Winnenden. Ja, sind wir denn noch in den 80er-Jahren? Dieser Tage haben mehrere Polizei-Einheiten die Wohnungen der in Unehren ergrauten Punk-Musiker von Normahl durchsucht. Die Beamten wollten CDs mit dem marderalten Lied „Haut die Bullen platt wie Stullen“ beschlagnahmen. Dass die Staatsmacht um rund 30 Jahre verspätet ausrückte, bedarf der Erklärung . . .

Manchmal macht Lars Besa, Sänger der Gruppe Normahl, zwar noch heute laute Stromgitarrenmusik, und früher hat er obendrein ganz gerne nicht ganz wenig getrunken (allerdings „Kein Bier vor Vier“, wie er in einem Lied gesundheitsbewusst empfahl) – am Ende aber ist aus dem Bub doch noch was Rechtes geworden: Er hat geheiratet und den väterlichen Sanitärbetrieb übernommen. Wer sich auf Besas Homepage festliest, muss fast weinen vor Rührung: „Traditionell solides Handwerk und ständige Innovationen sind die Herausforderungen an den modernen Haustechniker. Verantwortungsvoller Umgang mit Energie, Luft, Natur und Trinkwasser sind unser täglicher Antrieb, unseren Beruf auch als Berufung zum Wohle und zum Schutz von uns allen zu sehen.“

Früher klang das etwas anders – irgendwann in grauer Vorzeit (die Uhr zeigte vermutlich deutlich „nach Vier“), textete Besa für Normahl ein Lied mit dem Titel „Bullenschweine“: „Sie nennen sich Helfer der Nation / Bullen soll man ehren / Ich scheiß auf diese Tradition / Vor Bullen muss ich mich nur wehren. / Haut die Bullen platt wie Stullen / Haut ihnen ins Gesicht / Haut die Bullen platt wie Stullen / Haut ihnen ins Gesicht / Bis dass der Schädel bricht. / Bei der Demo haun sie dir eins drauf / Ich steige auf die Barrikaden / Ich werf einen Stein in den Bullenwagen / Bis aus dem nur blutige Köpfe ragen.“

Dieser Text, man muss es so streng sagen, ist eines schwäbischen Handwerksmeisters nicht würdig. Aber gut, das waren halt die 80er-Jahre. Der spätere Außenminister warf Pflastersteine, die Polizei langte auch ordentlich zu gegen Atomkraft-Gegner.

Insofern wirkte es bereits 1992 leicht anachronistisch, als ein Amtsgericht im thüringischen Altenburg Normahl wegen „Öffentlichen Aufrufs zu Straftaten“ verurteilte. Und das Landgericht Gera kassierte dann ja auch in zweiter Instanz den Spruch; der Text sei im Rahmen der künstlerischen Freiheit vertretbar. Ob der Richter einen Iroksenschnitt trug, ist nicht überliefert.

Das ist jetzt auch schon wieder zwanzig Jahre her. Heutzutage käme kein Winnender Polizist mehr von sich aus auf die Idee, Besa für sein „Bullen“-Lied zu verfolgen. Schließlich braucht auch ein Uniformierter mal schnelle Hilfe beim Wasserrohrbruch.

Sachsen auf Oldie-Jagd

Aber dann geschah dies: Im vergangenen Jahr fahndeten Staatschützer aus dem Freistaat Sachsen nach rechtsradikalem Liedgut – offenbar waren die dortigen Beamten endlich aufgewacht, nachdem sie sich bei der Suche nach dem Nationalsozialistischen Untergrund nicht mit Ruhm bekleckert hatten. Und bei ihrer Recherche in dieser Sache stießen die Fahnder auf den linkspunkigen Normahl-Oldie. Quasi ein Kollateralfund.

Der Fall landete beim Amtsgericht Stuttgart, es erging ein CD-Beschlagnahmebeschluss wegen Gewaltverherrlichung nach Paragraph 131 Strafgesetzbuch: Verbreitung von Texten, die „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt“.

Die Waiblinger Polizei sei aber nicht gleich zur Umsetzung des Beschlusses geschritten, erzählt Besa, sondern habe ihn „auf dem kurzen Dienstweg“ zu einer Deeskalationsbesprechung geladen. Ihm sei empfohlen worden, „Einspruch einzulegen“, auf dass der Polizei erspart bleibe, zur Tat schreiten zu müssen.

Allein, das Landgericht Stuttgart schmetterte die Beschwerde ab und begründete: Es entspreche „allgemeiner Lebenserfahrung“, dass „Gesichtsschläge bis zum Brechen des Schädels mit ganz erheblichen Schmerzen verbunden sind“.

Und so musste die Polizei eben doch ran, es kam zu Wohnungsfilzungen bei Besa und auch bei seinen Musikerkollegen in Winnenden und Plüderhausen.

Nun ist es zwar nicht ehrenrührig für einen Punk, wenn er von der Staatsmacht verfolgt wird – aber als 47-jähriger Installateur findet man solche Heimsuchungen langsam nervig. Und Besas Frau sei sowas „nicht gewohnt“.

Immerhin, „man muss fairerweise sagen“, dass den Polizisten ihr Job „sichtlich peinlich“ gewesen sei. „Wild gewütet wurde nicht“. Zwar hätten sie in den Privatwohnungen diverse Computer beschlagnahmt, aber in Besas Betrieb verzichteten sie darauf aus Verhältnismäßigkeitsgründen: Ohne Buchhaltungs-EDV hätte der Chef ja „den Schlüssel rumdrehen“ müssen, und die Belegschaft wäre ohne Geschäft dagestanden. Somit ergibt sich folgender Skandal: Ein Punk lobt die Bu . . . pardon, die Polizei. In den 80er-Jahren hätte es sowas nicht gegeben!

Und nun? Vermutlich wird der Streit irgendwann vor Gericht weitergehen. Paragraph 131 StGB sieht „Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe“ vor. Bis dahin bleibt Besa ein Trost: Die Durchsucher haben so gut wie nichts gefunden – denn „welcher normale Mensch hat sein Vertriebslager in seiner Wohnung?“