Rundschlag Aristoteles und die NPD

Peter Schwarz, 03.11.2015 00:00 Uhr

Ein Zitat macht Furore: „Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft“ – das stamme von Aristoteles. Man liest das jetzt immer öfters. Auf der Internetseite Politically Incorrect, wo Flüchtlinge als „Invasoren“ bezeichnet werden. Auf www.deutschelobby.com. Auf der Facebook-Seite des NPD-Landesverbandes Bayern. Das Zitat nebst dem Urheber-Namen Aristoteles wurde sogar schon in Riesenlettern auf einem Transparent Gassi geführt, bei einer Demo von Dügida („Düsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandes“) – wenn auch dort mit einem jecken Komma hinter dem Wort Toleranz, was den Schluss zulässt, dass die, hüstel, rechts-rheinischen Aristoteliker die Zeichensetzung mit karnevalesker Lässigkeit handhaben.

Unsereins weiß da nichts mehr zu erwidern. Sicher, der Spruch klingt vorderhand doch eher wie einer braunen Bratzbirne entfleuchter Dumpfstuss; aber wer wären wir, dem größten Geist der Antike zu widersprechen?

Auffällig ist nur: Wer auch immer das Zitat aufgreift – kein Einziger weist aus, in welchem Werk er das gelesen hat. Keine Seitenangabe. Kein Quellennachweis. Nichts. Nirgendwo. Immer bloß: „Aristoteles“. Irgendwas ist da faul. Deshalb: Fragen wir Otfried Höffe.

Ohne die altphilologische Kompetenz von Dügida oder NPD in Frage stellen zu wollen: Höffe kennt sich mit Aristoteles besser aus als jeder uns bekannte Blockwart oder Sturmbannführer – der emeritierte Professor an der Uni Tübingen ist Autor und Herausgeber der Bücher „Praktische Philosophie, das Modell des Aristoteles“, „Aristoteles-Lexikon“, „Aristoteles: Die Hauptwerke – ein Lesebuch“ und „Aristoteles. Leben – Werk – Wirkung“. Mail-Anfrage: Herr Höffe, hat Aristoteles das echt geschrieben? Antwort:

Lieber Herr Schwarz, „Toleranz“ ist kein griechischer Ausdruck, schon deshalb Aristoteles fremd. Auch in der Sache ist er nicht aristotelisch. Im Übrigen pflegen polytheistische Religionen wie die der Griechen genau wegen ihres Polytheismus Toleranz. Der Ausdruck „Toleranz“ entstammt wohl der frühchristlichen Latinität, z. B. bei Augustinus zu finden und dort positiv bewertet (vgl. Artikel Toleranz in dem von mir herausgegebenen „Lexikon der Ethik“).

Aristoteles also nicht. Wer aber dann?

Wer etwas länger im Internet stöbert, findet diesen Satz von D. James Kennedy: „Tolerance is the last virtue of a depraved society.“1 Auf Deutsch: Toleranz ist die letzte Tugend einer verkommenen Gesellschaft. Kennedy war ein evangelikal-fundamentalistischer Prediger, der Anti-Diskriminierungsgesetze für Schwule und Lesben genauso ablehnte wie die Evolutionstheorie – „just“, „prudent“ und „noble“, also „gerecht“, „klug“ und „nobel“ fand er hingegen den Irak-Krieg.2

Aber Moment: „Tolerance is the last virtue of a depraved society“ – das schreibt auch der große Hutton Gibson!3 Und zwar ohne Quellenangabe und Gänsefüßchen, ganz, als sei’s ihm grade eben selber eingefallen! Der Mann ist Katholik – aber einer, dem der Vatikan schon seit 50 Jahren viel zu fortschrittlich ist: Gibson bezeichnete das zweite vatikanische Konzil als von den Juden unterstützte Freimaurer-Verschwörung, den Holocaust als „mostly fictional“ (weitgehend erfunden) und Papst Benedikt Ratzinger als schwul (Randnotiz für Filmfreunde: Hutton ist der Vater von Mel „Die Juden sind verantwortlich für alle Kriege der Welt“ Gibson).

So. Von wem die NPD abschreibt, ahnen wir nun. Ob aber Hutton Gibson bei D. James Kennedy geklaut hat oder D. James Kennedy bei Hutton Gibson, das weiß nicht mal Otfried Höffe.

1 „The New Tolerance“, 2007, nachzulesen auf www.christianpost.com.

2 Der sogenannte „Land Letter“, offener Brief an den „ehrenwerten George W. Bush“, 2002, nachzulesen auf https://erlc.com.

3 Im Text „Enough?“ auf http://huttongibson.com, undatiert.

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