Althütte Die digitale Bildungsrevolution

Martin Winterling, 20.10.2016 00:00 Uhr
„Das Wissen kommt aus der Wolke“, sagt Harald Grübele, Geschäftsführer der Firma Vimotion, über die digitale Lernwelt von morgen. Foto: Privat
„Das Wissen kommt aus der Wolke“, sagt Harald Grübele, Geschäftsführer der Firma Vimotion, über die digitale Lernwelt von morgen.Foto: Privat

Althütte. Die digitale Bildungsrevolution rollt. Während die Schulen hinterherhinken, ist die Revolution in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung längst im Gang und krempelt gewohnte Lernprozesse um. Eines der Epizentren der Bildungsrevolution ist ein Einfamilienhaus im beschaulichen Althütte.

Video: Die digitale Bildungsrevolution hat ihr Epizentrum in Althütte bei der Firma Vimotion.

Harald Grübeles Wohnhaus ist gleichzeitig sein Büro. Seine Firma Vimotion mit ihren 15 festen und 20 freien Mitarbeiter ist so virtuell wie der digitale Weiterbildungscampus, den Vimotion entwickelt. Der Campus ist eine zentrale Plattform, die den Austausch und die gemeinsame Nutzung digitaler Lerninhalte ermöglicht. „Jedes Medium hat ein Ende“, sagt Harald Grübele über die digitale Bildungsrevolution. „Die Schiefertafel wurde aufgegeben, die Papyrusrolle ist am Ende ...“ Und selbst die silbern glänzende DVD ist schon heute ein Medium von gestern. Sogar das gute, alte Buch hat seine Zeit erreicht, obwohl es viele Vorteile hat. Der User, wie neudeutsch der Benutzer von Medien genannt wird, kann Bücher orts-, zeit- und stromunabhängig nutzen. „Was drinsteht, ist unveränderbar“, nennt Grübele den Nachteil der Bücher. Die junge User-Generation holt sich ihr Wissen nicht mehr aus Büchern, sondern aus dem Internet, Stichwort: Wikipedia. Kommuniziert wird übers Smartphone.

Was ist eigentlich der digitale Weiterbildungscampus?

Der digitale Weiterbildungscampus, den Grübele mit seiner Firma Vimotion entwickelt hat, bietet die technischen Voraussetzungen, um „Wissen aus der Wolke zur Verfügung zu stellen“. Unter der Wolke, der Cloud, wird die Speicherung von Daten im Internet verstanden. Digitale Revolution bedeute: „Das Wissen kommt aus der Wolke.“ Grübele gibt zu, dass selbst er noch gar nicht abschätzen kann, wohin die Reise gehen wird. Es gebe lediglich Ansätze. So wie im Klassenzimmer, im Lehrsaal oder im Workshop Pädagogik, Methodik und Technik eine Einheit bilden, müssen diese in der digitalen Lernwelt zueinander passen.

Wie sieht digitales Lernen in den Schulen aus?

Die Methoden, die heute in Schulen angewandt werden, sind von gestern, befindet Grübele. „Wir schaffen es, dass Kinder nicht lernen können ...“ Voraussetzung fürs Lernen sei, das Interesse am und eine Begeisterung fürs Lernen zu wecken. Lebenslang. Die Berufwelt wird sich permanent ändern, sagt Grübele und fragt sich: „Lohnt es sich noch, ein Buch zu drucken?“ Seine Antwort ist: Nein. Die Inhalte seien schon morgen überholt. Heute einen Beruf zu lernen, heißt für ihn, „die Grundlagen des Lernens zu lernen“.

In den Schulen lernen heute wie zu Humboldts Zeiten alle Schüler das Gleiche auf die gleiche Art, kritisiert Grübele die Didaktik in den Schulen. Die einen verstünden nichts – und die anderen langweilen sich im Unterricht. „Digitale Individualisierung“ hieße, dass jeder Schüler auf seine Weise lernt. Lehrer würden deshalb keineswegs überflüssig, sondern könnten das tun, was sie am besten können: unterrichten. Und zwar individuell.

Jüngst hat Bundesforschungsministerin Johanna Wanka angekündigt, mit einem Milliardenprogramm die Digitalisierung in die Schule tragen zu wollen. Grübele hat so seine Zweifel, ob Lehrerinnen und Lehrer die Zeichen der Zeit erkannt haben. Die Beharrungskräfte in den Lehrerzimmern schätzt er als groß ein.

Grübele ist überzeugt, dass die digitale Bildungsrevolution zuletzt in den Schulen ankommt. Sie zeichne sich in Bereichen ab, in denen Wissen dezentralisiert zur Verfügung gestellt werden kann. Vor allem die Unternehmen nutzen bereits digitale Bildungsangebote, um ihre Mitarbeiter auf den Stand der Technik zu bringen. „Mitarbeiter müssen kontinuierlich aus der Arbeit und während der Arbeit lernen und so für ihre neuen Aufgaben befähigt werden.“

Gibt es Beispiele für weltumspannende Bildungsangebote?

Ein Beispiel für die digitale Bildungsrevolution gab auch die amerikanische Universität Stanford. Sie hat einen Onlinekurs über künstliche Intelligenz angeboten, an dem mehr als 160 000 Menschen über den ganzen Globus hinweg teilgenommen haben. Hintergedanke war, versteckte Talente ausfindig zu machen: „Wir wissen nicht, aus welchem Dorf der nächste Einstein kommt!“ Und tatsächlich schlossen 400 externe Absolventen besser ab als in Stanford eingeschriebene Studenten. Umgekehrt bietet sich für Lernende die Chance, sich seine Professoren auf der ganzen Welt zusammenzusuchen und sich im Studium nicht auf die einer Uni beschränken zu müssen.

Das Internet bietet schon heute zahllose Möglichkeiten, sich sein Wissen zusammenzupuzzeln. Bedienungsanleitungen, Tipps und Tricks für alle Herausforderungen im Haushalt oder im Beruf lassen sich auf Youtube oder in einschlägigen Foren finden. Die digitale Bildungsrevolution bedeutet auch Vernetzung. „Austausch lohnt sich!“, sagt Harald Grübele.

Werden wir vor dem Bildschirm unserer Computer vereinsamen?

Grübele hat keine Sorge, dass digital Lernenden an ihren Computern vereinsamen könnten. Der Weiterbildungscampus richtet sich ausdrücklich an die Volkshochschulen im Land, die hier ihre Angebote online zur Verfügung stellen. Warum sollte es an Schulen abends nicht weiterhin Kurse geben, bei denen sich die Menschen treffen? Der einzige Unterschied ist, dass der eine seinen Englischkurs macht, sein Nebensitzer sich für barocke Architektur interessiert und dessen Tischnachbarin Buchhaltung büffelt. Im Anschluss gehen sie gemeinsam Bier trinken.

Die Idee für den digitalen Weiterbildungscampus kam im Jahr 2008 auf. 2011 wurde mit der Umsetzung begonnen und seit 2015 nimmt der Campus Fahrt auf, sagt der Mathematiker Grübele. Die Diskussion um die „Industrie 4.0“ treibt die Digitalisierung des Lernens weiter voran. „Humboldt 4.0“ nennt Vimotion die digitale Bildungsrevolution: „Gut 200 Jahre, nachdem Wilhelm von Humboldt mit seiner Idee eines einheitlichen allgemeinen Schulsystems das Bildungssystem in Deutschland revolutioniert hat, stehen wir heute abermals vor einem gravierenden Umbruch in der Bildungslandschaft.“

Der digitale Weiterbildungscampus

„Vimotion hat in Kooperation mit dem Land Baden-Württemberg die Notwendigkeit der Anpassung der Weiterbildung an die Erfordernisse der digitalisierten Wirtschaft und Gesellschaft erkannt und mit dem Digitalen Weiterbildungscampus, der vom Land Baden-Württemberg gefördert wird, eine zentrale Weiterbildungsplattform mit hoher Funktionalität geschaffen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Vimotion. Vimotion bietet Unternehmen, die ihr innerbetriebliches Bildungswesen digital ausrichten möchten, eine zentrale Infrastruktur, die den Austausch und die gemeinsame Nutzung digitaler Lerninhalte ermöglicht.

Unterschiedlichste Anwendungen des Lernens und der Wissensdokumentation und -kommunikation werden unter einer gemeinsamen Oberfläche vereint. Hierzu gehören beispielsweise Virtual Classrooms, Open Meetings, Audio- und Videosequenzen, Simulationen und vieles andere mehr. Gleichzeitig ist die Nutzung der Plattform individualisierbar, das heißt, sie kann an die Corporate Identity des Unternehmens angepasst werden.

Mit dem Digitalen Weiterbildungscampus ist es Unternehmen möglich, E-Learning-Angebote zu entwickeln und diese unternehmensweit einzusetzen. So können den Mitarbeitern an allen Standorten einheitliche Lerninhalte vermittelt werden, ohne dass diese zum Beispiel für einen Seminarbesuch weite Reisewege auf sich nehmen und ihre tägliche Arbeit ruhen lassen müssen.

Der digitale Weiterbildungscampus bietet nicht nur eine verlässliche Infrastruktur für das betriebliche Lernen, sondern auch für das Wissensmanagement. Dabei wird das im Unternehmen vorhandene Wissen nicht nur gesammelt und dokumentiert, sondern strukturiert und geordnet, so dass es jederzeit problemlos wiederaufgefunden und gezielt dem Mitarbeiter zur Verfügung gestellt werden kann.

Der Campus richtet sich auch an kleine und mittlere Weiterungsbildungsträger, wie zum Beispiel Volkshochschulen. Sie können E-Learning-Angebote entwickeln und neue Zielgruppen und Adressatenkreise erschließen. Bildung wird zugänglich auch für Menschen, die nicht unmittelbar vor Ort leben.

          3
 
Kommentare (0)