Branche

Rückversicherer erwarten Preisanstieg nach Flutkatastrophe

Flut im Ahrtal
Weitgehend zerstört präsentiert sich der Ortskern von Rech im Ahrtal drei Monate nach der Flutkatastrophe vom Juli. Foto: Boris Roessler/dpa © Boris Roessler

Baden-Baden/München/Hannover (dpa) - Die zwei großen deutschen Rückversicherer erwarten steigende Preise in ihrer Branche.

Sowohl die Munich Re als auch die Hannover Rück machten dafür am Montag die Flutkatastrophe des Sommers verantwortlich, die in Deutschland und mehreren Nachbarländern verheerende Schäden angerichtet hat. Ein weiterer Faktor ist nach Einschätzung beider Unternehmen der Anstieg der Inflationsrate. Sprunghaft gestiegene Preise für Baumaterial dürften auch den Wiederaufbau zerstörter Häuser in den Überschwemmungsgebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verteuern.

«Die steigenden Preise bei vielen Wirtschaftsgütern und die jüngsten Großschäden sprechen für spürbar steigende Rückversicherungsraten in Europa», sagte Munich-Re-Vorstandsmitglied Doris Höpke. Sie hält Prämienerhöhungen vor allem in Regionen für nötig, in denen Naturkatastrophen nun erstmals seit langer Zeit schwere Schäden angerichtet hätten.

Die Rückversicherungsbranche trifft sich üblicherweise im Oktober in Baden-Baden mit ihren Kunden - Erstversicherern wie Allianz und Axa. Dort sprechen beide Seiten über die Konditionen für das folgende Jahr. Wegen der Pandemie finden die Beratungen wie schon 2020 zum großen Teil online statt.

Spürbare Preiserhöhung

«Das Jahr 2021 wird nach den schrecklichen Unwetterkatastrophen im Juni und Juli eines der schadenträchtigsten Jahre im deutschen Markt werden», sagte der Chef der deutschen Hannover-Rück-Tochter E+S Rück, Michael Pickel. Nach den Schäden durch die Pandemie erforderten die jüngsten Unwetterschäden, die Niedrigzinsen und die steigenden Preise im Baugewerbe eine spürbare Erhöhung der Rückversicherungspreise.

Die Hannover Rück erwartet, dass die Flutkatastrophe im Juli allein in Deutschland versicherte Schäden von deutlich mehr als acht Milliarden Euro verursachte. Die Munich Re geht weiterhin von mindestens sieben Milliarden aus. Allerdings ist nur ein Bruchteil der tatsächlichen Schäden versichert. Die Munich Re schätzt die Gesamtschäden in Europa auf 46 Milliarden Euro, davon 33 Milliarden Euro in Deutschland.

Makler Aon zweifelt

Während die Rückversicherer auf deutliche Prämienerhöhungen pochen, meldet der Makler Aon Zweifel an. Äußerungen zu allgemeinen Preissteigerungen oder auch Preisreduktionen seien «unangemessen und weitreichend wertlos», sagte Aon-Deutschlandchef Jan-Oliver Thofern in einem Video-Statement. Denn Rückversicherung sei ein globales Geschäft. Und das Jahr 2021 gehöre trotz schweren Naturkatastrophen wie Tief «Bernd» in Europa sowie Hurrikan «Ida» und Wintersturm «Uri» in den USA weltweit gesehen nicht zu den Rekord-Schadenjahren.

Zudem sei das Kapital der Rückversicherungsbranche zur Jahresmitte auf ein Rekordniveau gestiegen, argumentiert Thofern. Daher dürfte eine steigende Nachfrage nach Rückversicherungsschutz nach seiner Einschätzung auf genügend Kapazität treffen.

Munich-Re-Managerin Höpke forderte unterdessen ein breiteres Risikobewusstsein in Politik und Bevölkerung: «Krisenmanagement darf nicht vernachlässigt werden, auch wenn es jahrelang keine solchen Katastrophen gegeben hat.» So müsse der Staat in schützende Infrastruktur investieren, um die Schäden durch künftige Katastrophen zu begrenzen und Menschenleben zu schützen. In anderen Ländern habe sich gezeigt, dass entsprechende Maßnahmen die Sachschäden und die Zahl der Todesopfer verringerten.

© dpa-infocom, dpa:211018-99-636286/6