Wandel in Fußgängerzonen

Krisenzone Innenstadt: Immer mehr Läden machen dicht

Geschlossen
Ein leerer Geschäftsraum ist mit einem Eisengitter verriegelt. Viele Branchenkenner gehen davon aus, dass die Innenstädte in den nächsten Jahren ihr Gesicht dramatisch verändern werden. Foto: Christophe Gateau/dpa © Christophe Gateau

Düsseldorf (dpa) - Ausgeräumte Schaufenster und verrammelte Eingangstüren: In immer mehr deutschen Fußgängerzonen hinterlassen die Corona-Krise und der Siegeszug des Onlinehandels mittlerweile unübersehbare Spuren.

Doch das könnte erst der Anfang sein. Der Handelsverband Deutschland (HDE) befürchtet, dass bis zu 50.000 Geschäften in der aktuellen Krise das Aus drohen könnte. Und der Modehandel steht nach einer aktuellen Studie in den nächsten Jahren vor einem Aderlass, der die Innenstädte für immer verändern könnte.

Denn die Corona-Krise hat den schon seit Jahren bestehenden Trend zum Onlinehandel massiv beschleunigt. Schon 2030 werde die Hälfte der Mode in Deutschland online gekauft werden, prognostizieren die Unternehmensberatung KPMG und des Handelsforschungsinstituts EHI in ihrer Studie «Fashion 2030». Damit würde sich der Marktanteil der Onlinehändler verdoppeln. Mit dramatischen Folgen für die Innenstädte.

«Für den Handel bedeutet der Umsatzrückgang im stationären Bereich, dass er seine stationären Flächen reduzieren muss», prognostizierte EHI-Experte Marco Atzberger. Der Studie zufolge könnten sich die Handelsflächen im Textilbereich halbieren. Besonders hart werde es Kaufhäuser und mehrgeschossige Formate treffen. Der starke Flächenabbau des Handels werde auch für die Stadtentwicklung eine große Herausforderung sein, heißt es in der Untersuchung.

Tatsächlich häufen sich schon jetzt die Meldungen über Filialschließungen und Geschäftsaufgaben. Allein in dieser Woche wurde bekannt, dass die auf junge Mode spezialisierte Kette Pimkie fast die Hälfte ihrer Geschäfte dicht macht und der französische Textilhändler Promod gleich alle Geschäfte in der Bundesrepublik aufgibt.

Auch Deutschlands größte Parfümeriekette Douglas kündigte am Donnerstag an, fast jede siebte Filiale in der Bundesrepublik schließen zu wollen - insgesamt rund 60 der mehr als 430 Geschäfte. Grund sei die immer schnellere Verlagerung der Umsätze ins Internet, sagte Douglas-Chefin Tina Müller. Dabei gehört Douglas zu den Händlern, die den Sprung in den Onlinehandel bemerkenswert gut geschafft haben. Im vergangenen Jahr machte Douglas bereits mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Internet. In Deutschland liegt der Online-Anteil am Umsatz inzwischen bei 40 Prozent.

Längst noch nicht so weit ist Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof, der sich gerade erst einen Staatskredit von bis zu 460 Millionen Euro sicherte, um besser durch die Pandemie zu kommen. Bei dem Warenhauskonzern ist das Online-Geschäft bislang noch ein Stiefkind. Der Umsatzanteil des E-Commerce-Geschäfts lag zuletzt bei weniger als 5 Prozent, so dass der Online-Shop die aktuellen Verluste durch die Ladenschließungen kaum ausgleichen kann.

In der Branche sorgte die Genehmigung der Hilfen für den Warenhauskonzern für Erleichterung. «Wir halten es für richtig, dass ein Unternehmen, das so viel Bedeutung für unsere Innenstädte hat, jetzt unterstützt wird», sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Galeria Karstadt Kaufhof sei ein Frequenzbringer und wichtig auch für das Überleben anderer Händler an den Standorten.

Neben der Corona-Krise und dem Erfolg des Onlinehandels könnte den Modehändlern in den nächsten Jahren noch eine weitere Entwicklung zu schaffen machen. «Der Trend Secondhand-Kleidung zieht immer größere Kreise und hat das Potenzial, in den kommenden zehn Jahren einen Marktanteil von 20 Prozent auf sich zu vereinen», heißt es in der Studie von KPMG und EHI. Wesentliche Treiber seien die zunehmende Nachhaltigkeitsdebatte, die Digitalisierung des Secondhand-Handels und das Engagement der großen Online-Modeplattformen wie Zalando oder About You, die diesen Markt für sich entdeckt hätten.

Kein Wunder, dass viele Branchenkenner davon ausgehen, dass die Innenstädte in den nächsten Jahren ihr Gesicht dramatisch verändern werden. Wo heute noch Modehandel und Schmuckgeschäfte dominieren, könnte eine neue Vielfalt einziehen. HDE-Hauptgeschäftsführern Genth ist zwar sicher, dass der Einzelhandel in den Stadtzentren weiter eine große Rolle spielen wird. Doch sei angesichts des wachsenden Onlinehandels künftig ein neuer Mix nötig aus Einkaufen, Wohnen, Dienstleistungen, Gewerbe, Kultur, Freizeit und Bildung. Auch Senioren-Pflegeheime und Kindertagesstätten könnten künftig dort einen Platz finden. «Das Modell der Innenstadt hat noch lange nicht ausgedient - und der Handel wird definitiv ein wesentlicher Bestandteil davon sein, aber es wird anders aussehen», sagte Genth.

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