe-Studiums spielte der 1,98 Meter große Innenverteidiger für die Columbia Lions, das Fußballteam seiner Universität in der Ivy League. Die Studienzeit beschreibt Matarazzo in der Retrospektive als „prägendste Zeit“ seines Lebens: „Ich bin als 17-Jähriger nach New York gezogen. Bis dahin hatte ich nur in dem behüteten Umfeld meiner Familie zuhause in Paterson im Bundesstaat New Jersey gelebt. Und dann bin ich als Student und Sportler in eine Welt reingekommen, in der es Angebote ohne Ende gibt und man sich in der Anonymität dieser City entfalten kann.“

Matarazzo wählt die Abenteuer-Variante

Den großen Traum, eines Tages für einen großen Club in Europa zu spielen, träumte auch Pellegrino Matarzzo. Im Anschluss an sein Studium gab es allerdings auch ein Angebot, für eine New Yorker Investmentbank zu arbeiten.

Matarazzo lehnte ab - und wählte stattdessen die Abenteuer-Variante. Die sollte ihm zunächst ein Probetraining bei einem Zweitliga-Verein in der Heimat seiner Eltern einbringen. „Ich wollte schauen, was ich erreichen kann“, sagt Matarazzo heute. Das Problem: das Probetraining, das ein befreundeter Berater organisieren wollte, fand niemals statt.

Kurzerhand machte der junge Abwehrspieler das Beste aus der Situation und verbrachte ein halbes Jahr bei seinen Großeltern in Italien. „Ich habe weiter trainiert, bin viel gereist und habe viel gesehen. Ich habe die Zeit genossen. Es war eine schöne Zeit, aber in Bezug auf Fußball nicht die gewinnbringende.“

„Fußball ist Fußball, egal wo auf der Welt“

Nach dem sportlich missglückten Abstecher nach Italien, landete der begabte Verteidiger in Deutschland. Genauer gesagt in Rheinland Pfalz bei Eintracht Bad Kreuznach in der Oberliga. In einem fremden Land und zunächst noch ohne Sprachkenntnisse fand sich der Schlaks schnell zurecht. „Fußball ist Fußball, egal wo auf der Welt.“

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Über die Stationen Wehen Wiesbaden (2001 bis 2003), Preußen Münster (2003 bis 2004) und Wattenscheid 09 (2005 bis 2006) ging es für Matarazzo schließlich bis in die damals drittklassige Regionalliga. Im Alter von 28 Jahren wechselte der Italo-Amerikaner zum 1. FC Nürnberg, wo er das Angebot bekam, als Spieler in der zweiten Mannschaft zu kicken und parallel Erfahrungen im Trainerbereich zu sammeln und Trainerlizenzen zu machen. 

Der nächste Schritt auf der Karriereleiter

„Ich habe dort eine sehr breite Ausbildung erleben dürfen“, so Matarazzo, der letztlich elf Jahre lang in verschiedenen Bereichen für den „Glubb“ tätig war.

2017 folgte im Anschluss an die Lehrjahre am Valznerweiher der nächste Schritt auf der Karriereleiter: Die TSG 1899 Hoffenheim holte den damals 39-Jährigen als Cheftrainer für ihre U-17-Mannschaft in den Kraichgau. „Der Schritt nach Hoffenheim war extrem gewinnbringend für mich“, sagt Matarazzo.

Nur ein Jahr später wurde er unter Chefcoach Julian Nagelsmann Co-Trainer des Bundesliga-Teams: „Die Zeit mit Julian Nagelsmann war dahingehend prägend, dass sich viele Sachen bestätigt haben. Und er hat mit seinen Ideen und Ansätzen die eine oder andere Lücke bei mir gefüllt.“

„Ich habe viel Schweiß und Blut investiert“

Am Samstag (02.01.) kommt es jetzt mit seinem neuen Verein, dem VfB Stuttgart, zum Wiedersehen mit seinem alten Mentor aus Hoffenheimer Tagen, der mittlerweile bei RB Leipzig an der Seitenlinie steht.

Ende 2019 hatte Matarazzo den VfB in der 2. Liga übernommen und zurück in die Bundesliga geführt. Im Schwabenland sitzt der Fußballlehrer mit dem ungewöhnlichen Lebenslauf nun zum ersten Mal auf dem Cheftrainer-Sessel. Und begeistert nach einigen kleineren Startschwierigkeiten Fans und Fachwelt.

Der furiose Auftakt seiner jungen Mannschaft bringt den US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln aber nicht aus dem Gleichgewicht: „Ich habe viel Schweiß und Blut investiert. Nun bin ich jeden Tag dankbar, auf diesem Niveau Trainer zu sein, bei diesem Verein Trainer zu sein und all das erleben zu dürfen.“