Autoindustrie

Verbale Ohrfeigen für VW-Chef Diess

Herbert Diess
Herbert Diess Diess verlangt schon länger eine höhere Rentabilität und Produktivität. Foto: Carsten Koall/dpa © Carsten Koall

Wolfsburg (dpa) - Ob nun förmliche Misstrauenserklärung oder nicht: Diese Sätze dürften gesessen haben. Für VW-Konzernchef Herbert Diess könnte es - nach all den Reibereien der letzten Jahre - eng werden.

Zumindest, wenn man Beobachtern aus dem Umfeld des innersten Machtzirkels bei dem Wolfsburger Autobauer Glauben schenkt. Und wenn man auch die öffentlichen Äußerungen eines der einflussreichsten Aufsichtsratsmitglieder, Betriebsratschefin Daniela Cavallo, als letzte Warnung deutet. Ausgesprochen vor Zehntausenden Beschäftigten.

«Wie Sie in den letzten Monaten aufgetreten sind, da frage ich mich wirklich, ob Ihnen diese Lage hier an unserem Standort eigentlich bewusst ist. Und wie das in der Belegschaft ankommt.» Der Vorwurf Cavallos an Diess: Letzteres interessiere ihn offenbar wenig, er spiele sogar mit den Ängsten der Beschäftigten. «Wenn Sie beim Wandel immer an erster Stelle über einen Arbeitsplatzabbau sprechen, ist das ziemlich traurig.» Dabei seien die von ihm angeheizten Spekulationen, bis zu 30.000 Jobs könnten in Gefahr geraten, «inhaltlicher Unfug».

Nicht um ruhigen Ton bemüht

Derart starken Tobak kannte man bisher nur von Cavallos Vorgänger Bernd Osterloh. Zwar ist VW kein Unternehmen wie andere, und im oft konfliktgeladenen Verhältnis zu den Kontrolleuren von IG Metall und Land Niedersachsen wird gern jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Dennoch ist auffallend, wie die sonst um einen ruhigen Ton bemühte Cavallo zur Betriebsversammlung am Donnerstag gegen Diess austeilte.

Ein Signal, dass der Bruch bevorsteht? Diess stand angeblich schon 2020 einmal kurz vorm Rauswurf, als er Aufsichtsräte illegaler Indiskretionen im Zusammenhang mit der eingeforderten vorzeitigen Vertragsverlängerung beschuldigt haben soll. Aber hinter den Kulissen heißt es, der Geduldsfaden einiger Kontrolleure sei erneut bis zum Zerreißen gespannt. Laut «Handelsblatt» wurde Diess in einer Gruppe führender Köpfe das Vertrauen entzogen. Ein Vermittlungsausschuss zu Fragen der Vorstandsbesetzung wird demnach vorbereitet - was einige Quellen dementieren, andere stützen. Jeder spielt bei VW sein Spiel.

So oder so ist die Botschaft für viele Werker: Wieder sind wir in den Negativschlagzeilen, und ein gewichtiger Grund ist das Verhalten des obersten Angestellten. Cavallo, die Diess' Neuvertrag gerade mittrug, bestätigt das Stimmungsbild. «Es gibt viele Rückmeldungen, dass ich die richtigen Worte getroffen habe», sagte sie nach der Versammlung. Zuvor war sie Diess angegangen: «Hier ist nicht ein Mensch zu viel an Bord. Nicht eine Stelle können Sie zusätzlich mit uns verhandeln!»

Diess hätte lieber Investoren getroffen

Für den so Gescholtenen war es von Anfang an nicht leicht, hatte er den Termin doch erst ausgeschlagen, weil er lieber Investoren in den USA treffen wollte - aus Betriebsratssicht der nächste Affront. Und das, wo wegen der Chipkrise Zehntausende monatelang kurzarbeiten müssen. Doch der Vorstand habe bei allem Mahnen zu mehr Produktivität und Rentabilität nicht einmal hier ein solides Konzept, so Cavallo: «Das, was wir bei den Halbleitern sehen, ist ein Armutszeugnis.»

Diess versprach, alles zu tun, damit Wolfsburg eine zentrale Einheit auch in der neuen Welt der elektrischen und digitalen Mobilität wird. Dabei sei es entscheidend, dass das E-Großprojekt Trinity ab 2026 gut anlaufe. «Gerade Wolfsburg ist wichtig für den Konzern, muss die Speerspitze sein», betonte er laut Redetext. Doch er verwies auch darauf, dass die Konkurrenz genau im Blick behalten werden müsse: «Der nächste Golf darf kein Tesla sein! Der nächste Golf darf nicht aus China kommen!» Und er räumte ein: «Wir müssen miteinander reden.»

Überhaupt Tesla. Der US-Elektropionier, der sich mit einer Fabrik vor den Toren Berlins breitmacht, wird ein starker Wettbewerber speziell für Wolfsburg. So weit, so klar. Diess ist jedoch überzeugt, dass das Ausmaß der Herausforderung vielen noch nicht klar ist. «Ich möchte, dass Ihre Kinder und Enkelkinder auch 2030 noch einen sicheren Job bei uns haben können», sagte er. «Die heute bestehenden Jobs werden innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahren sicher weniger.» Am Ende entschieden die Kunden, ob Volkswagen den Wandel schaffe.

Dringen auf Beschäftigungsgarantie

Die Einsicht in die Notwendigkeit des Umbruchs ist das eine, die Kommunikation darüber das andere. Cavallo unterstrich, es gebe schon etliche Begleitprogramme dafür - und die Beschäftigungsgarantie bis 2029 müsse Bestand haben. «Das einzige, was unsere Beschäftigten die letzten Wochen von Ihnen hören konnten, waren leichtfertige Spekulationen über Arbeitsplatzabbau», schimpfte sie. Die Menschen hätten «Angst um ihre Arbeit, ihre Familien, ihre Existenz».

Mindestens ein weiteres E-Modell vor Trinity fordert der Betriebsrat für das Hauptwerk. Womöglich könnten ergänzend Teile der Produktion der ID-Reihe nach Niedersachsen gezogen werden. Insgesamt fühlen sich Cavallo und die Gewerkschafter allerdings zu sehr im Vagen gelassen.

Gleichzeitig, so die Kritik, verwende der bereits beim Golf-8-Anlauf als wenig nahbar empfundene Diess viel Zeit auf allerlei PR-Aktionen - und obendrein gemeinsames Schaulaufen ausgerechnet mit dem Gründer von Tesla. Eine verfilmte Spritztour mit Elon Musk im ID.3 über den Flugplatz Braunschweig, Twitter-Debatten, Ratschläge des Multimilliardärs bei VW-Managertagungen. Solche Aktionen gehen immer mehr Beschäftigten auf den Wecker. «Was kommt als Nächstes? Empfehlen Sie vielleicht direkt den Kauf eines Teslas?», fragte Cavallo.

Diess hielt entgegen, bei der benötigten Zeit je Wagen liege Tesla klar vorn. Es gehe ihm um rechtzeitige Anpassung. «Der Zusammenhalt hier in den Hallen ist ein ganz besonderer in der VW-Familie», meinte er. «Damit das so bleibt, müssen wir jetzt gemeinsam umsteuern. Wir dürfen uns unsere Konzernzentrale nicht von Tesla kaputtmachen lassen!» Nötig daher: schnellere Produktionszeiten, mehr Effizienz.

Was der Chef konkret vorhat, blieb für einige der gut 50 000 Zuhörer jedenfalls weiter offen. «Nur heiße Luft und luftige Wortwolken», meinte einer. Als Niedersachsens Ministerpräsident und Co-Aufseher Stephan Weil (SPD) über die Bedeutung des Standorts sprach, brandete Applaus auf. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann mahnte: «Ein Trainer, der nicht mehr Zugang hat zur Mannschaft, der verliert auf dem Platz.»

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