VfB Stuttgart

Was für und was gegen Geisterspiele spricht

Geisterspiel
Darf sich die Fußball-Bundesliga mitten in der Coronavirus-Pandemie eine Sonderrolle genehmigen und die Saison fortsetzen?. Foto: Roland Weihrauch/dpa © dpa

Stuttgart.
Nachdem der Profifußball und seine schon minutiös skizzierten Pläne für Geisterspiele bei der Schalte der Ministerpräsidenten am Mittwoch offiziell nicht einmal Thema waren, wachsen Zweifel, ob der für Mai geplante Neustart und der bis Ende Juni erhoffte Abschluss der Liga-Spielzeit noch realistisch sind. Auch beim VfB Stuttgart wartet man auf den Wiederbeginn. „Wir sind abhängig von der Politik“, sagte Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger am Donnerstag dem TV-Sender Sky. „Diese Leute haben viele wichtige Themen auf dem Tisch, die können nicht die ganze Zeit an den Fußball denken.“ Für die Clubs der 1. und 2. Bundesliga steht eine Menge Geld auf dem Spiel, doch für den Rest des Landes womöglich noch viel mehr. Darf sich der Profifußball mitten in der Coronavirus-Pandemie eine Sonderrolle genehmigen und die Saison fortsetzen? 

Was für Geisterspiele spricht

  • Existenzsicherung: Für die 36 Vereine stehen insgesamt 750 Millionen Euro auf dem Spiel. Diese Summe steht für die aktuelle Saison noch an TV-Geldern aus und wird bei einem Abbruch nicht überwiesen. Das könnte dazu führen, dass Vereine von der Bildfläche verschwinden. „Die 36 Clubs wird es in dem Maße nicht mehr geben“, sagte der Wirtschaftsexperte Henning Zülch zu einem Abbruch dem MDR. Der Professor der Leipziger Handelshochschule sieht bereits aktuell vier Clubs krisengefährdet: Drei aus Nordrhein-Westfalen, einen aus dem Osten. Ende April will Zülch eine Analyse aller 36 Bundesligisten vorlegen.
  • Wichtiger Wirtschaftszweig: Mit seinen laut DFL-Geschäftsführer Christian Seifert 56.000 von den Bundesligen abhängenden Arbeitsplätzen sind die ersten beiden Ligen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zwar wird bei Geisterspielen der Wurstverkäufer auch zu Hause bleiben müssen, Sicherheitsdienste dürften jedoch zum Einsatz kommen. Zudem sind bei einigen Clubs Mitarbeiter der Geschäftsstelle in Kurzarbeit geschickt worden, was Gehaltseinbußen von bis zu 40 Prozent bedeuten kann. Der Profi-Fußball sei „nicht unwichtiger als andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche unseres Lebens“, sagte etwa Ralf Rangnick der Leipziger Volkszeitung.
  • Stimmungsaufheller: Kinder dürfen nicht zur Schule, Eltern arbeiten von zu Hause aus und nach draußen soll man nur beschränkt. Da könnte in all der Tristesse die Bundesliga für gute Stimmung, für Gemeinschaftserlebnisse vor dem Fernseher sorgen. Das findet übrigens auch Timo Werner. „Es wäre doch jeder froh, wenn einfach wieder ein Spiel stattfindet. Da könnte man das Stadion drumherum auch abbauen. Hauptsache, die TV-Kameras sind dabei und die Leute können sich vor dem Fernseher versammeln und zuschauen“, sagte der Nationalspieler.
  • Kein Berufsverbot: Paketdienste liefern, Supermärkte haben geöffnet und zumindest ganz langsam soll sich das Leben in Deutschland auch sonst wieder etwas normalisieren. Deshalb sollte es auch für Profi-Fußballer kein Berufsverbot geben. Zum Job zählt eben nicht nur das Training, sondern vor allem die Spiele. Und wenn keine Zuschauer zugelassen sind, wäre es eben ein Homeoffice der etwas anderen Art.

Was gegen Geisterspiele spricht

  • Fan-Disziplin: Bei Geisterspielen sind die Stadien zwar so gut wie leer, doch Menschenansammlungen verhindert das trotzdem nicht. Das beste Beispiel war die Begegnung zwischen Mönchengladbach und Köln, die erste in der Bundesliga ohne Zuschauer. Da versammelten sich Fans vor dem Stadion und feierten vor allem sich selbst. Durch Geisterspiele wird die Versuchung groß sein, das Gemeinschaftsgefühl mit anderen Anhängern des eigenen Vereins zu suchen und sich vor Stadien oder auf großen Plätzen zu treffen.
  • Extrawurst: In den Bundesligen spielen 36 Vereine. Nur 36 Vereine. Warum sollten diese spielen dürfen, während Basketballer, Handballer, Volleyballer und zig andere Sportler nur zuschauen dürfen? Ganz zu schweigen von den Fußball-Profis unterhalb der Bundesligen. Die DFL würde eine Sonderrolle für sich in Anspruch nehmen, die nur schwer vermittelbar wäre.
  • Infektionsgefahr: Ein Spiel ohne Zuschauer bedeutet nicht, dass nur 22 Profis auf dem Rasen kicken. Nach den Plänen der DFL würden sich bei jedem Spiel bis zu knapp 250 Menschen aufhalten - vom Ordner, über den Rettungsdienst bis zum Medienvertreter. Es dürfte unbestritten sein, dass die Infektionsgefahr dadurch deutlich steigt, zumal nicht jede dieser Personen alle drei Tage auf das Coronavirus getestet werden wird. Ganz davon abgesehen, ob es sich der Fußball erlauben sollte, einen Teil der Testkapazitäten für sich zu beanspruchen.
  • Verzerrung: Abgesehen davon, ob zum Beispiel Union Berlin in einem leeren Stadion An der Alten Försterei gegen Bayern München dieselben Chancen hätte wie bei einem ausverkauften Haus, ist der Wettbewerb bereits auf anderen Ebenen verzerrt. Während einige Clubs bereits Ende März wieder in kleinen Gruppen trainierten, war Werder Bremen beispielsweise selbst das bis vor gut einer Woche untersagt. Erst im zweiten Anlauf erhielt Werder die Genehmigung. Zudem könnte es dazu kommen, dass ein Verein sein Stadion nicht nutzen darf, da die finale Entscheidung bei der Politik liegt.

Letzte Rate der TV-Gelder steht noch aus 

  • Die deutschen Fußball-Clubs warten weiter auf die vierte und letzte Rate der TV-Gelder. Diese hätte eigentlich schon am 10. April bei der Deutschen Fußball Liga eingehen sollen. Aber nach einem Bericht des kicker hätten die Rechteinhaber die insgesamt 304 Millionen Euro bisher noch nicht überwiesen. Als neuer Zahltag für die 36 Vereine sei nun der 2. Mai vereinbart worden.
  • Ohne die Zahlung an die DFL drohe nach kicker-Informationen innerhalb der nächsten zwei Wochen 13 Vereinen, darunter vier Bundesligisten, im Mai und Juni die Insolvenz. Aber die Chancen auf eine zeitnahe Regelung mit den Medienpartnern und eine Zahlung in den kommenden Tagen seien gut.
  • Der Spielbetrieb ist aktuell bis mindestens zum 30. April ausgesetzt. In der kommenden Woche, am 23. April, wollen die Fußball-Clubs das weitere Vorgehen festlegen. Nach wie vor hofft der Profi-Fußball aber darauf, die Spielzeit mit Hilfe von Geisterspielen bis zum 30. Juni beenden zu können. Auf dem Spiel stehen rund 750 Millionen Euro, die bei einem Abbruch der Spielzeit fehlen würden.
  • Bisher sind aber Geisterspiele nicht sicher, da Bund und Länder sich am Mittwoch auf die Verlängerung des Verbots von Großveranstaltungen bis mindestens zum 31. August einigten. Konkrete Regelungen, etwa zur Größe der Großveranstaltungen, sollen von den Länder getroffen werden. Möglicherweise drohen der DFL in den verschiedenen Bundesländern verschiedene Vorgaben, so dass gar nicht an allen Standorten gespielt werden kann. Zuletzt war von rund 240 Personen die Rede, die bei Bundesliga-Geisterspielen im Stadion sein müssten.