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Schorndorf Four Steps: Das Ende von Haus 99

Das war’s für Haus 99: Der traditionsreiche Schorndorfer Standort der Suchthilfe-Einrichtung Four Steps ist geschlossen. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf. „Haus 99“ war in Fachkreisen eine Legende: Jahrzehntelang setzte „Four Steps“ in einer schmucken Ziegelvilla in der Schorndorfer Straße 99 in Weiler bundesweit Maßstäbe für eine erfolgreiche Suchthilfe. Vergangene Woche aber wurde der Schlüssel herumgedreht – der vorläufige Tiefpunkt in einer dramatischen Verfallsgeschichte.

Das Gerücht gärte schon seit längerem, die offizielle Bestätigung folgte am gestrigen Montag, auf telefonische Zeitungsanfrage hin, in kargen Worten: Der Verein für Jugendhilfe, Träger der hoch renommierten Suchthilfe-Einrichtung Four Steps, hat Haus 99 am 2. Januar „vorübergehend schließen müssen“, erklärt die Vereinsvorsitzende Maria Stahl. Die Zahl der Patienten sei „unter die kritische Marke gefallen“, es waren „zum Schluss noch neun da“ statt, bei Vollbelegung, 26.

Damit ist zu einem bedrückenden Ende gekommen, was sich bereits im August anbahnte. Seinerzeit beschloss die Deutsche Rentenversicherung, vorerst keine Patienten mehr an die Four-Steps-Standorte Schorndorf-Weiler und Lorch-Waldhausen zu überweisen, wegen baulicher und organisatorischer Mängel. Folge: Im Oktober musste Waldhausen dichtmachen, nun ist auch Haus 99 zu. Die letzten Klienten wurden verlegt, „jedem Mitarbeiter wurde ein Platz angeboten“ in einer anderen Einrichtung des Vereins, erklärt Stahl. „Wie gesagt“, die Schließung sei „vorübergehend“.

Ein bisschen klingt das allerdings nach Pfeifen im Wald. Four Steps, einst ein Laboratorium innovativer Therapiekonzepte und für viele Patienten das rettende Tor in ein cleanes Leben, ist momentan eine Trümmerstätte. Wie konnte es zu diesem nahezu beispiellosen Niedergang einer einstigen Vorzeige-Institution kommen?

Eine Chronik des fortlaufenden Scheiterns

Erstens: Die Rahmenbedingungen für Suchthilfekliniken sind objektiv schwierig. Die Pflegesätze wurden zwar mit den Jahren ab und zu erhöht – aber damit ließen sich die tarifbedingten Personalkostensteigerungen bei weitem nicht einfangen.

Zweitens: Der Verein hat es über mehrere Jahre hinweg nicht geschafft, ein Schlüsselproblem zu lösen – die Standortfrage. Denn dass die Häuser in Waldhausen und Weiler keine Zukunft haben, ist schon lange klar: Sie erfüllen nicht die Strukturanforderungen der Deutschen Rentenversicherung (zum Beispiel Einzelzimmer mit Nasszelle für jeden Patienten). Der ehemalige Four-Steps-Leiter Rainer Baudis warb deshalb bereits 2013, bevor er in Ruhestand ging, für einen Umzug ins Gebäude des ehemaligen Plochinger Krankenhauses. Der Vereinsvorstand um Maria Stahl und Verwaltungsratschef Folkart Schweizer verwarf das Konzept rundweg, es sei unwirtschaftlich – die Suche nach einem Plan B aber geriet zur Chronik des fortlaufenden Scheiterns. Zunächst wollte der Verein in Schorndorf die Villa abreißen und einen Neubau hochziehen. Die Stadt hätte gegen ein Erweiterungsgebäude nichts gehabt, bestand aber darauf, dass daneben der schmucke Altbau erhalten bleiben müsse. Das wiederum lehnte der Verein als zu teuer ab und wollte nun in Weissach im Tal bauen. Allein, auch dort gelang keine Einigung mit der Gemeinde. „Gerade im Moment“, sagt Maria Stahl, „sind wir an zwei Standorten dran“, einer liege im „Rems-Murr-Randgebiet“, der andere in einem Nachbarlandkreis.

Drittens: Nach dem Abgang von Baudis scheint Four Steps auch konzeptionell schwer ins Trudeln geraten zu sein. Zumindest beklagen mehrere altgediente Mitarbeiter, es habe keine therapeutische Linie mehr gegeben, nur noch ein Durchwursteln mit ausgedünnter Personaldecke. Kurz- und Mittelzeit-Therapie, früher aus fachlichen Gründen getrennt, seien zusammengelegt, individuelle Hilfsangebote wie Raucherentwöhnung, Kompetenztraining oder Praktika zur Wiedereingliederung gestrichen worden. Inhaltliche Debatten über Chancen und Ziele der Suchthilfe fänden im Verein nicht mehr statt, es gehe nur noch um Betriebswirtschaft und Rentabilität.

Viertens: Die Vereinsspitze – die Vorsitzende Stahl und Verwaltungsratsboss Schweizer – scheint nicht mit diplomatischem Geschick gesegnet. In der Belegschaft kursieren Geschichten über Kollegen, die nach 30 Jahren in Ruhestand gingen und zur Verabschiedung keinen Händedruck des Vorstands und noch nicht einmal eine E-Mail erhalten hätten. Lokalpolitiker und Rathausleute aus Schorndorf wie Weissach störten sich am schroffen und fordernden Verhandlungsstil der Gegenseite: Deren „Umgangston“ sei „nicht sehr vorbildlich“ gewesen, „so geht man nicht mit einem Gemeinderat und einer Stadtverwaltung um.“

Und nun?

Angenommen, der Verein findet einen neuen Standort – die Zukunft von Four Steps wäre immer noch ungewiss: Bis das neue Gebäude bezugsfertig wäre, würde wohl ein Jahr vergehen. Danach müsste man quasi bei null anfangen: neues Personal finden; neue Konzepte entwickeln; vor allem aber: neues Vertrauen aufbauen.

Denn in den vergangenen Monaten hat Four Steps viel Kredit verspielt. Szenekenner raunen: Die „Resonanz in Fachkreisen“ auf den Krisenkurs sei „schauerlich“. Auf das Wohlwollen und die Treue ambulanter Suchtberatungsstellen aber, die Hilfesuchenden empfehlenswerte Adressen nennen, ist jede stationäre Einrichtung dringend angewiesen. Four Steps hat immer auch von seinem guten Ruf gelebt.

„Für die Versorgungsstruktur wäre es dramatisch“, wenn es mit Four Steps nicht weiterginge, sagt Gerhard Rall, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes. Die Häuser in Weiler und Waldhausen waren vor allem für jüngere Drogensüchtige ein wichtiger Halt. Derzeit bleibt ihnen im Großraum Stuttgart nur noch die Reha-Einrichtung Börstingen hinter Rottenburg. Betreiber: der Verein für Jugendhilfe.

Ein Lob am Rande für Christoph Palm

Wer einen Standort für eine Suchthilfeeinrichtung sucht, muss in aller Regel mit Bürgerprotesten und kommunalen Vorbehalten rechnen, erzählt der Strümpfelbacher Gerhard Edel; er spricht aus Erfahrung: Bis 2009 war er Vorsitzender des Four-Steps-Trägervereins für Jugendhilfe. Den Standort Lorch-Waldhausen konnte er einst erst am Verwaltungsgerichtshof erkämpfen. Auch in Schorndorf gab es anfangs große Bedenken, die sich mit den Jahren allerdings in „Wohlwollen“ verwandelt hätten.

Von einer Ausnahme indes weiß Edel zu berichten. Als Four Steps 1998 eine Tagesklinik in Fellbach eröffnen wollte, habe Oberbürgermeister Christoph Palm gesagt: „Herzlich willkommen!“ – „Das höre ich jetzt zum ersten Mal“, antwortete Edel. „Das rechne ich dem Mann hoch an.“

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