Weinstadt Bernd Lucke: Der Star unter den Sonstigen

Peter Schwarz, 24.02.2016 00:00 Uhr

Weinstadt. Willkommen in der Wärmestube des politischen Diskurses mit Maß, Ziel und Vernunft: Bernd Lucke, einst Gründervater der AfD, heute Frontmann der neuen Partei „Alfa“, war zu Gast im Strümpfelbacher Weingut Kuhnle.

Das waren Zeiten, als es noch kein Facebook gab und keine Talkshow: Man saß beieinander um den großen Holztisch unter Fachwerkbalken, erörterte die Weltläufte, politisierte, ohne zu poltern, verschaffte seinen Sorgen Ausdruck, ohne gleich zu geifern und zu hetzen . . . Ging es damals wirklich so zu? Egal – im Hier und Heute gibt es so was, ehrlich wahr: im Weingut Kuhnle.

Zu Gast: Bernd Lucke. Fernsehberühmt wurde er als jener Professor für Volkswirtschaft, der mit schneidender Präzision, illuminiert von einer Aura der Maximal-Intelligenz, in jeder Talkshow rhetorisch durchregierte, der Star des distinguierten, intellektuell satisfaktionsfähigen AfD-Flügels. Bis ihn die Petry abräumte. Kaum war er weggemobbt, wurde es still um ihn. Seine neue Partei Alfa wird in Wahlumfragen in der Rubrik „Sonstige“ geführt. Mann, muss der verbittert sein. Mal sehen.

Um den Tisch versammelt: eine grundanständige kleine Bürgergesellschaft. Einer ist „FAZ-Leser“, ein anderer trägt einen grandiosen Backenbart, der jeden Ludwig-Ganghofer-Film veredeln würde, und war „43 Jahre bei der CDU“, bevor er frustriert davonlief. Und Gastgeber Daniel Kuhnle, Alfa-Kandidat vor Ort, sitzt für die Freien Wähler im Gemeinderat. Lauter Leute, die im Leben stehen, sturznormale, vernünftige, wie es mehr geben müsste in der Politik, findet Kuhnle: Bei der CDU „gehst du in die Junge Union, klebst zehn Jahre lang Plakate, und irgendwann wird mal ein Pöstchen frei“, das kann’s doch nicht sein. „Jeder sollte erst mal sein Geld verdient haben, bevor er das von anderen ausgibt.“

Eins stimmt sie wehmütig: So vernünftig sei die Alfa – bloß hört man nicht viel von ihr. Tja, sagt Lucke, „das liegt nicht daran, dass ich nicht gerne was sagen möchte“. Nur „stehen die Journalisten nicht mehr Schlange. In Talkshows werde ich nicht mehr eingeladen.“ Jetzt hockt neben ihm bloß noch der Provinzschreiber aus Waiblingen, kritzelt in seinen Notizblock und klaut einen Wurstwecken vom Tablett.

Ein „Paukenschlag“ müsste her, sinniert der Heimatfilm-Bart. So einfach ist das nicht, mahnt Lucke: „Würde ich fordern, jeden zweiten Flüchtling an einem Baum aufzuknüpfen, dann wär ich sofort in der Presse.“ Aber er will doch „sachlich Politik“ machen in Zeiten der „Emotionalisierung“!

In der Flüchtlingsdebatte hat er einen Vorschlag unterbreitet: die „atmende Obergrenze“. Der Staat sollte nicht einfach von oben herab eine Zahl verordnen, 200 000 pro Jahr, wie Seehofer tönt, sondern jede deutsche Kommune fragen: Wie viele könnt ihr aufnehmen? Welche Gebäude habt ihr? Was verkraften eure Schulen? Welche Chancen für Migranten bietet der Arbeitsmarkt vor Ort? Alle Meldungen werden addiert – et voila: Das können wir schaffen.

Hilfe erhielten zunächst die „Verwundbarsten“, Frauen, Kinder, Familien – und weil wir „nicht alle nehmen“ können, sei „die gesamte zivilisierte Welt aufgerufen“, dem UN-Flüchtlingshilfswerk viel mehr Geld zu geben, damit die Leidenden in den Elendslagern in der Türkei, im Libanon, in Jordanien menschenwürdig leben können.

Klingt klug; und was ist passiert? „Frau Klöckner hat es von uns abgepinselt“, macht damit Wahlkampf für die CDU, und über Alfa redet mal wieder kein Schwein.

Dieser Lucke, der sich im TV immer mit einem ins Besserwisserische spielenden professoralen Habitus panzerte, wie aufgepumpt wirkte mit Wichtigkeit, dieser Lucke ist in der trauten Weingut-Runde ein anderer Mensch: Er doziert nicht, er redet. Und wenn andere das Wort ergreifen, hört er zu, geduldig, aufmerksam, zugewandt. Schön, dass es noch Menschen „mit Anstand gibt“, lobt einer am Tisch – bloß zu Frau Petry „waren Sie zu anständig“. Lucke lächelt demütig und sagt: „Dankeschön.“

So. Und nun in diesen aufgeheizten Zeiten geht es um den – Tusch und Täterä: – Länderfinanzausgleich! Da sei er „kein ausgewiesener Spezialist“, räumt Lucke ein, er habe nur mal „darüber wissenschaftlich gearbeitet“. Die Wirtschaftskraft der Bundesländer zu vergleichen und eine „solidarische Umverteilung“ zu organisieren, damit in Deutschland die „Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse“ gewahrt bleibt, das sei schon richtig. Nur dass jedes Nehmerland mit dem Geld machen kann, was es will, sei problematisch. Dann nämlich bauen die eine „wirtschaftsnahe Infrastruktur“, ermöglichen Gewerbeansiedlungen, generieren Steuereinnahmen – während die anderen die Kindergartengebühr streichen und nie aus den roten Zahlen kommen.

Ende des offiziellen Teils. Das war ja alles sagenhaft differenziert! Jetzt muss der Mann fürs Grobe ran: Der Journalist packt die Holzhammerfragen aus. Geben wir dem Affen Zucker, ermuntern wir zum Giftspucken . . . Herr Lucke, was denken Sie über die AfD, diese unangenehm ressentimentgeladene, hetzerische Rabauken-Combo? „Ich bin enttäuscht über die Entwicklung, die die AfD genommen hat.“ Waren Sie nicht heillos naiv, als Sie dachten, allein mit der Stimme der Vernunft so einen intriganten Haufen zähmen zu können? Er lächelt etwas erschrocken. Schweigt. „Ja, ich war zumindest politisch unerfahren und habe unterschätzt, in welch großem Ausmaß Wut- und Protestbürger in die AfD gekommen sind.“ Sapperlot, entgleisen Ihnen die Emotionen wenigstens, wenn man Sie auf diese Putsch-Petry anspricht? Feines Lächeln. Er klingt jetzt fast, als bitte er um Verzeihung: „Dazu neige ich nicht so.“

Alfa

Als konservativ und wirtschaftsliberal lässt sich die Programmatik von Bernd Luckes neuer Partei „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (Alfa) beschreiben. Oder mit den Worten eines Gastes bei Kuhnle: „Was die CDU mal war, aber in keiner Weise mehr ist.“

Anfangs rekrutierte sich Alfa vor allem aus enttäuschten AfD-Parteigängern. Mittlerweile gilt ein Aufnahmestopp für ehemalige AfD-Mitglieder.

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