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Korb Racheakt am Korber Seeplatz

Am Seeplatz ist im vergangenen Sommer ein Asylbewerber mit Schlagstöcken aus Metall verprügelt worden. Symbolbild. Foto: Bernhardt / ZVW

Korb. Vor neun Monaten sind ein damals 20 Jahre alter Wendlinger und sein 15-jähriger Neffe am Seeplatz mit Schlagstöcken auf einen Asylbewerber losgegangen. Sie warfen ihm vor, zwei Frauen aus ihrem Umfeld mit einem Messer bedroht und verletzt zu haben. Nun wurden sie am Waiblinger Amtsgericht von Richterin Bayer-Debak zu Arbeitsstunden verurteilt.

Es ist kurz vor 22 Uhr am 10. Juli 2016. Das EM-Finale flimmert im Eiscafé am Seeplatz über die Bildschirme. An der Bushaltestelle steht ein Auto, ein junger Mann gestikuliert, er diskutiert mit den Insassen. Dann sprintet er auf einen dunkelhaarigen Mann zu, gefolgt von seinem jüngeren Begleiter. Der Mann bemerkt sie, rennt ebenfalls los. An den Müllcontainern zwischen zwei Häusern erwischen sie ihn, zücken Schlagstöcke aus Metall. Bis sie von ihm getrennt werden können, sind schon einige Schläge gefallen, Prellungen und Schürfwunden an der linken Körperseite, den Armen, den Ellbogen und der Hüfte entstanden. Der Geschlagene nutzt die Gelegenheit und versteckt sich. Als die Polizei den Seeplatz erreicht, sind die beiden Täter bereits geflohen.

Ungefähr so muss sich die schwere Körperverletzung zugetragen haben, die der damals 20-jährige Justus M. und sein 15-jähriger Neffe Alim K. (Namen von der Redaktion geändert) im vergangenen Sommer einem Asylbewerber zugefügt haben. „Sie haben ihn verfolgt, in die Ecke gedrängt, eingekesselt“, sagt Richterin Bayer-Debak.

Die Attacke hatte Vorgeschichte

Für die Tat wurden die beiden nun vom Amtsgericht Waiblingen nach Jugendstrafrecht zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt: der gehörlose Justus M. zu 50 Stunden an einer geeigneten Arbeitsstelle, Alim K. zu 80 Stunden. Diese Strafe sei für beide etwa gleichwertig, erklärt die Richterin.

Die Attacke hatte eine Vorgeschichte. Die Angeklagten warfen ihrem Opfer vor, am Stuttgarter Hauptbahnhof bei einem Streit mit einem Messer auf die schwangere Frau von Justus M. losgegangen zu sein und eine Freundin in die Hand geschnitten zu haben. Die Polizeifahndung blieb damals erfolglos.

Als die beiden jungen Männer für das Fußballspiel zur Eisdiele kamen, habe Justus M. in dem Mann den Angreifer aus Stuttgart erkannt. Alim K. rief die Polizei. Er selbst kannte den Mittdreißiger bereits vom Seeplatz. Dort sei er ihm häufiger unangenehm aufgefallen, sagte er in der Verhandlung. Er habe auch damit gerechnet, ihn beim EM-Finale dort anzutreffen. Die Beamten kamen, nahmen die Personalien des Asylbewerbers auf und gingen. Justus M. sei in der Zwischenzeit immer wütender geworden, berichtete er selbst: „Ich wollte es ihm heimzahlen.“ Als Verwandte – darunter seine Frau – vorbeifuhren, hielten sie an und versuchten, ihn zu beruhigen. Ohne Erfolg: Er rannte los, sein Neffe kam mit. Der Rest ist Geschichte.

Justus M.: „Ich wollte es ihm heimzahlen“

Ob der Asylbewerber tatsächlich an dem Vorfall in Stuttgart beteiligt war, blieb in der Verhandlung unklar. Er wollte die beiden jungen Männer nicht kennen, erkannte sie auch nicht als seine Angreifer wieder. Ein Unschuldslamm ist er mit Sicherheit nicht, denn für die Verhandlung wurde er von einer Justizvollzugsanstalt nach Waiblingen gebracht. Aber auch seine Verletzungen sind unbestritten: Er hatte langanhaltende Schmerzen. Eine Narbe an der Hüfte zeugt noch heute von der Attacke. Warum die beiden jungen Männer überhaupt Schlagstöcke dabei hatten, blieb ebenso unklar. Alim K. sagte, er habe lediglich nicht gewollt, dass seine Mutter zu Hause die Stöcke sieht. Dabei dürfte er in seinem Alter einen solchen Gegenstand noch nicht einmal besitzen. Er behauptete außerdem, selbst nicht zugeschlagen zu haben. Ob das stimmt oder nicht, war für das Urteil unerheblich: Es reicht, dass er an dem Angriff beteiligt war, sagt Bayer-Debak.

 

Gefährliche Wekzeuge:

Eine Körperverletzung wird unter anderem dann als schwer eingestuft, wenn gefährliche Werkzeuge eingesetzt werden.

Ein gefährliches Werkzeug kann im Prinzip alles sein, erklärt Richterin Bayer-Debak auf Nachfrage: eine Schere, eine Krawatte, ein Holzscheit. Entscheidend ist, wie der Gegenstand eingesetzt wird. Die beiden jungen Männer haben Schlagstöcke aus Metall benutzt. „Das ist ein gefährliches Werkzeug in der oberen Klasse“, sagt die Richterin.

Menschen ab 18 Jahren dürfen Schlagstöcke besitzen, sie dürfen sie aber nicht in die Öffentlichkeit mitnehmen. Der Besitz von Teleskop-Schlagstöcken wiederum ist laut Polizei generell verboten und wird rechtlich als Straftat geahndet.

Das Strafgesetzbuch sieht für Erwachsene bei gefährlicher Körperverletzung, ob mit oder ohne Waffe, eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. In minder schweren Fällen sind es drei Monate bis zu fünf Jahren.

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