Meinung

Warum wir die Corona-Warn-App brauchen

Corona Warn App
Die Corona-Warn-App soll Infektionsketten durchbrechen - nicht überwachen. © Pixabay / Markus Winkler

„Totale Überwachung“, „Installiere ich auf gar keinen Fall“ „keinen Bock auf zusätzliche Überwachung“, die Antworten vieler Facebook-Nutzer auf unsere Frage, ob sie sich die Corona-Warn-App auf ihr Smartphone installieren würden, sind nicht sehr facettenreich. Und auch wenn eine Facebook-Umfrage wenig statistische Relevanz hat, so zeigt sie doch, wie misstrauisch und desinformiert zumindest ein Teil der Bevölkerung gegenüber einer Warn-App zu sein scheint. Verschwörungstheorien feiern derzeit Hochkonjunktur, eine von „oben deklarierte App“, die man sich auf das Smartphone installieren muss, um stetig überwacht zu werden, passt da irgendwie in dieses verquere Weltbild.

Aber kann die Corona-Warn-App wirklich überwachen? Wird wirklich, wie von vielen befürchtet, der Datenschutz umgangen? Oder wird die App sogar heimlich zwangsinstalliert?  Fragen, denen ich mich nicht nur als Journalistin, sondern auch als studierte Informatikerin widmen will.

1.       Was macht die Corona-Warn-App eigentlich?

Die App soll und kann keine Ansteckung verhindern. Sie soll auch nicht den Betreffenden auf Schritt und Tritt überwachen. Sie kann aber nachträglich darüber informieren, ob man sich in der Nähe von infizierten Personen aufgehalten hat. Wenn man das weiß, kann man sich auch testen lassen und vorsichtshalber Schutzmechanismen ergreifen, um Infektionsketten zu durchbrechen.

Hat man die Corona-Warn-App installiert und sich in der Nähe eines Coronavirus-Infizierten aufgehalten, wird ein „rotes Signal“ ausgelöst.   Das heiße allerdings nicht automatisch „eine hohe Gefahr“, erklärte Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, dem Computermagazin heise online. Dann sollte sich der Betroffene lediglich beim Hausarzt, dem örtlichen Gesundheitsamt oder beim Bereitschaftsdienst 116 117 melden.

Die Behörden müssten dann vielmehr die Risiken abwägen; herausfinden, wie eng das Zusammentreffen an einem besagten Tag gewesen war, mit oder ohne Mundschutz. Jeder Hinweis sollte dann weiter verifiziert werden. Die alarmierten Smartphone-Nutzer wissen dabei nicht, bei welcher Person sie sich eventuell angesteckt haben, sondern nur, an welchem Tag sie mit einem Infizierten Kontakt hatten.

Es gib pro Land nur eine offizielle Warn-App. Für Deutschland gibt diese das Robert-Koch-Institut heraus, entwickelt wurde sie von der Telekom und SAP.

2.       Werden alle überwacht oder wie weiß die App, wer infiziert ist und wer nicht?

Die Angaben über eine Covid-19-Infektion sind freiwillig. Der Status muss aber bestätigt werden. Dazu erhält man einen QR-Code vom Testlabor oder eine TAN von der Telefon-Hotline, wenn das Labor keinen QR-Code ausstellen kann.

3.       Wie funktioniert die App dann?

Wer die App auf dem Smartphone installiert, wird über seine Bluetooth-Schnittstelle eine Serie von Identifikationsnummern in seine Umgebung funken. Da die Bluetooth-Reichweite auf maximal zehn Meter begrenzt ist, bekommen nur die Apps auf Smartphones in unmittelbarer Nähe was davon mit. Finden sich die Smartphones, tauschen sie diese Identifikationsnummern aus. Und zwar nur diese Nummern. Keine anderen Daten werden übermittelt. Außerdem ändern sich diese Nummern stündlich. 

Die IDs der Personen, mit denen man in Bluetooth-Kontakt war, werden nur auf dem Smartphone abgelegt, nicht auf einem zentralen Server gespeichert. Das bedeutet, die Smartphones und ihre Standorte werden nicht getrackt und können auch nicht nachverfolgt werden. Nur die Liste der anonymisierten IDs der Infizierten wird auf einem zentralen Server vorgehalten. Der Abgleich findet aber ausschließlich auf den einzelnen Smartphones statt.

4.       Wird die App zwangsinstalliert?

Es gibt weder eine automatische Zwangsinstallation über ein Betriebssystem-Update noch gibt es eine Installationspflicht. Das stellte am Montag auch die Bundesregierung klar. Die App basiere auf Freiwilligkeit. Auch darf die App nicht ohne Zustimmung über Bluetooth Daten senden.

Der Quellcode der App wurde zudem auf GitHub veröffentlicht, um Bedenken von Datenschützen zu zerstreuen. Es gibt laut Experten weder Hintertürchen noch andere Anomalien. Dies wurde auch von Mitgliedern des Chaos Computer Club bestätigt. Diese größte europäische Hackervereinigung hatte im Vorfeld vor Datenmissbrauch gewarnt und auf die hohen Risiken einer solchen App hingewiesen. Wenn also einer genau hinguckt, was mit den Daten in und aus der App passiert, sind sie es.

5.       Warum sollte ich die App installieren?

Die Corona-Warn-App will niemanden überwachen, verfolgen, denunzieren oder stigmatisieren. Es gibt keine Pläne, dass Menschen nur mit der App irgendwo Eintritt gewährt wird oder sie bestimmte Orte nur mit der App besuchen dürfen. Grüne und Linke fordern sogar, dass dies per Gesetz geregelt wird.

Die Warn-App soll eigentlich nur eines: Infektionsketten durchbrechen. Das aber ist der Schlüssel für den Sieg über das Corona-Virus. Wenn ich weiß, dass ich mit einem Infizierten Kontakt hatte, habe ich die Grundlage für einen Test und kann mir schneller Gewissheit verschaffen und für Schutz von anderen sorgen. Außerdem bekommen Betroffene ihr Testergebnis schneller, weil es einen konkreten Verdacht gibt. 

Aber erst, wenn die Mehrheit der Bevölkerung die App freiwillig nutzt, wird sie auch etwas bringen. Eine Studie der Universität Oxford kommt zum Schluss, dass eine App die Infektionskette stoppen könnte – wenn rund 56 Prozent der Bevölkerung dabei mitmachen würden. Zum Vergleich: Whatsapp ist auf knapp 60 Prozent der Geräte in Deutschland installiert und hat rund 10 Jahre dazu gebraucht. Wir sind also alle gefordert, diese App zu installieren, um die Abdeckung zu gewährleisten, die es für eine erfolgreiche Eindämmung des Viruses braucht. Um eine neue Infektionswelle und damit einen erneuten Lockdown zu verhindern - den wir psychisch und wirtschaftlich nicht mehr so unbeschadet durchstehen würden wie den ersten. 

Und zum Thema Datenschutz: Was ist wohl datenschutzkonformer? Eine öffentlich ausgelegte Liste in einem Restaurant, in der man sich samt Adresse und Telefonnummer eintragen muss, um im Falle einer Infektion Tage oder Wochen später informiert zu werden? Oder eine App, die mich schnell informiert, wenn ich mit einem Infizierten Kontakt hatte, damit ich reagieren kann? Ich denke, hier ist der Fall - ganz Verschwörungstheorieunabhängig - klar.