10 Jahre danach

„Amokläufe weniger wahrscheinlich werden lassen“

Christoph Palm_0
Christoph Palm: „Die Arbeit des Sonderausschusses hat mich persönlich stark geprägt.“ © ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden. „Amokläufe künftig weniger wahrscheinlich werden zu lassen.“ Es ist dieser eine Satz im Abschlussbericht des Sonderausschusses zum Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, der gleichzeitig die Beschränktheit des eigenen Handelns ausdrückte – und doch einen hohen Anspruch formulierte. Es ist ein Satz, den der Ausschussvorsitzende Christoph Palm zehn Jahre nach dem 11. März 2009 zu Anfang des Gesprächs fast wortgleich wiederholt.

Nahezu 900 Seiten umfasste der Abschlussbericht des Sonderausschusses, den der baden-württembergische Landtag nach dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen einsetzte und dessen Ergebnisse die 18 Mitglieder am 11. März 2010, zum ersten Jahrestag, vorlegten. Es war ein geschickt gewählter Termin. Die gemeinsame Trauer am Jahrestag schloss kleinliches parteipolitisches Gezänk über die Konsequenzen aus. Dem Ausschuss saß der CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Palm vor, in dessen Wahlkreis ein Tatort lag.

„Die Arbeit hat mich auch persönlich stark geprägt“

Zehn Jahre später sprechen wir mit Christoph Palm über die Arbeit des Sonderausschusses und was dieser bewirkte. Die Bilanz eines Berichts mit 39 Handlungsempfehlungen und acht Handlungsfeldern kann nicht vollständig sein. Gewaltprävention stand und steht für Palm im Vordergrund. Dass die Schulsozialarbeit deutlich ausgebaut wurde und sich mehr Schulpsychologen um Kinder und Jugendliche kümmern, zählt er zu den Pluspunkten. Und auch beim Umgang mit Waffen hat sich einiges getan. Die im Rems-Murr-Kreis deutlich verstärkten Kontrollen zeigen Wirkung. Inzwischen sind 80 Prozent der Waffenbesitzer überprüft worden. Der Anteil der Beanstandungen sank beträchtlich und zeige, dass die Leichtfertigkeit im Umgang mit tödlichen Waffen passé ist.

„Die Arbeit hat mich auch persönlich stark geprägt“, sagt Palm. Ihn habe das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen stark berührt. Ausdrücklich waren sie und Vertreter des Aktionsbündnisses eingeladen, an den Sitzungen des Ausschusses teilzunehmen und Beiträge zu leisten – ohne Anspruch, dass ihre Anliegen vollumfänglich erfüllt werden. Gerade die Überparteilichkeit des Sonderausschusses ist für Christoph Palm bis heute das, was die monatelange Arbeit der Abgeordneten und Experten auszeichnete, sagt der 52-Jährige mit Distanz zum politischen Alltag. 2011 hat er den Landtag verlassen, 2016 nach 16 Jahren als Oberbürgermeister auch das Fellbacher Rathaus. Der Vorsitz des Sonderausschusses war für Palm wohl der Höhepunkt seines fünfjährigen Ausflugs in der Landespolitik. Eine Karriere, die sein Vater Guntram Palm, ebenfalls OB in Fellbach, CDU-Landtagsabgeordneter und Justiz-, Innen- und Finanzminister in mehreren Landeskabinetten, vorzuzeichnen schien.

In dem Satz „Amokläufe weniger wahrscheinlich werden zu lassen“ drückte Palm die traurige Wahrheit aus, dass Amokläufe nie gänzlich zu verhindern sind. „Wir wollten nicht einmal den Anschein erwecken, dass wir dies für möglich hielten.“ Umso erfreuter ist Palm, dass sich Winnenden in den vergangenen zehn Jahren in einem solchen Ausmaß und zumindest nicht in Deutschland wiederholt hat. Glück? Zufall? Auch dies kann Palm nicht ausschließen.

„Wir waren alle wie paralysiert“

Er erinnert sich noch deutlich an die Tage nach dem 11. März 2009. „Wir waren alle wie paralysiert.“ Der Amoklauf mit 15 Toten war ein böser Traum, aus dem nicht nur Palm hoffte, irgendwann aufzuwachen. Schon bald sei der Wunsch im Landtag aufgekommen, etwas beitragen zu wollen, dass Amokläufe nie mehr geschehen sollten. „Wir wollten über den Alltag hinaus etwas tun!“, formuliert es Palm. Als ihm der Vorsitz des Sonderausschusses angetragen worden sei, des ersten und einzigen Sonderausschusses des Landtages, habe er nicht gezögert und zugesagt unter einer Bedingung. Der Ausschuss dürfe „nicht nur für die Schublade“ arbeiten. Die CDU-FDP-Regierung versprach, bis zu 40 Millionen Euro zur Umsetzung bereitzustellen.

Mit dem Amoklauf beschäftigte sich aber nicht nur Palms Sonderausschuss, sondern auch der „Expertenkreis Amok“ von Dr. Udo Andriof, des ehemaligen Stuttgarter Regierungspräsidenten. Die Expertenrunde war fein raus. Sie musste sich nicht um die Finanzierung ihrer 83 Empfehlungen kümmern. Sonderausschuss und Expertenkreis waren eng verzahnt, so sieht es Palm. Bei aller Überparteilichkeit verfielen die Mitglieder des Sonderausschusses beim Waffenrecht „in die alten Muster der Parteipolitik“ und setzten „parteipolitischen Scheuklappen“ auf, erinnert sich Palm. Folgerichtig formulierte die Waiblinger SPD-Landtagsabgeordnete Katrin Altpeter im Namen ihrer Fraktion ein Sondervotum zu den Themen Gewaltprävention, Waffen und Medienpädagogik und pochte auf Verbindlichkeiten und wies bloße Absichtserklärungen zurück.

Beim Waffenrecht zog sich der Sonderausschuss aus der Affäre

Beim Umgang mit Waffen hat sich der Sonderausschuss galant aus der Affäre gezogen, indem er auf die Bundesregierung und deren Verschärfung des Waffenrechts verwies. Der Sonderausschuss blieb mit seinen Vorschlägen aber auch hinter denen des Expertenkreises weit zurück, lautete im Jahr 2010 die Kritik am Abschlussbericht. Die Andriof-Kommission hatte explizit gefordert, großkalibrige und andere extrem gefährliche Waffen aus Privathaushalten zu verbannen. Der Sonderausschuss beließ es bei Appellen, die Aufbewahrung von Waffen konsequenter zu kontrollieren.

Schwarz-Weiß-Denken liegt Christoph Palm fern. Nicht nur bei Waffen und gegenüber Schützenvereinen, deren Arbeit er als einstiger Sportfechter differenziert betrachtet. Die nach dem Amoklauf vom 11. März 2009 scharf kritisierten Medien, die mit ihren Kamerateams über Winnenden herfielen, schert Palm nicht über einen Kamm. Derselbe Bürger, der die Sensationsgeilheit als Betroffener verdammen mag, sauge in anderen Fällen gierig alle Informationen auf, die ihm serviert werden. Palm will sich gleichwohl nicht die Berichterstattung über den Amoklauf in heutiger Zeit sozialer Medien mit Facebook, Twitter und Whatsapp vorstellen, in der Fotos in Sekundenschnelle und ungefiltert die Runde machen. „Ein großer Teil der Informationen wird nicht mehr von Profis verbreitet“, stellt Palm fest. Er sieht die Gefahr, dass Desinformation und Verschwörungstheorien Tür und Tor geöffnet werden.

„Amokläufe weniger wahrscheinlich werden zu lassen“. Christoph Palm hat die Politik hinter sich gelassen. Er steht bis heute in Kontakt mit Angehörigen der Opfer und dem Aktionsbündnis. Er ist sich bewusst: Ihre Forderungen und Ansprüche gingen weit über das hinaus, was der Sonderausschuss erfüllen konnte. Erfolge in der Politik seien schwer zu bewerten. Die Arbeit des Sonderausschusses war aus seiner Sicht zumindest nicht vergeblich.

Christoph Palm: „Die Arbeit des Sonderausschusses hat mich persönlich stark geprägt.“ Foto: Habermann


Winnenden. „Keiner von uns hätte noch vor einem Jahr und einem Tag daran gedacht, dass wir uns dieser Aufgabe stellen müssen“, sagte Christoph Palm als Vorsitzendes des Sonderausschusses am 11. März 2010 bei der Vorstellung des Berichts. „Wir taten dies als direkte politische Reaktion auf einen Amoklauf – im Übrigen als erstes Parlament in Deutschland in dieser Tiefe und Breite.“

Diese Tiefe und Breite drückte sich nicht nur in den zehnmonatigen Beratungen, der Anhörung von 16 Experten und im Umfang des Berichts „Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen“ mit 881 Seiten aus, sondern auch in den 39 landespolitisch relevanten Handlungsempfehlungen, gegliedert in acht Handlungs- und fünf Themenfelder:

Gewaltprävention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen;

  • Zugang zu Waffen;
  • Gewaltdarstellung in Medien, unter anderem in Computerspielen;
  • Sicherheitsmaßnahmen an Schulen;
  • Stärkung des Erziehungsauftrages der Eltern.

Der Bericht legte seinen Schwerpunkt auf die Gewaltprävention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Empfehlungen reichen von „Mehr männliche Erzieher und (Grundschul-)Lehrer in der frühkindlichen Bildung als männliche Vorbilder“ über mehr Beratungslehrer an Schulen und das Anti-Gewaltprogramm „Dan Olweus“ an allen Schulen bis zu einer besseren Versorgung mit Schulsozialarbeitern und -psychologen. Fakt ist: Erzieher sind an Kitas weiter in der Minderheit – auf einen Erzieher kamen 2014 noch immer 40 Erzieherinnen; der Anteil erhöht sich nur in homöopathischen Dosen.

Schulsozialarbeit wurde seit 2010 deutlich ausgebaut

Die Schulsozialarbeit wurde jedoch seit 2010 deutlich ausgebaut und wird wieder vom Land mitfinanziert. Die schulpsychologische Beratung verbesserte sich deutlich, die Zahl der Psychologen hat sich mehr als verdoppelt. Im Rems-Murr-Kreis sind acht Schulpsychologinnen tätig.

Der Sonderausschuss empfahl, an allen Schulen das Anti-Gewalt-Programm nach dem skandinavischen Psychologen Dan Olweus zu verankern. Davon ist der Rems-Murr-Kreis weit entfernt. Für Christoph Palm, den Vorsitzenden des Sonderausschusses, kommt es weniger auf Programme an als auf eine Kultur des Hinschauens, „das Erkennen des Auffälligen im Unauffälligen“. Es seien eben nicht die Rowdys und Störer im Klassenzimmer, die in ihrer seelischen Not zu Amokläufern zu werden drohen. Es seien wie der Winnender Amokläufer eher die Stillen, die einen Ausweg in einem erweiterten Suizid sehen.

Der Umgang mit Waffen war bis 2010 eher lax. Nicht nur in der Familie des 17-jährigen Amokläufers, dessen Vater deshalb für den Amoklauf mitverantwortlich gemacht und verurteilt wurde. Der Schock des Amoklaufes hat dazu geführt, dass Waffenbesitzer schärfer kontrolliert werden – zumindest im Rems-Murr-Kreis; wie konsequent die Behörden in anderen Gegenden vorgehen, bleibt zweifelhaft. Die Beanstandungen in den Großen Kreisstädten und beim Landratsamt Rems-Murr sind stark rückläufig. Eine Lücke bleibt: Während ein Auto jedes zweite Jahr zum TÜV muss, schaffen es in diesem Zeitraum die Kontrolleure nicht, tödliche Waffen zu überprüfen.

Bis heute gibt es kein einheitliches System im Land

Die Gewaltdarstellung in den Medien hat in den vergangenen zehn Jahren nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Filme in Fernsehen und Streamingdiensten sind brutaler und blutiger denn je; Computerspiele sind unter männlichen Jugendlichen gang und gäbe und gehören zur Jugendkultur. Die Annahme, sogenannte „Killerspiele“ seien eine Einstiegsdroge für Amokläufe, ist mehr denn je umstritten. Die Forderung des Sonderausschusses, die medienpädagogische Erziehung und Präventionsarbeit an Schulen weiterzuentwickeln, hat gleichwohl Gültigkeit, zumal Medienpädagogik an Schulen ein Schattendasein führt und sich auf die Diskussion reduziert, ob, wann und wie Smartphones erlaubt sind.

Einfache Lösungen gibt es keine. Auch nicht bei den Sicherheitsmaßnahmen an Schulen. „Wir wollten keine populistischen Geschichten machen“, sagt Christoph Palm zu den Vorschlägen, die passive Sicherheit an den Schulen zu verbessern, Klassenzimmer verschließbar zu machen und das Alarmsystem zu verbessern. Bis heute gibt es kein einheitliches System im Land und selbst nicht im Rems-Murr-Kreis. Inwieweit das Alarmierungssystem heute funktioniert und Polizei und Rettungsdienste schnell vor Ort sind, bleibt bis zum nächsten Ernstfall offen. In Winnenden wurde 2018 ein Amokalarm ausgelöst, der sich glücklicherweise als Fehlalarm herausstellte. Der Fall zeigte allerdings, dass die Kommunikation zwischen Schulen und Polizei nicht reibungslos funktionierte.

Mit der Stärkung des Erziehungsauftrages der Eltern wollte der Ausschuss Eltern ganz konkret unterstützen. Vätern und Müttern sollten für die typischen Umbruchphasen ihrer Kinder Beratungsangebote gemacht werden. In der Folge entstand unter anderem das Landesprogramm „Stärke“.