Fellbach/Backnang Spuren der „Weisse Wölfe Terrorcrew“ im Kreis

Nils Graefe, 18.03.2016 00:00 Uhr
Die Tagesschau berichtet: „Im Juni 2012 rief die Weisse Wölfe Terrorcrew gemeinsam mit NPD und Kameradschaften zu einer Demonstration in Hamburg auf, zu der mehrere Hundert Neonazis aus ganz Deutschland kamen. Bereits in den Monaten zuvor gab es unangemeldete Aufmärsche.“ Foto: dpa
Die Tagesschau berichtet: „Im Juni 2012 rief die Weisse Wölfe Terrorcrew gemeinsam mit NPD und Kameradschaften zu einer Demonstration in Hamburg auf, zu der mehrere Hundert Neonazis aus ganz Deutschland kamen. Bereits in den Monaten zuvor gab es unangemeldete Aufmärsche.“Foto: dpa

Fellbach/Backnang. Die „Weisse Wölfe Terrorcrew“: Einen rechtsextremen Verein dieses Namens hat der Bundesinnenminister am Mittwoch verboten und bundesweite Razzien angeordnet. Durchsucht wurde auch die Wohnung des WWT-„Statthalters“ von Württemberg in Fellbach. Ansonsten war die WWT im Landkreis „nur“ bei einer Schlägerei in einer Gaststätte in Erscheinung getreten.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum Vereinsverbot

Gegen 5 Uhr morgens am 14. Dezember 2014 betrat rund ein Dutzend Rechtsextremisten eine Gaststätte in der Annonaystraße in Backnang. Alsbald begannen sie die Gäste, bei denen es sich vornehmlich um Ausländer handelte, und den Gastwirt zu belästigen. „Hier gibt es zu viele Ausländer“, und „da wollen wir mal Stunk machen“ – derlei Sätze fielen laut Polizeibericht. Nachdem die Unruhestifter der Gaststätte verwiesen wurden, kam es vor dem Lokal zu Drohgebärden und Beschimpfungen, wie: „Ihr gehört alle vergast.“

Kurz vor dem Eintreffen der Backnanger Polizei stiegen die Aggressoren in Taxis ein und fuhren weg. Im Zuge der Fahndung durch insgesamt neun Streifen aus dem Bereich des Polizeipräsidiums Aalen und des Kriminaldauerdienstes Schwäbisch Gmünd konnten 13 Verdächtige ermittelt und teilweise angetroffen werden. Sie kamen überwiegend nicht aus dem Rems-Murr-Kreis und nächtigten in einer Gaststätte in der Nähe von Backnang. Der Staatsschutz der Waiblinger Kripo hatte damals die weiteren Ermittlungen übernommen. Bald wurde klar: Die Unruhestifter waren dem Dunstkreis der „Weisse Wölfe Terrorcrew“ zuzurechnen.

Die Ermittler beschlagnahmen auch Waffen

Und genau hier verlor sich schon die öffentlichkeitswirksame Spur der WWT im Rems-Murr-Kreis. Bis zum vergangenen Mittwoch, 16. März 2016. Spezialkommandos der Polizei machen bundesweit Razzien in 15 Häusern und Wohnungen – darunter ein Objekt in Fellbach und eines in Bingen – von 16 Mitgliedern und Sympathisanten der WWT, ein eingetragener Verein bis dahin übrigens, dessen Verbot Innenminister Thomas de Maizière am selben Tag ebenfalls verkündet: „In den Morgenstunden wurden in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen Durchsuchungs- und Beschlagnahmemaßnahmen gegen führende Mitglieder der WWT durchgeführt.“ Beschlagnahmt wurden neben Datenträgern, Vereinsbekleidung Propagandamaterial auch Waffen. Der WWT wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.

Der Verein sei „eine Vereinigung von Neonazis, die offen und aggressiv Hetze betreiben gegen unseren Staat, gegen unsere Gesellschaft, gegen politisch Andersdenkende, gegen Migranten, auch gegen Polizeibeamte.“ Die WWT bekenne sich offen zum Nationalsozialismus und wolle eine Diktatur nach diesem Vorbild errichten und dieses Ziel solle mit allen Mitteln durchgesetzt werden, so de Maizière.

Der harte Kern der Gruppierung umfasst 25 Personen

Der Verein sei in zehn Bundesländern vertreten aufgeteilt nach sogenannten Sektionen. Die Sektionen würden von sogenannten Statthaltern geleitet. „Die Mitglieder sind vernetzt in der rechtsextremistischen Szene und gut etabliert. Der harte Kern umfasst etwa 25 Personen.“ Die Ober-Rädelsführer seien in Hamburg aktiv.

In der Beantwortung einer Kleinen Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion vom 23. März 2015 tauchen neben mehrfachen Straftaten der WWT von 2008 bis 2014 im Raum Hamburg und in Niedersachsen, wie Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, gefährliche Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, auch die strafrechtlichen Verstöße des Vorfalls vom 14. Dezember 2014 in Backnang auf: Volksverhetzung, Sachbeschädigung, Beleidigung, Verstoß gegen das Waffengesetz. Die Kleine Anfrage offenbarte auch allgemeine personell enge Beziehungen der WWT in rechtsextreme Gruppierungen wie „Werwolf-Kommando“ und das „Blood&Honour“-Netzwerk hinein. Gerade Letzteres hat seit Jahren Verbindungen in den Rems-Murr-Kreis hinein.

Die Weisse Wölfe Terrorcrew (WWT) gibt es offenbar seit 2008. Zunächst handelte es sich wohl um eine Fangruppe der nordrhein-westfälischen Skinheadband „Weisse Wölfe“, die seit 1996 neonazistsiche Musik macht. Erstmals „politisch“ in Erscheinung trat die WWT im Juni 2012, als sie mit NPD und Kameradschaften zu einer Neonazi-Demo in Hamburg aufrief.

Dossier: Rechtsextremismus im Rems-Murr-Kreis

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Kommentare (10)
J.M. • vor 3 Monaten
Terroristen sind auch Erdenbürger. Wie jeder von uns. Sie kommen nicht aus dem All, nicht aus der Konservendose und nicht aus dem luftleeren Raum. Deshalb haben sie ihre Bezugspunkte auch UNTER UNS. Die RAF-Terroristen Adelheid Schulz und Christian Klar hatten sie nach Nagold. Willy-Peter Stoll nach Stuttgart, Mohammed Atta und Said Bahaji nach HH-Harburg in die Marienstraße 45, der B & H, NSU und WWT jetzt halt unter anderem in den Rems-Murr-Kreis. Relativieren und verharmlosen wollte ich gar nichts.
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Nein J.M. • vor 3 Monaten
Okay, aber wieso dann der irritierende Hinweis auf die Six-Pack-Theorie? Als ob die Verbindungen in den Rems-Murr-Kreis nichts zur Sache täten?
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J.M. Nein • vor 3 Monaten
Der Hinweis ist nicht irritierend. Das ist eine wissenschaftliche fundierte Theorie als Basis. Die Welt ist so verknüpft da steckt die Heimatregion irgendwie immer mit drin. Auch früher schon. Das RAF-Ehepaar Angelika und Volker Speitel ( u.a. Schleyer-Entführung ) waren aus Stuttgart. Das RAF- Ehepaar Mayer ( evtl. Herrhausen-Anschlag ) lebte eine Zeitlang in Fellbach, Joschka Fischer lebte als Kind in Oeffingen, vor ein paar Wochen wurde ein Mann vom IS-Umfeld in Backnang verhaftet, ein Kriegsverbrecher aus Ruanda lebte jahrelang unbehelligt in Mannheim, die bekannte Schauspielerin Thekla-Carola Wied ist mit dem EX-OB von Backnang verheiratet und lebte dort, die Schlagersängerin Andrea Berg hat auch eine Spur in unseren Kreis. Sie lebt im Sonnenhof in Großaspach, in Winnenden ereignete sich ein Amoklauf der diese Kleinstadt weltweit in die Zeitungen brachte sogar bis ins medienzensierte Kuba, der Torwart Sven Ulreich war jahrelang wohnhaft in meiner Nachbarschaft Usw.usf. So ließen sich noch zig Beispiele finden die aufzeigen das wir nicht isoliert auf Inseln leben. Sondern in zigtausendfachen Wechselbeziehungen. Das darunter sich auch Terroristen bewegen kann schon von der mathematischen Wahrscheinlichkeit her nicht ausgeschlossen und vermieden werden.
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Jürgen Moosmann Nein • vor 2 Monaten
Lieber Nein, ich schrob auf meiner Schreibmaschine ( wie Helge Schneider zu sagen pflegt ) hier eine ellenlange Antwort. Bis jetzt wurde diese nicht eingestellt. Viell. ginge es einigen Menschen besser wenn die Spuren nicht in den R-M-Kreis sondern bspw. in den Kreis GP, LB, AA oder ES deuten würden. Wobei dies an der Sache und Tragweite ja gar nichts ändern würde. Das ist ja das Bemerkenswerte.
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J.M. • vor 3 Monaten
Bei 7 Milliarden Menschen auf der Welt gibt es so viele zwischenmenschliche Verknüpfungen und Verflechtungen, dass eine Spur immer irgendwie in unseren Landkreis führt. Das war auch beim NSU- Thema so. Und ist bei jedem großen Flugzeugabsturz so. Das ist mathematisch erwiesen und konstruierbar. Und auch gar nicht zu ändern. Six-Pack-Theorie heißt dies in der Soziologie.
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van Hier J.M. • vor 3 Monaten
Stimmt absolut. Jeder kennt jeden über ein paar wenige Ecken: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/facebook-jeder-kennt-jeden-ueber-3-5-ecken-a-1075794.html --- Somit sind wir alle sozusagen mit Frau Merkel, Frau Petry, einem Rotlicht-Boss aus Hamburg oder einem Mitglied der Hells Angels verknüpft. "Ich habe einen Kumpel, der hat eine Freundin, deren Schwester kennt........ und bei allen stehe ich auch im Adressbuch." :-O
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Nein van Hier • vor 3 Monaten
Seltsame, verharmlosende Diskussion. Natürlich sind wir alle irgendwie über ein paar Ecken verwandt. Aber darum geht es doch gar nicht in dem Text und den verlinkten Beiträgen. Sondern darum, dass es Rechtsextreme aus dem Kreis gibt, die DIREKTE Verbindungen zu Rechtsterroristen (ob NSU oder WWTC) haben bzw. gehabt haben.
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Peter Steffens van Hier • vor 3 Monaten
Stimmt absolut, ist hier aber nicht korrekt. Die Blood&Honour-Verquickungen bis in den Rems-Murr-Kreis sind robust und kein Zufall. Dass Ian Stuart zuletzt im Stuttgarter Raum gelebt hat vor seinem tödlichen Unfall, und dass ein Konzert von ihm im Kaff Waiblingen stattgefunden hat, sicherlich auch kein Zufall. Um nur einen der zahlreichen sicherlichen "Nicht-Zufälle" zu nennen. Seltsam, warum sich immer wieder Menschen dagegen sträuben, zuzugeben, dass der Rems-Murr-Kreis in der rechtsradikalen Szene eine Rolle spielt. Lesen Sie doch mal die Beiträge des Dossiers oben, vor allem den vom 21.Dezember 2011. Es herrschen nicht Verbindungen "nur" über Ecken, sondern direkte.
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van Hier Peter Steffens • vor 3 Monaten
Ich bitte um Entschuldigung. Es war nicht meine Absicht, das zu verharmlosen. Es sollte nur zeigen, wie schnell man selber Mittelpunkt in den Ermittlungen sein kann. Der Rems-Murr-Kreis ist ein Kreis wie jeder andere auch und wie gesagt, keine Insel der Glückseligen. Deswegen ist die Arbeit der Ermittler auch zu loben. Extremismus und Gewalt gehören nirgends hin.
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Peter Steffens van Hier • vor 3 Monaten
Lieber van Hier, Ihre Entschuldigung ehrt Sie, diese wäre aber garnicht nötig gewesen:) Alles gut...
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