Aktienmarkt

Rekordjäger Dax - Die Hoffnungen überwiegen

Dax
Beflügelt von guten Unternehmensbilanzen hat der Dax erstmals die Marke von 16 000 Punkten geknackt. Foto: Arne Dedert/dpa © Arne Dedert

Frankfurt/Main (dpa) - Delta-Variante, Lockdown-Befürchtungen, anziehende Inflation, ein gewöhnlich trister Börsenmonat August - und doch greifen die Anleger bei Aktien munter zu.

Zu groß scheint die Furcht, den Zug zu verpassen. Mit 16.030 Punkten notierte der Deutsche Aktienindex Dax am Freitag im Handelsverlauf so hoch wie nie zuvor. Es ist bereits die dritte Tausendermarke, die der Dax im Jahr 2021 geknackt hat. Fast 17 Prozent Kursplus stehen nun zu Buche, ähnlich viel wie für den wohl bekannten Aktienindex der Welt, den Dow Jones.

Positives Signal

Einige Investoren hätten sich in der Hoffnung auf günstigere Kaufkurse zuletzt zurückgehalten und stünden nun unter Zugzwang, erklärte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. So können Fondsmanager gegenüber ihren Kunden schnell in Erklärungsnot geraten, wenn sie nicht mit dem Markt Schritt halten. Andere sähen den Ausbruch des Dax auf Höchststände nach der Richtungssuche der vergangenen Wochen als grundsätzlich positives Signal. Daher stockten sie ihre Aktienpositionen weiter auf.

So war der Dax zuvor seit Anfang Juni unter dem Strich nicht vom Fleck gekommen. Zu groß waren die Sorgen angesichts der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus sowie hoher Inflationsraten. Umfangreiche Corona-Lockdowns und eine starke Teuerung könnten die globale Konjunkturerholung abwürgen, lautete die Befürchtung. Zumindest in den USA und vielen Ländern Europas gehen die Behörden mittlerweile aber entspannter mit der Corona-Situation um, selbst der Sommerurlaub scheint nicht in Gefahr.

Höhere Inflation wird hingenommen

Und auch die Inflation ist - zumindest derzeit - kaum noch ein Störfaktor in den Köpfen. Ihr Anstieg wird hingenommen. Dieser sei schließlich nur vorübergehend und den Verzerrungen dem Pandemiejahr 2020 geschuldet, so lautet zumindest die These der Notenbanken. Ob sich recht haben, werden die kommenden Monate zeigen.

Viele Unternehmen bekommen die anziehenden Preise schon seit einer Weile zu spüren, reichen sie aber so weit möglich an ihre Kunden weiter. Insgesamt liefen die Geschäfte zuletzt denn auch gut, wie eine Analyse der Berichtssaison zum zweiten Quartal durch die US-Bank JPMorgan zeigt: «Die Umsatzentwicklung in den USA und Europa ist robust.» Der Anteil von Unternehmen, die die Erwartungen übertroffen hätten, sei in beiden Regionen nach oben geschossen und habe in den USA den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt erreicht.

Warnung vor zuviel Euphorie

Allerdings hätten die Kurse vieler Aktien nur begrenzt auf die guten Geschäftsentwicklungen reagiert, erklärt JPMorgan-Experte Mislav Matejka. Zu einem ähnlichen Urteil kommt - trotz des jüngsten Dax-Rekords - der langjährige Marktbeobachter Hans Bernecker in seinem Börsenbrief «Die Actien-Börse»: «Die Superergebnisse aller Firmen werden glatt hingenommen, aber kaum honoriert.»

Bernecker warnt denn auch vor zu viel Euphorie. Das aktuelle Niveau der Aktienmärkte sei durchaus gerechtfertigt, viel größere Sprünge erschienen kurzfristig aber eher unwahrscheinlich. «Die Märkte stellen sich frühzeitig auf das Ende der ultraleichten Geldpolitik ein, gleichgültig, wann sie beginnt.» Daten der Bank of America zufolge scheinen gerade große Fondsmanager ihre Geldreserven eher hochzufahren und die Aktienquote in ihren Portfolios leicht zu senken.

Notenbanken deuten straffere Geldpolitik an

Die Notenbanken, allen voran die Federal Reserve (Fed) in den USA, versuchen die Märkte mit behutsamen Worten auf eine zumindest leichte Straffung der Geldpolitik vorzubereiten, die sie zuletzt wegen der Corona-Krise nochmals gelockert hatten.

Dass Samthandschuhe durchaus angebracht sind, zeigt ein Blick auf das Jahr 2018. Damals hatte Fed-Chef Jerome Powell eine Normalisierung der Geldpolitik ins Spiel gebracht. Die Börsenkurse waren daraufhin zum Jahresende hin stark gefallen.

Viel billiges Geld in den Märkten

Nach Ansicht von Fed-Kritikern wie dem Marktstrategen Albert Edwards von der französischen Bank Societe Generale befinden sich die Aktienmärkte schon lange in einer Abhängigkeit vom ultrabilligen Geld. «Die Zentralbanken sind Sklaven der von ihnen geschaffenen Blasen», schrieb Edwards erst jüngst in seiner viel beachteten Reihe «Global Strategy Weekly». Die Märkte - gemeint ist das Verhalten der Investoren - zwängen die Fed im Grunde, Straffungen der Geldpolitik rasch wieder zurückzunehmen.

So fließt - auch mangels Alternativen - seit Jahren viel billiges Geld in die Aktienmärkte. Falls steigende Zinsen den Geldfluss drosseln oder andere Anlagen wie Kontoguthaben attraktiver machen, dürften Investoren zumindest einen Teil ihrer Gelder vom Aktienmarkt abziehen. Geschieht dies in großem Umfang, können die Kurse auch stark abrutschen - mit Folgen auch für Konsum und die reale Wirtschaft.

Hans Bernecker ist da zuversichtlicher. Seiner Ansicht nach dürften sich Investoren auf eine Änderung der Geldpolitik einstellen. Daher drohe zwar ein unruhiger Herbst an der Börse - möglicherweise auch wegen wieder wachsender Sorgen infolge der Corona-Pandemie. Er rechnet aber nur mit einer «technischen Korrektur», also lediglich mit einem durchaus deutlicheren Rückschlag, aber keiner Umkehr des langfristig positiven Trends an den Aktienmärkten.

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