Winnenden Hausdurchsuchungen bei den Normahl-Punks

Peter Schwarz, 09.02.2013 00:08 Uhr
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 Foto: ZVW-Archiv/ Privat
Foto: ZVW-Archiv/ Privat

Winnenden. Ja, sind wir denn noch in den 80er-Jahren? Dieser Tage haben mehrere Polizei-Einheiten die Wohnungen der in Unehren ergrauten Punk-Musiker von Normahl durchsucht. Die Beamten wollten CDs mit dem marderalten Lied „Haut die Bullen platt wie Stullen“ beschlagnahmen. Dass die Staatsmacht um rund 30 Jahre verspätet ausrückte, bedarf der Erklärung . . .

Manchmal macht Lars Besa, Sänger der Gruppe Normahl, zwar noch heute laute Stromgitarrenmusik, und früher hat er obendrein ganz gerne nicht ganz wenig getrunken (allerdings „Kein Bier vor Vier“, wie er in einem Lied gesundheitsbewusst empfahl) – am Ende aber ist aus dem Bub doch noch was Rechtes geworden: Er hat geheiratet und den väterlichen Sanitärbetrieb übernommen. Wer sich auf Besas Homepage festliest, muss fast weinen vor Rührung: „Traditionell solides Handwerk und ständige Innovationen sind die Herausforderungen an den modernen Haustechniker. Verantwortungsvoller Umgang mit Energie, Luft, Natur und Trinkwasser sind unser täglicher Antrieb, unseren Beruf auch als Berufung zum Wohle und zum Schutz von uns allen zu sehen.“

Früher klang das etwas anders – irgendwann in grauer Vorzeit (die Uhr zeigte vermutlich deutlich „nach Vier“), textete Besa für Normahl ein Lied mit dem Titel „Bullenschweine“: „Sie nennen sich Helfer der Nation / Bullen soll man ehren / Ich scheiß auf diese Tradition / Vor Bullen muss ich mich nur wehren. / Haut die Bullen platt wie Stullen / Haut ihnen ins Gesicht / Haut die Bullen platt wie Stullen / Haut ihnen ins Gesicht / Bis dass der Schädel bricht. / Bei der Demo haun sie dir eins drauf / Ich steige auf die Barrikaden / Ich werf einen Stein in den Bullenwagen / Bis aus dem nur blutige Köpfe ragen.“

Dieser Text, man muss es so streng sagen, ist eines schwäbischen Handwerksmeisters nicht würdig. Aber gut, das waren halt die 80er-Jahre. Der spätere Außenminister warf Pflastersteine, die Polizei langte auch ordentlich zu gegen Atomkraft-Gegner.

Insofern wirkte es bereits 1992 leicht anachronistisch, als ein Amtsgericht im thüringischen Altenburg Normahl wegen „Öffentlichen Aufrufs zu Straftaten“ verurteilte. Und das Landgericht Gera kassierte dann ja auch in zweiter Instanz den Spruch; der Text sei im Rahmen der künstlerischen Freiheit vertretbar. Ob der Richter einen Iroksenschnitt trug, ist nicht überliefert.

Das ist jetzt auch schon wieder zwanzig Jahre her. Heutzutage käme kein Winnender Polizist mehr von sich aus auf die Idee, Besa für sein „Bullen“-Lied zu verfolgen. Schließlich braucht auch ein Uniformierter mal schnelle Hilfe beim Wasserrohrbruch.

Sachsen auf Oldie-Jagd

Aber dann geschah dies: Im vergangenen Jahr fahndeten Staatschützer aus dem Freistaat Sachsen nach rechtsradikalem Liedgut – offenbar waren die dortigen Beamten endlich aufgewacht, nachdem sie sich bei der Suche nach dem Nationalsozialistischen Untergrund nicht mit Ruhm bekleckert hatten. Und bei ihrer Recherche in dieser Sache stießen die Fahnder auf den linkspunkigen Normahl-Oldie. Quasi ein Kollateralfund.

Der Fall landete beim Amtsgericht Stuttgart, es erging ein CD-Beschlagnahmebeschluss wegen Gewaltverherrlichung nach Paragraph 131 Strafgesetzbuch: Verbreitung von Texten, die „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt“.

Die Waiblinger Polizei sei aber nicht gleich zur Umsetzung des Beschlusses geschritten, erzählt Besa, sondern habe ihn „auf dem kurzen Dienstweg“ zu einer Deeskalationsbesprechung geladen. Ihm sei empfohlen worden, „Einspruch einzulegen“, auf dass der Polizei erspart bleibe, zur Tat schreiten zu müssen.

Allein, das Landgericht Stuttgart schmetterte die Beschwerde ab und begründete: Es entspreche „allgemeiner Lebenserfahrung“, dass „Gesichtsschläge bis zum Brechen des Schädels mit ganz erheblichen Schmerzen verbunden sind“.

Und so musste die Polizei eben doch ran, es kam zu Wohnungsfilzungen bei Besa und auch bei seinen Musikerkollegen in Winnenden und Plüderhausen.

Nun ist es zwar nicht ehrenrührig für einen Punk, wenn er von der Staatsmacht verfolgt wird – aber als 47-jähriger Installateur findet man solche Heimsuchungen langsam nervig. Und Besas Frau sei sowas „nicht gewohnt“.

Immerhin, „man muss fairerweise sagen“, dass den Polizisten ihr Job „sichtlich peinlich“ gewesen sei. „Wild gewütet wurde nicht“. Zwar hätten sie in den Privatwohnungen diverse Computer beschlagnahmt, aber in Besas Betrieb verzichteten sie darauf aus Verhältnismäßigkeitsgründen: Ohne Buchhaltungs-EDV hätte der Chef ja „den Schlüssel rumdrehen“ müssen, und die Belegschaft wäre ohne Geschäft dagestanden. Somit ergibt sich folgender Skandal: Ein Punk lobt die Bu . . . pardon, die Polizei. In den 80er-Jahren hätte es sowas nicht gegeben!

Und nun? Vermutlich wird der Streit irgendwann vor Gericht weitergehen. Paragraph 131 StGB sieht „Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe“ vor. Bis dahin bleibt Besa ein Trost: Die Durchsucher haben so gut wie nichts gefunden – denn „welcher normale Mensch hat sein Vertriebslager in seiner Wohnung?“

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Kommentare (19)
Rasch-the-poster-ripper Ist schon länger als 1 Jahr her
Was soll der Scheiß? Normahl waren echt abgefahren und haben jede Party angeheizt. Die Saufmucke hab ich (DJ der 80er) immer aufgelegt und die Leute haben mich blöde angeglotzt.... Fun-FOREVER!!!!
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uwe page Ist schon länger als 1 Jahr her
icke hab die entsprechende cd bei 'quelle' im cd-ständer gesehn und sofort gekauft, das war 1998 in München,csu ,ihr wisst schon.Die cd gibt's noch-Quelle nicht mehr, ist doch irgendwie lustig, oder? bloss schade um die innovativen Mitarbeiter bei quelle!
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Filmsammler Ist schon länger als 1 Jahr her
Vielen Dank für Ihre Infos zum deutschen Verbot des Films 'Im Würgegriff der roten Cobra'. Mir war noch nicht bekannt, dass auch hier Stuttgart hinter dem damaligen Verbot stand. Zwei Ergänzungen dazu unter Filmfreunden: 1. handelt es sich dabei natürlich nicht um einen 'echten' Bruce-Lee-Film. In westlichen Ländern wurde dieser in den frühen 1980ern als Hongkong- oder Taiwan-Film mit einem Hauptdarsteller namens 'Bruce Lei' vermarktet. Klassische Bruceploitation halt. 2. stimmt diese offizielle Info auch gar nicht. Es handelt sich im Original um einen indonesischen Film von 1977, Hauptdarsteller ist lt. Vorspann dann 'Steven Lee'.
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Vollhonk Ist schon länger als 1 Jahr her
Wo kämen wir denn da hin, wenn allein durch frühe Entstehung gar schröckliches Liedgut unsere behüteten Kinder verwirren würde? Da muss man doch einschreiten!! Ich hätte da z.B. 'Wir sind des Geyers schwarzer Haufen' anzuzeigen. Dort wird damit geprahlt, man setze einen roten Hahn auf ein Klosterdach. Das mag man nun entweder als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz werten oder aber als antike Umschreibung für Brandstiftung sehen. Beides höchst gefährlich. Es wird ebenso darüber gesungen, dass man doch bitte Pfaffen totschlagen möchte. Ein Angriff auf Menschenleben und die Religionsfreiheit! Weiterhin Kindesmord und Vergewalktigungen. Nur weil das Lied schon 1920 entstand, wird es heute immer noch gesungen und neu interpretiert. Ein Skandal! Ich werde nochmal etwas weiter hinten in mittelalterlichem Liedgut graben. Da wird sich sicher noch das eine oder andere unanständige bis strafrechtlich relevante Stück finden lassen. Ggf. kann man ja die Nachkommen der Urheber belangen... Da kann man bestimmt eine ganzen SoKo dransetzen. Das bindet Kräfte und spart dem braven Sangesmann den Polizeibesuch^^ Voll*honk*
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kalliope Ist schon länger als 1 Jahr her
Wie kann man den Text dieses 'Liedes' so harmlos finden? Jedenfalls ich wäre froh, wenn der Text an meine Kinder nicht heran käme. Da sind mir die Entstehungsgeschichte des Liedes und die Zustände in den 80ern völlig egal. Die Ansicht, solche Texte und das Werfen von Pflastersteinen seien damals halt so üblich und angemessen gewesen und daher nicht so schlimm, teilt übrigens nicht jeder. Welches Rechtsverständnis hat Herr Besa eigentlich? Für die CDs gibt es offenbar einen rechtskräftigen Beschluss zur Beschlagnahme. Warum rückt er sie also nicht heraus, sondern hat sie beiseite geschafft, wie es heute in der Zeitung steht? Von mir kein Beifall für den Artikel. Erschreckend finde ich, dass der eigentümliche Stil des Herrn Schwarz, der wenig zwischen Information und eigener Meinung unterschiedet, offenbar einige Leser einlullt.
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