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Waiblingen „Kapitalfehler": Das neue Buch von Weik und Friedrich

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Waiblingen. Der neoliberale Finanzkapitalismus ist „ein Monster“, er dient nur Riesenkonzernen und Superreichen: Am Dienstagabend stellten Marc Friedrich und Matthias Weik im Waiblinger Zeitungshaus ihr neues Buch „Kapitalfehler“ vor.

Weik und Friedrich stellen ihr neues Buch Kapitalfehler" vor.

Der blanke Nerv

Eine Erfolgsgeschichte

Der Focus nannte sie „die Crash-Propheten“: Marc Friedrich und Matthias Weik stechen mit ihren Büchern tief in den blankliegenden Nerv eines zunehmend verstört auf die immer neuen Krankheitssymptome und Fieberanfälle des weltweiten Finanzsystems reagierenden Publikums. Wer ermessen will, wie präzise die beiden mit ihrer publizistischen Nadel den Zeitgeist getroffen haben, muss zurückblenden: Ihr erstes Buch „Der größte Raubzug der Geschichte“ erschien 2012 beim kleinen Wissenschaftsverlag Tectum. Da waren keine TV-bekannten „Börse-vor-acht-im-Ersten“-Gurus am Werk mit gut geöltem Marketingapparat im Rücken – da schrieben zwei junge Ökonomen aus Waiblingen. Das Buch aber fand zu den Lesern, nein: Die Leser fanden das Buch, als hätten sie es seit langem gesucht. Ein zweites folgte, „Der Crash ist die Lösung“ – zusammen haben sich die beiden Bände phänomenale 300 000 Mal verkauft. Vor ein paar Tagen stellten Weik/Friedrich in Eislingen ihren dritten Band „Kapitalfehler“ vor, 400 Leute drängten in die übervolle Stadthalle. Nächste Tour-Stationen: Frankfurt, Köln, Berlin.

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Ein grundbürgerlich anmutendes Publikum hat sich zusammengefunden zur Buchpräsentation im Waiblinger Zeitungshaus – nicht die ressentimentgeladene Dauerwut von AfD-Veranstaltungen liegt hier in der Luft und auch nicht die seit Jahrzehnten routiniert köchelnde Empörung, wie man ihr bei Treffen der Linken begegnet. Aber als Marc Friedrich am Anfang rhetorisch fragt, ob irgendwer glaube, dass „die Krise“, die 2008 die Welt erschütterte, „vorbei“ sei, geht keine einzige Hand hoch.

Manche nennen es Casino- oder Raubtier-Kapitalismus, Friedrich nennt es „das Monster“: eine Ordnung, nein, Unordnung, die nur noch Zockerbanken und Riesenkonzernen diene. Und damit das „Geldkarussell“ weiter kreiselt, stürzen sich die Politik und die Europäische Zentralbank in immer wildere, verzweifelter anmutende Experimente. Niedrigzins, Nullzins, Negativzins – während der kleine Sparer „enteignet“ wird, brennt im Casino grelles Licht: Das ist Weik/Friedrichs Botschaft. Die Atmosphäre im Saal ist beklommen, und würden die beiden Referenten all die düsteren Thesen nicht in so aufgeräumtem Ton präsentieren, verpackt in derart lustvoll süffige Formulierungen, dann griffe hier wohl Weltuntergangsstimmung um sich.

 

Der Omnibus

Die Welt der Superreichen

Das Symbol der Perversion ist ein Omnibus. „Eine Busladung besitzt so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung“, den 62 Reichsten auf diesem Erdball gehört so viel wie 3 600 000 000 Ärmeren, das Vermögen ist „unvorstellbar ungerecht verteilt“, und „die Schere wird immer größer“: Noch vor wenigen Jahren hätte man zwei Busse gebraucht, um eine Kaffeefahrt für die Krösusse zu organisieren.

Seit den 80er-Jahren haben erst die „rechten“ Politiker Ronald Reagan und Margaret Thatcher, später auch der Demokrat Bill Clinton, Tony Blair von der „linken“ Labour-Party und Gerhard Schröders rot-grüne Regierung „die Finanzmärkte dereguliert“ und einem „pervertierten Finanzkapitalismus“ ermöglicht, „außer Rand und Band“ zu geraten. Das „Haltbarkeitsdatum“ dieses entfesselten, enthemmten Systems sei zwar „2008 abgelaufen“, als das weltweite Zocken bis auf „einen Wimpernschlag“ an den „globalen Abgrund“ heranführte – seither aber habe sich so gut wie nichts geändert. Den großen Banken „geht es besser als je zuvor“, die „Boni sprudeln“, die Spielsüchtigen haben aus der Krise nur eines gelernt: „dass man alles machen kann, und im Notfall wird man noch gerettet“, weil man ja als „systemrelevant“ gilt. Die Welt fahre weiter „dogmatisch einen Kamikaze-Kurs, wir halten an unserem Neoliberalismus fest, obwohl wir wissen, dass er komplett versagt hat.“ Warum? „Das System dient wenigen, und die sind unglaublich mächtig.“ Eine „gigantische Umverteilung von unten, der Mitte und oben nach ganz, ganz oben“ sei im Gange, die Vermögen der Superreichen „sind seit der Krise um 40 Prozent gestiegen“.

 

Land der Wunder

Wir sollten von einer Insel lernen

Zwei Länder taumelten nach 2008 in besonders schwere Not: Griechenland. Und Island. Damit aber hören die Gemeinsamkeiten auf. Griechenland, gebunden an den Euro, geriet unter die Knute der Troika und „vegetiert seit Jahren vor sich hin“. 300 Milliarden Euro an sogenannten Rettungsgeldern sind geflossen, aber, so sagen Weik und Friedrich, zu „94 Prozent“ nicht bei den Menschen angekommen, sondern den Finanzinstituten zugeströmt. Das Medikament, das den Griechen verordnet wurde: sparen, sparen, sparen. Die Arznei wird so lange verabreicht, „bis der Patient tot ist“.

Island gehört nicht zur Europäischen Union, die Währung heißt Krone. Die Troika kann hier nicht durchregieren, wenngleich EU und USA „enormen Druck“ auf das kleine Land ausgeübt hätten: Das, was ihr vorhabt, könnt ihr nicht machen! Island nämlich „hat einen Rettungsschirm über die Bürger gespannt“: ließ Banken, die sich verzockt hatten, pleite gehen und ausländische Hedgefonds und Spekulanten auf ihren Forderungen sitzen; unterstellte die inländischen Finanzinstitute einer strengen Aufsicht; verurteilte verantwortungslose Banker zu Haftstrafen; investierte, um den Binnenkonsum anzukurbeln, anstatt sich kaputtzusparen; besteuerte Wohlhabende stärker, kürzte besonders üppige Pensionen und erhöhte die Sozialausgaben für die Ärmsten. Menschen retten statt Banken: Ketzerei! Das Ergebnis: Selbst der Internationale Währungsfonds konnte nicht leugnen, dass es funktionierte – und nannte die isländische Gesundung „überraschend“.

Moment, auch das Sparmodell, das die EU den Krisenländern des Südens aufzwingt, zeitige doch schöne Wirkungen, sagen manche: In Spanien zum Beispiel sinke die immer noch exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit mittlerweile immerhin. Marc Friedrich kann da nur lachen: In den vergangenen Jahren habe eine Dreiviertelmillion meist junger Menschen aus Not und Perspektivlosigkeit „das Land verlassen und ist deshalb aus der Statistik gefallen“.

Aber uns Deutschen geht es doch wenigstens gut? Nun ja, sagt Weik. „Über acht Millionen Menschen im Niedriglohnsektor“, während die Zahl der Vollzeitjobs sinke. „Wir sind Exportweltmeister auf Kosten der Zukunft“, eine „Altersarmutswelle“ rolle auf uns zu. Rente mit 70? „Das wird wohl kommen müssen.“

 

Die Sparmeister

Ikea, Apple, Amazon

„Es gibt keine Schnäppchen“, sagt Matthias Weik: „Wenn ein Kilo Hackfleisch nur vier Euro kostet, dann kann das bloß Mist sein“, solche Preise sind nur möglich, wenn „wir Tiere leiden lassen und die Natur vergewaltigen“. Wenn es bei Primark eine Jeans für zehn Euro gibt, dann geht die Kalkulation nur auf, weil „am anderen Ende der Welt“ jemand für fast nichts näht und knechtet. „Wenn wir anfangen, die ganze Welt auszubeuten, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Leute zu uns kommen“ als Armutsflüchtlinge.

Wenn eine Remstäler Schreinerei 160 000 Euro Gewinn im Jahr macht, „zahlt sie darauf 48 000 Euro Steuern“. 48 000 Euro Steuern: Das löhnte im Jahr 2010 auch die „Inter Ikea Holding“ – auf einen Gewinn von 2,5 Milliarden; dem Billy-Konzern gebührt damit wohl der Weltmeistertitel im Tricksparen. Mit aufs Treppchen gehört aber auch Apple: Wie die „Zeit“ 2015 berichtete, habe der Konzern in fünf deutschen Geschäftsjahren 40 Millionen Euro Ertragssteuern tröpfeln lassen – bei einem geschätzten Bruttogewinn von 4,5 Milliarden. Oder gebührt die Goldmedaille doch Amazon? Der Versandhändler zahlte dank eines Luxemburger Steuersparmodells jahrelang überhaupt nichts in Deutschland.

„Wie soll eine Schreinerei noch wettbewerbsfähig sein gegen Ikea? Wie soll Osiander gegen Amazon ankommen?“ Und wie sollen wir glauben, dass sich etwas ändert, wenn derselbe Jean-Claude Juncker, der als Luxemburger Finanzminister sein Land zur Steueroase machte, heute Präsident der Europäischen Kommission ist?

Auf die Politik hoffe er schon lange nicht mehr, lacht Marc Friedrich. Aber „jeder Kunde kann sagen: Ich kaufe halt nichts mehr bei denen.“

 

Wartet nur, bald

Ratschläge für den Kollaps

Der Ton hat sich geändert: In früheren Jahren, wenn die beiden ein Buch vorstellten, ernteten sie viel Zustimmung, das schon, aber auch zweiflerische Stimmen: Glauben Sie wirklich, dass der Euro nicht zu retten ist? Ein Crash, im Ernst? Derlei fragt diesmal niemand mehr. Stattdessen: Welcher ausländischen Währung darf ich noch vertrauen? Weik: „Keiner.“ Wie soll ich mein Vermögen anlegen? Friedrich: „Raus aus Papierwerten, rein in Sachwerte“, Gold und Silber, Grund und Boden, „Ackerland“ und „Streuobstwiese“ – „am Tag als Argentinien bankrott ging und der Peso wertlos wurde, stieg der Goldwert um 1000 Prozent“, und Bauern kassierten für Brot und Fleisch „horrende Dollarsummen“.

Auch die Autoren haben sich weiterentwickelt. Dass „so viele Prognosen aus unseren Büchern eingetroffen sind“, hat ihr schon immer stabiles Selbstbewusstsein unerschütterlich wie den Everest gemacht. Sie reden frei zu zweit, spielen sich die Stichworte zu, ein fulminantes Duo: Während Weiks dringlicher Blick mittlerweile manchmal schon leicht ins Guruhafte spielt, hat Friedrich den Part des lausbübisch schlauen Charmeurs vervollkommnet: Ach, all der quälende Wahnsinn – „meine Haare werden immer grauer! Und seine fallen aus“; er deutet auf Weik, der seit Jahren Vollglatze trägt. Bei den beiden ist auch der Weltuntergang recht unterhaltsam.

Und wann kommt er denn nun, der Crash? „Das Datum steht auf Seite 264 des neuen Buches“, sagt Friedrich; nein, im Ernst: In den nächsten Jahren werde sich Fundamentales tun, „Ende der Dekade haben wir ein neues Geldsystem.“ Danach am Signiertisch steht die Kundschaft Schlange.

 

Demnächst wieder

  • Etwa hundert Leute passen in die Kantine des Zeitungshauses. Viel mehr Anmeldungen haben wir erhalten für die Weik/Friedrich-Veranstaltung. Trost für alle, die nicht dabei sein konnten: Am Donnerstag, 9. Juni, um 19.30 Uhr treten die beiden im Waiblinger Bürgerzentrum auf (Veranstalter: Buchhandlung Osiander; Kartenreservierung: www.osiander.de).
  • Das Buch „Kapitalfehler“ ist auch beim Zeitungsverlag erhältlich via www.zvw-shop.de
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