Auftragsstudie

Conti war in NS-Zeit «Stützpfeiler der Kriegswirtschaft»

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Laut einer Studie hat der Vorläufer von Continental zur NS-Zeit Tausende Zwangsarbeiter ausgebeutet. Foto: Moritz Frankenberg/dpa © Moritz Frankenberg

Hannover (dpa) - KZ-Häftlinge, die Gummisohlen «testen» mussten, systematisch schikaniert und oft getötet wurden. Einsatz Tausender Zwangsarbeiter in kriegswichtigen Betrieben. Diskriminierung und Ausgrenzung jüdischer Kollegen.

Die Untersuchung des Historikers Paul Erker über Continentals Verstrickungen mit dem NS-Regime umfasst mehr als 800 Seiten, die es in sich haben. Und sie wirft ein Schlaglicht auf den schleichenden Wandel vom international vernetzten Unternehmen zum Teil der Ausbeutungsmaschinerie eines totalitären Systems.

«Eigentlich ist das für den Leser eine Zumutung», sagt der Forscher. Aber «die Komplexität der Transformation von Continental zu einem nationalsozialistischen Musterbetrieb nachzuzeichnen», sei nötig gewesen. Vorstandschef Elmar Degenhart bestätigt: «Die Lektüre war an vielen Stellen sehr bedrückend.» Was Erker über die Rolle des heutigen Dax-Konzerns in der Rüstungswirtschaft des Dritten Reichs herausfand, sei beklemmend. Ein Gebot, aus der Geschichte zu lernen.

Continental und auch später in den Konzern gekommene Firmen wie VDO, Teves, Semperit oder Phoenix dienten von 1933 bis 1945 zumindest in Teilen einem Zweck: der Zulieferung zentraler Bestandteile von Konsum- und Rüstungsgütern im Sinne der NS-Führung. Erker zeigt dies vor allem für die «strategischen Rohstoffe Kautschuk und Gummi».

Es ging um Reifen für Militärautos oder Schuhabsätze für Armeestiefel - aber auch Schläuche für Panzer-Bremssysteme oder Teile für Flugzeuge, Batteriekästen und Steuergeräte der V1-Waffe. Conti sei ein wichtiger Akteur in einer Branche gewesen, die «das eigentliche Rückgrat der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft» bildete.

Zur Herstellung und Erprobung etlicher Basisprodukte griff man auf Zwangsarbeiter und in den letzten Kriegsjahren auch auf Insassen von Konzentrationslagern zurück. Ein besonders makabres Beispiel, das Erker schildert, war die «Schuhprüfstrecke» im KZ Sachsenhausen: «Die jeweiligen Leiter waren für ihre Brutalität bekannt, und es gab zahlreiche Fälle vorsätzlicher Ermordung von dort eingesetzten Häftlingen.» Über Stunden ohne Pause, Dutzende Kilometer weit, häufig ohne Strümpfe und auch bei Frost drehten «Schuhläufer» ihre Runden, teils «unter Absingen deutscher Marschlieder». Es gab Prügel von SS-Leuten. «Und jede Runde kamen sie am Galgen des KZ-Lagers vorbei.»

Derlei Szenen sollen keine Einzelfälle gewesen sein. Laut Continental wurden manche der rund 10.000 Zwangsarbeiter «bis zu Entkräftung und Tod ausgebeutet und misshandelt». Man habe sie auch in der Fertigung von Gasmasken oder der Verlagerung der Produktion unter Tage eingesetzt. Erker recherchierte dazu auch im Conti-Firmenarchiv.

Was tat das Management? Es war laut Studie über weite Strecken «aktiv involviert». Es profitierte von der Aufrüstung - das ist eine der Hauptthesen in «Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit», anhand derer Erker auch Einzelschicksale schildert.

Viele Unternehmen wie VW, Daimler oder die Deutsche Bank haben ihre Geschichte in der Nazi-Diktatur schon aufarbeiten lassen, nun liegen auch im Fall Conti Daten vor - sowohl zu Beschäftigten, die Opfer von Rassismus und Antisemitismus wurden, als auch zu Kriegsgefangenen. Letztere mussten oft «eine regelrechte Odyssee» durch die Lager und Produktionsbetriebe überstehen. Manche überstanden es nicht.

Vor der Leitungsebene machte die «Deformation der Unternehmenskultur» ebenfalls nicht halt. Erst gab es auch noch Manager mit jüdischen Wurzeln. «Im Laufe der 30er Jahre hat sich das Unternehmen dann aber selbst arisiert», erklärt Erker. Aufsichtsratsmitglieder wurden in manchen Fällen sofort zum Rücktritt gedrängt. Als besonders nützlich erachtete Experten oder Prokuristen seien allerdings auch aus der Schusslinie genommen worden - während sich die Täter und Betreiber von Diffamierungskampagnen häufig nicht verantworten mussten.

Die 2015 beauftragte Durchleuchtung des «dunkelsten Kapitels unserer Unternehmensgeschichte» sei überfällig gewesen, meint Degenhart. «Die damaligen Entscheidungen waren durch nichts zu rechtfertigen», sagt er über die Zwangsarbeiter-Einsätze. «Aber es ist gleichzeitig eine Mahnung an alle Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, mit ihrer Verantwortung sehr sorgsam umzugehen.» Für Conti selbst bedeute das, Beschäftigte für die Vergangenheit zu sensibilisieren: «Wir halten es nicht für opportun, unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft auszuschließen. Rassismus ist unter keinen Umständen tolerierbar.»

Über einen zweistelligen Millionenbeitrag zur Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft habe Conti bereits mit dafür gesorgt, dass Zwangsarbeiter entschädigt werden. «Damit ist aber kein Schlussstrich gezogen», so Degenhart. «Wir möchten insbesondere Führungskräften vermitteln, welche Verantwortung wir aus der Historie heraus haben.»

Personalvorständin Ariane Reinhart betont die stärkere Verankerung von Werten: «Wir müssen sie laufend stärken und überprüfen.» Ein 2016 gestartetes Programm, das die Firmengeschichte Nachwuchskräften näherbringen soll, haben 450 Auszubildende in Hannover durchlaufen.

Eine Weiterführung unter dem Titel «Verantwortung und Zukunft» richtet sich nun an die ganze Belegschaft. «Es geht um die Frage: Wie hätte ich reagiert? Vom Meister an der Linie bis zum Topmanager.» Historiker Erker sieht auch einen aktuellen Bezug - angesichts eines gesellschaftlichen Klimas, in dem «falsches Wissen über die Entstehung und Funktionsweise des NS-Regimes verbreitet wird».

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