Preissteigerungen

Leichte Abschwächung der Inflation - Aber keine Trendwende

Inflation
Die hohe Inflation ist auch in Deutschland das beherrschende Thema. © Hendrik Schmidt

Wiesbaden (dpa) - Die Inflation in Deutschland hält sich trotz einer weiteren leichten Abschwächung hartnäckig über der Marke von sieben Prozent. Die Verbraucherpreise stiegen im Juli nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,5 Prozent.

Im Juni lag die Jahresteuerungsrate noch bei 7,6 Prozent und im Mai sogar bei 7,9 Prozent. Für Entlastung sorgten erneut der Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket. Hinzu kam der Wegfall der Ökostrom-Umlage zum 1. Juli. Auf eine Trendwende können Verbraucher Ökonomen zufolge vorerst aber nicht hoffen - im Gegenteil.

Preissprünge bei Energie infolge des Ukraine-Krieges und steigende Lebensmittelpreise heizen die Inflation in Europas größter Volkswirtschaft seit geraumer Zeit an. Im Juli verteuerte sich Energie um 35,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Nahrungsmittel kosteten 14,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie die Wiesbadener Behörde am Donnerstag mitteilte.

Höhere Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, weil sich diese für einen Euro weniger leisten können. Das birgt sozialen Sprengstoff. Hohe Inflationsraten treffen Studien zufolge einkommensschwache Haushalte überdurchschnittlich stark.

Die Bundesregierung versucht, die Menschen unter anderem mit dem Anfang Juni eingeführten 9-Euro-Ticket für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und der Senkung der Energiesteuer auf Sprit (Tankrabatt) zu entlasten. Zudem müssen Stromkunden seit 1. Juli die Förderung des Ökostroms nicht mehr über die Stromrechnung zahlen. Weitere Entlastungsmaßnahmen sind in der Diskussion.

Neue Teuerungen stehen bevor

Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich Ökonomen zufolge in den kommenden Monaten auf wieder anziehende Inflationsraten einstellen, auch weil 9-Euro-Ticket und Tankrabatt bis Ende August befristet sind. Nach Einschätzung von Commerzbank-Volkswirten wird die Inflationsrate im September einen Sprung nach oben machen, «sodass bis Jahresende eine 8 vor dem Komma stehen dürfte.»

Ähnlich sieht das Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Im Herbst würden außerdem viele Jahresverträge der Strom- und Gaslieferanten zu stark erhöhten Bezugspreisen erneuert. «Das wird zu einer neuen Inflationsspitze führen.»

Ab Herbst sollen Energieversorger über eine Umlage stark gestiegene Einkaufspreise wegen der Drosselung russischer Lieferungen zudem an alle Gasverbraucher weitergeben können. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rechnet damit, dass jährlich Kosten von mehreren Hundert Euro pro Haushalt auf die Verbraucher zukommen. Die endgültige Höhe der Gas-Umlage stehe noch nicht fest.

Hoffnung macht eine aktuelle Ifo-Umfrage, wonach immer weniger Unternehmen ihre Preise erhöhen wollen. «Die Preise dürften zwar weiter steigen, allerdings wird sich das Tempo verlangsamen. Damit hat die Inflation ihren Höhepunkt voraussichtlich erreicht und wird im Verlauf der zweiten Jahreshälfte allmählich zurückgehen», sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. In der Regel schlagen sich die Preiserwartungen der Unternehmen nach seinen Angaben mit ein paar Monaten Verzögerung in den Verbraucherpreisen nieder.

Gegenüber dem Vormonat stiegen die Verbraucherpreise im Juli um 0,9 Prozent.

Novum in der Geschichte der Bundesrepublik

Die hohe Inflation hat nach Angaben der GfK-Konsumforscher das Ausgabeverhalten der Menschen in Deutschland bereits spürbar verändert. Bei Gütern des täglichen Bedarfs wie Lebensmitteln oder Körperpflegeprodukten schnallen Verbraucherinnen und Verbraucher demnach den Gürtel enger. Bei Textilien werde gerne zu günstigeren Produkten gegriffen. Der Privatkonsum ist eine wichtige Stütze der deutschen Konjunktur.

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern gab es ähnlich hohe Werte im Winter 1973/1974. Damals stiegen die Ölpreise infolge der ersten Ölkrise stark.

Der für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) maßgebliche harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI lag in Deutschland im Juli um 8,5 Prozent über Vorjahresniveau. Europas Währungshüter hatten angesichts der Rekordinflation im Euroraum im Juli zum ersten Mal seit elf Jahren die Leitzinsen erhöht.