VfB Stuttgart

Wie aus dem Bollwerk eine Schießbude wurde

Zieler patzt gegen die Bayern_0
Zieler patzt, Goretzka köpft ein: Auch der Stuttgarter Torhüter hat in dieser Saison schon einige Gegentore verschuldet. © ZVW/Danny Galm

Stuttgart. Die Erkenntnis ist ebenso simpel wie schmerzhaft. „Wir kriegen einfach zu viele Gegentore“, klagte VfB-Trainer Markus Weinzierl nach der jüngsten Niederlage in München. In der Allianz Arena fingen sich die Schwaben die Gegentreffer 39, 40, 41 und 42. Die Stuttgarter Defensive, das Prunkstück der vergangenen Saison, ist zu einer Schießbude geworden. Wie konnte das passieren?

Mit lediglich 36 Gegentoren in 34 Spielen stellten Timo Baumgartl und Co. in der Spielzeit 2017/18 die zweitbeste Defensive der Liga. In der heimischen Arena kassierte der Aufsteiger in 17 Spielen nur neun Gegentore. Und in dieser Saison? Sind es nach 19 Spieltagen bereits 18 Heimgegentore. Zusammen mit den 24 Gegentreffern in der Fremde ergibt sich die zweitschlechteste Defensive der Liga. Einzig der 1. FC Nürnberg steht mit seinen 43 Gegentoren noch schlechter da. 

Wie wurde aus dem Bollwerk eine Schießbude? Ein Erklärungsversuch.

Zu viele individuelle Fehler

Die Hintermannschaft der Schwaben leistet sich zu viele individuelle Patzer. Exemplarisch hierfür steht Torhüter Ron-Robert Zieler, der am Sonntag in München unter einem Eckball hindurchsegelte und so das dritte Gegentor verschuldete. Nicht der erste Bock des ehemaligen Nationalkeepers in dieser Saison. Ein Fehler, der "an mir nagt", erklärte Zieler nach dem Spiel. "Jedes Gegentor tut weh, wir kriegen aktuell zu viele. Deswegen ist es besonders ärgerlich."

Doch die Aussetzer des erfahrenen Schlussmanns sind keine Ausnahme. Auch Weltmeister Benjamin Pavard, Routinier Holger Badstuber oder Mittelfeldabräumer Santiago Ascacibar leisteten sich in dieser Saison schon den einen oder anderen groben Schnitzer. Zu allem Übel schossen die Stuttgarter schon vier Eigentore. Ligahöchstwert. 

Schwächen bei Standards und viele späte Gegentore

Neben der eigenen Harmlosigkeit bei Ecken und Freistößen (erst zwei Treffer, beide beim 2:0-Sieg in Nürnberg) pennt die VfB-Defensive immer wieder bei gegnerischen Standards: Acht seiner 42 Gegentore fing sich der VfB nach ruhenden Bällen. Hinzu kommen auffällig viele Gegentreffer in der Schlussviertelstunde. Kein Team kassiert in den letzten 15 Minuten des Spiels mehr Treffer als der VfB Stuttgart. Elf Mal schon klingelte es zwischen der 75. und 90. Minute.   

Keine Kontinuität, keine Automatismen

Die defensive Stabilität des VfB Stuttgart in der vergangenen Saison fußte auch auf einer eingespielten Abwehrreihe, die von Trainer Tayfun Korkut nur im Fall einer Verletzung verändert wurde. Von personeller Kontinuität kann in dieser Spielzeit allerdings keine Rede sein: In 19 Partien standen 17 verschiedene Abwehrkonstellationen auf dem Feld (siehe Infobox). Von Automatismen keine Spur. Verletzungen, Formschwächen und Sperren zwangen Trainer Weinzierl immer wieder zu Umstellungen.

Immerhin scheint Weinzierl inzwischen mit Marc Oliver Kempf und Timo Baumgartl eine Stamminnenverteidigung gefunden zu haben. Doch Drumherum herrscht weiter Unklarheit. Mal verteidigte Andreas Beck hinten rechts, mal Pablo Maffeo und zuletzt sogar Gonzalo Castro. Und auf der linken Abwehrseite konnte bislang weder der erfahrene Emiliano Insua noch der junge Borna Sosa wirklich überzeugen. 

Der Teufel steckt im Detail

Taktik-Experte Tobias Escher verglich die Situation rund um den VfB in einem Beitrag für das Fußball-Magazin 11Freunde unlängst mit einer „Operation am offenen Herzen“. Für Escher steckt der Teufel in den vielen taktischen Details. Zum Beispiel in der Besetzung der Halbräume. „Wenn der Außenstürmer zum Pressing überging, schien nicht ganz klar, wer dahinter die herauskippenden Mittelfeldspieler übernehmen soll“, analysierte er den letzten Auftritt der Weinzierl-Elf in München. 

Die Partie gegen die Bayern legte – so Escher - das allgemeine Problem der Stuttgarter offen: „So richtig weiß man nicht, welchen strategischen Kern diese Mannschaft besitzt. Will sie wie gegen die Bayern einen schnellen Konterfußball spielen? Dazu fehlt vor allem die defensive Stabilität, die unabdingbar ist für solch eine Strategie. Ohne Ballgewinne lässt sich schlecht kontern.“ 


Die VfB-Abwehr: 19 Spiele, 17 verschiedene Konstellationen

  • 1. Spieltag in Mainz (0:1): Insua, Badstuber, Pavard, Maffeo
  • 2. Spieltag gegen München (0:3): Insua, Baumgartl, Pavard, Maffeo
  • 3. Spieltag in Freiburg (3:3): Insua, Baumgartl, Pavard, Beck
  • 4. Spieltag gegen Düsseldorf (0:0): Insua, Baumgartl, Pavard, Beck
  • 5. Spieltag in Leipzig (0:2): Sosa, Baumgartl, Pavard, Maffeo
  • 6. Spieltag gegen Bremen (2:1): Sosa, Baumgartl, Pavard, Beck
  • 7. Spieltag in Hannover (1:3): Sosa, Pavard, Badstuber, Baumgartl, Beck
  • 8. Spieltag gegen Dortmund (0:4): Insua, Baumgartl, Pavard, Maffeo
  • 9. Spieltag in Hoffenheim (0:4): Insua, Pavard, Badstuber, Baumgartl, Maffeo
  • 10. Spieltag gegen Frankfurt (0:3): Aogo, Pavard, Badstuber, Baumgartl, Maffeo
  • 11. Spieltag in Nürnberg (2:0): Kempf, Pavard, Baumgartl, Beck
  • 12. Spieltag in Leverkusen (0:2): Insua, Kempf, Pavard, Beck
  • 13. Spieltag gegen Augsburg (1:0): Kempf, Baumgartl, Pavard
  • 14. Spieltag in Gladbach (0:3): Insua, Kempf, Pavard, Baumgartl, Beck
  • 15. Spieltag gegen Berlin (2:1): Insua, Kempf, Baumgartl, Beck
  • 16. Spieltag in Wolfsburg (0:2): Insua, Kempf, Baumgartl, Aidonis
  • 17. Spieltag gegen Schalke (1:3): Insua, Kempf, Baumgartl, Beck
  • 18. Spieltag gegen Mainz (2:3): Sosa, Kempf, Baumgartl, Castro
  • 19. Spieltag in München (1:4): Insua, Kempf, Kabak, Beck