VfB Stuttgart

Was Christian Riethmüller beim VfB verändern will

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Christian Riethmüller möchte Präsident des VfB Stuttgart werden. © ZVW/Danny Galm
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Christian Riethmüller (44) ist Chef des Buchhändlers Osiander und im Fußball noch weitgehend unbekannt.

Stuttgart.
Am 15. Dezember wählen die Mitglieder des VfB Stuttgart auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins einen neuen Präsidenten. Neben dem Böblinger Unternehmer Claus Vogt (50) hat sich auch der Osiander-Geschäftsführer Christian Riethmüller (44) aus Tübingen um den Posten beworben. Im ausführlichen Gespräch mit unserer Redaktion bezieht Riethmüller klar Stellung zu den drängendsten Fragen rund um den größten Sportverein in Baden-Württemberg – und zeigt auf, wo und wie sich der Traditionsclub aus seiner Sicht „grundlegend“ verändern muss.

Hallo Herr Riethmüller, was ist Ihre Vision mit dem VfB Stuttgart?

Christian Riethmüller: „Fakt ist, dass der Verein aktuell in der 2. Liga steht und es eigentlich seit der letzten Meisterschaft 2007 einen sportlichen Abwärtstrend gibt. Aus meiner Sicht sind grundlegende Veränderungen notwendig. Die werden aber nicht dazu führen, dass man kurz- oder mittelfristig wieder ganz oben anklopfen kann. Das wird ein langfristiger Prozess werden. Wir müssen langsam wieder ein Team aufbauen, mit dem wir uns identifizieren können, das Spaß macht und attraktiven Fußball spielen.“

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme des Vereins?

Christian Riethmüller: „Aus meiner Sicht gibt es fünf Kernpunkte. Der erste und überragende Punkt ist die fehlende Kontinuität. Drei Präsidenten in zehn Jahren, unzählige Trainer und Sportdirektoren sowie jedes Jahr eine neue Mannschaft. Wie will man da ein Konzept mittelfristig fahren? Zweitens: Welchen Anteil an der aktuellen Situation haben eigentlich Aufsichtsrat und Vorstand? Der dritte Punkt ist die Jugend- und Nachwuchsförderung. Warum gelingt es uns nicht mehr, so viele Talente wie früher hochzubringen und an den Verein zu binden? Der vierte Punkt ist die Frage nach den Werten. In welcher Art und Weise hat sich der Verein in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit dargestellt? Der fünfte Punkt ist das Problem, dass zwischen Gremien und Mitgliedern auf der einen Seite und Mannschaft und Fans auf der anderen Seite eine große Distanz besteht. Diese fünf Felder muss man aus meiner Sicht mit einem langfristigen Konzept angehen.“

Wie sieht Ihr Konzept konkret aus?

Christian Riethmüller: „Was Aufsichtsrat und Vorstand betrifft, kenne ich die handelnden Personen nicht. Das heißt, ich muss die Verantwortlichen erst kennenlernen und schauen, warum sind sie auf dieser Position, wie sind sie dahingekommen und was sind ihre Kompetenzen? In einem zweiten Schritt muss man eine Generalinventur machen. Und ganz klar die Frage stellen: Welchen Anteil hat jeder Einzelne an der Situation des VfB und welche Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht? Anschließend müssen wir uns die Frage stellen, welche Maßnahmen und strukturellen Veränderungen nötig sind, um den VfB wieder nach oben zu bringen. Zwei Positionen im Aufsichtsrat sind aktuell vakant - und die gilt es jetzt, strategisch neu zu besetzen.“

Auch im Hinblick auf die fehlende Sportkompetenz? Mit Hermann Ohlicher sitzt aktuell nur ein Ex-Profi im Gremium und seine aktive Zeit liegt mittlerweile auch schon ein paar Jahre zurück.

Christian Riethmüller: „Auch so jemanden braucht man. Wenn jetzt aber ein Name wie Rainer Adrion fällt (65/ehemalige Spieler und Trainer beim VfB; Anm. d. Red.), dann stelle ich mir dir Frage: Sollte ein neues Aufsichtsratsmitglied nicht besser aus der Generation eines Mario Gomez oder Cacau kommen? Gleichzeitig kann man schauen, wie und an welcher Stelle man einen erfahrenen Mann wie Rainer Adrion einbinden kann.“

Ganz grundlegend: Warum schafft es der VfB nicht, ehemalige Spieler besser in den Verein zu integrieren?

Christian Riethmüller: „Ein Nachwuchsförderungskonzept muss nachhaltige Vereinsphilosophie sein, von allen Gremien mitgetragen werden, und die Profiabteilung muss sich diesem Nachwuchskonzept öffnen. Dies scheint beim VfB in den letzten Jahren nicht der Fall gewesen zu sein. Dazu gehört im übrigen auch eine starke zweite Mannschaft als Sprungbrett“

Ist es ein generelles Problem, dass der VfB die jüngere Generation nicht mehr anspricht?

Christian Riethmüller: „Wie wollen wir als Verein Spieler und Mitglieder haben, die aus dieser Generation kommen, wenn in den verantwortlichen Gremien kaum jüngere Personen sitzen? Dasselbe gilt für das Thema Frauen. Wir wollen ein moderner Verein sein, haben im Vorstand, Aufsichts- und Vereinsbeirat, aber lediglich eine Frau. Zudem haben wir keinen Frauenfußball. Das finde ich erschreckend. Wenn wir die Marke VfB wieder glaubwürdiger und authentischer machen wollen, dann müssen wir auch Frauen und jungen Menschen die Möglichkeit geben, diesen Weg mitzugestalten. Zumal gerade junge Menschen die Werte vertreten, die für unseren Verein in der Zukunft so wichtig sein werden.“

Und die wären?

Christian Riethmüller: „Glaubwürdigkeit, Transparenz und soziale Verantwortung.“

Wie schafft man es, dass der VfB wieder mit diesen Begriffen in Verbindung gebracht wird?

Christian Riethmüller: „Aus Transparenz folgt Glaubwürdigkeit, auf Glaubwürdigkeit folgt Vertrauen und daraus folgt Ruhe. Es ist illusorisch, direkt Ruhe in den Verein zu bringen. Denn ohne Vertrauen geht das nicht. Ruhe heißt für mich, dass wir Diskussionen aus der Öffentlichkeit raushalten. Aber wenn man diesen Verein neu aufstellen will, dann wird es zunächst mal intern eine gewisse Unruhe geben. Strukturelle Veränderungen bringen das immer mit sich. Damit muss man aber professionell umgehen.“

Was bedeutet für Sie Transparenz?

Christian Riethmüller: „Diejenigen, die Verantwortung übernommen haben, sollen offen dazustehen, welche Fehler gemacht wurden. Das ist auch gar nicht schlimm. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Wichtig ist, dass man die Fehler erkennt und daraus lernt. Der große Fehler bei der abgebrochenen Mitgliederversammlung zum Beispiel war, dass keiner aus Vorstand und Aufsichtsrat Verantwortung dafür übernommen hat, was passiert ist. Und zum Schluss stand Herr Dietrich alleine da. Ich habe ihn auch kritisch gesehen, aber er ist mit Sicherheit nicht alleine für die Situation verantwortlich.“

Auf dieser turbulenten Versammlung haben auch Sie eine Rede gehalten. Sie meinten, das positive Feedback auf ihren Wortbeitrag sei auch einer der Gründe für ihre Kandidatur gewesen. Wann kam Ihnen die Idee, diese Rede zu halten?

Christian Riethmüller: „Das erste Mal hat es mich bereits vor sechs Jahren gejuckt, mich zu engagieren. Ich habe dann lange überlegt und mir gedacht: Solange ich nicht bereit bin, selbst Verantwortung zu übernehmen, ist es falsch, jetzt voll auf den Tisch zu hauen. Dieses Jahr war es dann so weit. Zu Beginn meiner Rede wollte niemand mehr noch einen weiteren Redner hören, zum Schluss habe ich dann viel Beifall bekommen. Warum? Weil ich die Leute mitgenommen habe. Ich bin sachlich geblieben, aber auch deutlich und kritisch.“

Bei den Stichworten „deutlich und kritisch“: Wie wollen Sie sich als Vorsitzender im Aufsichtsrat durchsetzen?

Christian Riethmüller: „Zum einen müssen die offenen Stellen im Aufsichtsrats strategisch richtig besetzt werden. Zum zweiten ist wie eingangs beschrieben eine Generalinventur, aus der klare Maßnahmen folgen, nötig. Und zum dritten hat ein Präsident anderen Einfluß im Aufsichtsrat, wenn er das Vertrauen und die Unterstützung der Mitglieder hat. Diese Vertrauen gilt es zu gewinnen, ebenso wie die Kooperationsbereitschaft aller Aufsichtsratsmitglieder“

Thema Mitgliederwerbung: Wie sinnvoll ist es, das von Ex-Präsident Wolfgang Dietrich ausgegebene Ziel, bis 2023 100 000 Mitglieder zu haben, weiterzuverfolgen?

Christian Riethmüller: „Natürlich ist es wichtig, möglichst viele Mitglieder im Verein zu haben. Aus diesen Beiträgen wird der e.V. finanziert. Mir schwebt zudem vor, den Breitensport auszubauen und die Infrastruktur zu verbessern. Dafür braucht man Geld. Ich glaube wir haben mit unserem großen Einzugsgebiet ein viel größeres Potential als 72.000 Mitglieder. Ich möchte aber, dass wir Mitglieder kriegen, die von sich aus kommen, weil sie stolz auf den Verein sind. Und nicht, weil wir so viel Werbung für den VfB machen.“

Thema Politik: Wie politisch darf/muss ein Verein in der heutigen Zeit sein?

Christian Riethmüller: „Ein Präsident darf aus meiner Sicht als Privatperson parteipolitisch sein, der Verein sollte es nicht sein. Der Verein muss sich aber gesellschaftspolitisch äußern - ein entscheidender Unterschied. Beispiel AfD: Die Privatperson Christian Riethmüller sagt ganz klar: Ich sehe die Partei extrem kritisch. Der Präsident und der Verein sollten sich so nicht zu einzelnen Parteien äußern. Aber der VfB muss gesellschaftspolitisch sagen: Wir sind zum Beispiel gegen Rassismus, gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung. Wir treten für die Demokratie ein. Damit nimmt man indirekt auch Stellung zu einzelnen Parteien.“

Muss ein Verein heutzutage mehr gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen?

Christian Riethmüller: „Die junge Generation sagt ganz klar Ja. Sie geht heute auf die Straße und kämpft gegen Rassismus und für mehr Klimaschutz. Davon können wir viel lernen. Wenn wir junge Menschen in den Verein einbinden, zum Beispiel indem wir zwei Positionen im Vereinsbeirat für unter 25-Jährige öffnen, werden wir diese Diskussion automatisch haben - und diese Diskussion halte ich für wichtig.“

Ist auch das Thema Klima- und Umweltschutz beim VfB zu lange vernachlässigt worden? Kommt auch das auf Ihre Agenda?

Christian Riethmüller: „Ja selbstverständlich, das ist ein sehr wichtiges Thema.“

Thema zweiter Investor: Was muss der neue Geldgeber mitbringen bzw. was geht überhaupt nicht?

Christian Riethmüller: „Zunächst einmal dürfen wir da nichts übers Knie brechen. Der Investor muss einen Mehrwert bringen, zu unseren Werten passen und von den Mitgliedern akzeptiert werden. In den letzten Wochen habe ich mich schlaugemacht und zum möglicherweise im Raum stehenden Unternehmen habe ich eine klare Meinung.“

Wir reden vom internationalen Sportrechtevermarkter Lagardère Sports. Wie ist Ihre Meinung?

Christian Riethmüller: „Ich sehe das sehr kritisch.“

Warum?

Christian Riethmüller: „Wenn andere Vereine prozessieren oder die Zusammenarbeit beenden, dann sollte uns das zu denken geben.“

Wenn wir schon beim Thema Geld sind: Wie stehen Sie zur 50+1-Regel?

Christian Riethmüller: „Ich bin ein Verfechter der 50+1-Regel, weil ich es als sehr nachteilig empfinde, wenn jemand die Mehrheit an unserem Club übernimmt und dann frei entscheiden kann. Die Mehrheit der Anteile muss aus meiner Sicht beim e.V. bleiben.“

Zum Abschluss noch eine kleine Schnellfrage-Runde. Im Stadion: Steh- oder Sitzplatz?

Christian Rietmüller: „Mit meinen Kindern der Sitzplatz, weil die sonst nichts sehen. Aber generell bin ich da, wo die Stimmung am besten ist. In der Kurve.“

Emotionaler Schreihals oder stiller Bruddler?

Christian Riethmüller: „Nach dem Pokalspiel in Hamburg hatte ich zwei Wochen lang keine Stimme mehr. Also ganz klar der emotionale Schreihals.“

Persönliche VfB-Legende?

Christian Riethmüller: „Meine Helden kommen aus den verschiedenen Meistermannschaften: 1984 war es Karlheinz Förster, 1992 - weil ich selbst Torhüter war - Eike Immel und 2007 waren es Cacau und Mario Gomez.“

Erstes Spiel im Stadion?

Christian Riethmüller: „In der Meisersaison 1983/84 ein 7:0 gegen Nürnberg im Neckarstadion.“

Ihr persönliches Highlight-Spiel?

Christian Riethmüller: „Das 2:1 gegen Cottbus, als wir 2007 zu Hause die Meisterschaft geholt haben.“

Haben Sie ein Lieblingsfußballbuch?

Christian Riethmüller: „Ich lese gerne Biografien. Aktuell die von BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Ein sehr spannendes Buch.“

Die traditionelle „Sport-im-Dritten-Frage“: Spätzle oder Maultaschen?

Christian Riethmüller: „Viel Soße mit Spätzle“

Neuer Bierpartner für den VfB?

Christian Riethmüller: „Ganz klar ein regionaler Brauer!“

Sollte ich gewählt werden, dann feiere ich …

Christian Riethmülller: „Ich bin extrem abergläubisch und deshalb habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Das entscheide ich dann spontan.“


Anmerkung der Redaktion: Ein ausführliches Interview mit dem zweiten Präsidentschaftskandidaten Claus Vogt ist bereits am 14.11. erschienen.


Zur Person

  • Name: Christian Riethmüller
  • Geboren in: Tübingen
  • Geboren am: 19.11.1974
  • Wohnhaft in: Tübingen
  • VfB-Mitglied seit: 2004
  • Privates/Hobbies: Geschieden, zwei Töchter, Sportbegeistert und sportlich. Ich interessiere mich sehr für folgende Sportarten und übe diese auch aktiv selber aus: Fußball, Triathlon, Mountainbiking, Rennradfahren, Schwimmen, Laufen, Skilanglauf und Skifahren, Großes Interesse am Reisen, Wandern und Lesen sowie lebenslange Begeisterung für unseren VfB
  • Aktueller Beruf: Vorsitzender der Geschäftsführung der Buchhandlung Osiander
  • Werdegang: 1994 Abitur am Uhland-Gymnasium Tübingen, Schnitt 1,6; 1995-1998 Studium European Business Management an der FH Trier; 1999-2002 Bereichsleiter bei Aldi Süd, davon anderthalb Jahre in Birmingham, England; seit Juli 2002 Inhaber und GF bei der Buchhandlung Osiander mit den Schwerpunkten Expansion, Verkauf, Marketing, E-Commerce und Personal
  • Weitere Ehrenämter: Im Vorstand des Tübinger Handel- und Gewerbevereins 2004-2014, davon mehrere Jahre Vorsitzender Mitglied in der IHK-Vollversammlung Reutlingen/Tübingen; 2005-2010 Mitglied in den Arbeitskreisen Einzelhandel (seit Oktober 2015) und Lagerlogistik (seit Februar 2010) im IHK Handelsausschuss

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